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Fotostrecke: Das neue Jahrzehnt in Grafiken

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Demografie, Arbeitsmarkt, Sozialversicherungen Deutschland in den neuen Zwanzigern

Drei Millionen Rentner mehr, fast vier Millionen potenzielle Arbeitskräfte weniger: Im neuen Jahrzehnt wird Deutschland deutlich altern - und der Sozialetat gesprengt. Ein kleiner Ausblick.

Christian Böllhoff ist der Mann für die langen Linien. Böllhoff leitet die Beratungsfirma Prognos, er hilft Unternehmen einzuschätzen, wie sich die Dinge entwickeln. "Das nächste Jahrzehnt", sagt Böllhoff, "ist geprägt von den zwei großen D": der Digitalisierung und, noch wichtiger, der Demografie.

Seit 1964 erstellt Prognos regelmäßig den Deutschland-Report, ein Handbuch für die Zukunft der Republik. Sein Inhalt lässt ahnen, worauf sich die Bürger gefasst machen müssen.

In den Zwanzigerjahren werden die Babyboomer in den Ruhestand gehen, es sind die Jahrgänge 1955 bis 1967, jeder Jahrgang zählt rund 1,3 Millionen Bürger. Die nachfolgende Generation, die ab Mitte der Siebzigerjahre geboren wurde, ist deutlich schwächer besetzt.

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Die Folge: Innerhalb der kommenden zehn Jahre wird die Zahl der Bürger zwischen 20 und 64 Jahren um 3,8 Millionen schrumpfen. Es ist die Altersgruppe der potenziell Erwerbsfähigen, die Wohlstand schaffen, die Steuern und Beiträge zahlen. Der Verlust ist - rein statistisch - nur vergleichbar mit der Dezimierung einiger Weltkriegsjahrgänge.

Zugleich wird es bis zum Ende der Dekade in Deutschland gut drei Millionen Rentner mehr geben als heute. Jeder vierte Bundesbürger wird dann über 67 Jahre alt sein: 19 Millionen Personen. Und die Zahl der Pflegebedürftigen steigt um 600.000 auf 4,1 Millionen. Deutschland wird zur Altenrepublik.

Wenn Millionen mehr in Rente gehen und Millionen weniger arbeiten, tut sich eine Finanzierungslücke auf, dann geraten die Sozialkassen unter Druck. Von 2020 bis 2030 werden die Ausgaben für Renten-, Pflege-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung laut Prognos von 679 Milliarden um fast die Hälfte auf 996 Milliarden Euro steigen, das ist eine zusätzliche Last von jährlich gut 30 Milliarden Euro. Der Beitragssatz für die Sozialkassen lässt sich dann nicht mehr unter 40 Prozent vom Bruttoverdienst halten, er klettert auf mehr als 45 Prozent.

Damit steigen die Sozialausgaben für die Bürger - und anteilig für die Unternehmer: Sie müssen sich im kommenden Jahrzehnt auf deutlich höhere Arbeitskosten einstellen. Es ist deshalb absehbar, dass - wie in den Neunzigerjahren - die Standortfrage die Debatte bestimmen wird: Lohnnebenkosten, Urlaubsansprüche, die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands.

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Der Bochumer Ökonom Martin Werding berät die Bundesregierung in der Frage, was die demografiebedingt steigenden Kosten für den Staat bedeuten. Selbst mehr Geburten und Zuwanderung könnten die Probleme nicht lösen, die auf das Land zukämen, sagt er. Langfristig seien die Sozialfinanzen nicht tragfähig. Bis 2025 werde man mit den Reserven aus der Rentenkasse auskommen, so Werding. Wie es dann aber weitergehe, sei unklar. "Darauf sind wir nicht vorbereitet. Und wenn jetzt die Konjunktur erheblich abflaut, wird es noch schwieriger."

Später Lebensabend

Gegensteuern lässt sich nach Meinung Werdings nur, wenn es mehr Geburten und mehr Zuwanderung gebe, wenn Frauen stärker als bisher in Vollzeit arbeiten würden und wenn die Bürger später in Rente gingen. Die durchschnittliche Lebenserwartung wird weiter steigen. Auch wird damit gerechnet, dass immer mehr Menschen hundert Jahre und älter werden. Im Jahr 2030 werden es voraussichtlich rund 30.000 sein. Derzeit liegt die Zahl in Deutschland bei rund 16.000.

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Werding fordert eine Debatte um die Regelaltersgrenze, die nach 2030 bei 67 Jahren liegt. "Es ist unverzichtbar, danach die aktive Lebensphase weiter zu verlängern." Man solle offen darüber reden, denn es brauche einige Jahre Vorlauf, damit sich Betroffene darauf einstellen könnten.

Andere Länder haben zusätzlich zum umlagefinanzierten System private Elemente der Altersvorsorge eingeführt. In Schweden gibt es einen Staatsfonds, in den Arbeitnehmer einen Teil ihres Lohns einzahlen. In Großbritannien existiert ein Betriebsrentensystem, das auch kleineren Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, für ihre Mitarbeiter kostengünstig Vorsorge zu organisieren. Solche privaten Modelle wurden bereits in den Neunzigerjahren in Deutschland diskutiert - aber nicht weiter verfolgt.

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