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24. Januar 2018, 21:50 Uhr

Weltwirtschaftsforum in Davos

Macron bewirbt sich um Merkel-Nachfolge

Aus Davos berichtet

Angela Merkel meldet sich in Davos auf internationaler Bühne zurück. Doch die deutsche Führungsrolle in Europa ist keineswegs mehr selbstverständlich. Denn auch Frankreichs Präsident Macron meldet Ansprüche an.

Als Emmanuel Macron seine Rede nach einer Stunde beendet, erheben sich die Leute im Saal. Die versammelte Elite aus Managern, Wissenschaftlern und Politikern applaudiert dem französischen Präsidenten. Schnell drängt sich ein Pulk von Menschen um Macron, sie wollen ihn sehen, ihn fotografieren, mit ihm sprechen.

Es ist der Auftritt eines Stars. Wer ihn zum Maßstab nimmt, kann schnell zu dem Schluss kommen, dass hier der neue Anführer Europas gesprochen hat.

Vier Stunden zuvor hatte die Frau ihren Auftritt, die diese Rolle bisher innehatte. Angela Merkel hat Europa in den schweren Zeiten der Eurokrise angeführt - oft notgedrungen allein, weil die französischen Präsidenten schlicht zu schwach waren.

Auch Merkel hat beim Weltwirtschaftsforum in Davos eine achtbare Rede gehalten - wenn auch viel kürzer als die von Macron. Sie hat über Deutschland gesprochen, aber auch über Europa, das enger zusammenrücken müsse, um in der Welt eine Rolle zu spielen. "Wir müssen unser Schicksal mehr in die eigene Hand nehmen", sagte sie.


Merkels Rede war auch deshalb besonders, weil sie zuvor so lange geschwiegen hatte. Die letzten Monate war die Bundeskanzlerin nur noch kommissarisch im Amt. Zu internationalen Themen hat sie sich kaum geäußert - weil sie um die Bildung einer neuen Regierung ringen musste, aber auch, weil ihr schlicht das Mandat fehlte. Allzu konkret konnte sie deshalb auch diesmal nicht werden. Doch ihre Rede war zumindest ein Signal an die internationale Gemeinschaft und besonders an die Wirtschaftsführer: Deutschland ist noch da. Und es wird auch bald wieder voll handlungsfähig sein.

Die Botschaft kam an - und dürfte einige internationale Gäste beruhigt haben, die in den vergangenen Monaten verständnislos und besorgt auf die Berliner Koalitionsgespräche geschaut hatten. Instabilität? Ausgerechnet in Deutschland?

Doch auch wenn Merkel diese Sorgen vorerst zerstreuen konnte, bleibt die Frage, wer Europa künftig anführen soll, offen. Merkels Position, so der Eindruck in Davos, könnte auf internationalem Parkett zumindest schwächer geworden sein. Macron schlüpft mehr und mehr in die Rolle des europäischen Anführers. Nicht zufällig hatte er Anfang der Woche eine internationale Delegation von Wirtschaftsbossen erst mal nach Paris beordert, bevor die Top-Manager nach Davos weiterreisen konnten.

Auch am Mittwoch ließ der französische Präsident keinen Zweifel daran, dass er große Visionen für Frankreich und die EU hat. Noch in diesem Jahr, so Macron, müsse Europa eine Zehn-Jahres-Strategie erarbeiten. "Unsere Vision von Freiheit und Gerechtigkeit ist einzigartig." Es gehe darum, der "Globalisierung einen Sinn zu geben", sagte Macron, "sonst werden in fünf oder zehn Jahren die Nationalisten und Populisten die Wahlen gewinnen".

Merkel ließ es zwar wie gewohnt etwas nüchterner angehen, aber auch sie beschwor die europäische Einigung - und lobte Macron. Mit ihm, so Merkel, sei "noch einmal zusätzlich Schwung in die Europäische Union gekommen. Das wird uns stärken".

In den Details blieben beide vage. Doch es scheint, als wolle man sich zumindest bei den Unternehmenssteuern künftig besser absprechen - auch, um sich nicht von US-Präsident Donald Trump in einen Unterbietungswettlauf bei den Steuersätzen treiben zu lassen.

Pathetische Visionen - plus Pragmatismus

Über viele andere Fragen, wie ein gemeinsames Budget für die Eurozone, dürften die beiden künftig noch streiten. Macron hatte diesen und andere Vorschläge schon im vergangenen September kurz vor der Bundestagswahl gemacht - und wartet bis heute auf eine Antwort aus Berlin.

Auch in Davos hielt Merkel sich erstmal alles offen - schließlich will sie in der aktuellen Lage weder die Skeptiker zu Hause in Deutschland noch jene in Osteuropa allzusehr verärgern. "Wir müssen lernen, auf die großen Fragen in Europa Antworten zu finden und die Fragen, die auch vor Ort zu lösen sind, auch die Menschen vor Ort lösen zu lassen", sagte Merkel. "Sonst gibt es kein gutes Klima in Europa."

Vielleicht wird es in den kommenden Jahren gerade die Verbindung aus Macrons pathetischen Visionen und Merkels nüchternen Pragmatismus sein, die Europa nach vorne bringt. Wer dabei die Führung übernimmt, ist noch nicht ausgemacht.

In der Wirtschaft würde es viele sogar freuen, wenn Merkel zumindest nicht mehr alleine an der Spitze stünde. Die deutsche Vormacht sei in der Eurokrise durchaus sinnvoll gewesen, sagt ein deutscher Top-Manager. Doch wenn es um eine neue Vision für Europa gehe, sei es vielleicht besser, wenn Frankreich das nun übernehme - unterstützt durch Deutschland.

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