Keine niedrigeren Zinsen Dax fällt nach EZB-Entscheidung

Trotz der schwächelnden Konjunktur hat die Europäische Zentralbank die Zinsen vorerst nicht gesenkt. Anleger reagieren enttäuscht.

Händler im Saal der Frankfurter Börse
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Händler im Saal der Frankfurter Börse


Die Freude der Anleger über eine nahende Zinssenkung und mögliche neue Geldspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB) ist an diesem Nachmittag der Ernüchterung gewichen: Der deutsche Leitindex Dax verlor an diesem Donnerstag mehr als ein Prozent. Er büßte damit seine zwischenzeitlichen Gewinne ein, kurz nach der Zinsentscheidung hatte das Börsenbarometer noch 100 Punkte zugelegt.

Auch der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx50, der die wichtigsten Unternehmen der Eurozone umfasst, verlor deutlich an Wert.

"Anleger sind enttäuscht, dass es kein klareres Signal für einen Zinsschritt im September gab", sagte Commerzbank-Analystin Esther Reichelt. Sie hätten auf Hinweise gehofft, dass die Maßnahmen quasi beschlossene Sache seien. "Jetzt bleibt ein Restrisiko." Sie rechne aber weiterhin damit, dass die EZB angesichts der schwächelnden Konjunktur vor dem Jahresende handeln werde.

Angesichts düsterer Wirtschaftsaussichten hatte die EZB zuvor in ihrer Ratssitzung die Weichen für eine erneute Zinssenkung gestellt. In ihrem Ausblick gehen die Währungshüter davon aus, dass die Zinsen mindestens über die erste Hälfte des Jahres 2020 auf ihrem aktuellen Niveau oder "darunter" bleiben werden.

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EZB-Chef Mario Draghi begründete dies unter anderem mit geopolitischen Risiken und Protektionismus. Es seien "signifikante geldpolitische Impulse" notwendig, sagte er auf der Pressekonferenz im Anschluss an die Zinsentscheidung. Er bekräftigte frühere Aussagen, dass die Notenbank bereit sei, alle geldpolitischen Instrumente anzupassen.

Bankaktien steigen

Vor allem in Industrieländern werde die Situation "schlimmer und schlimmer", sagte Draghi. Neben dem schon mehr als ein Jahr andauernden Handelskonflikt zwischen den USA und China, zunehmenden geopolitischen Spannungen und der Möglichkeit eines harten Brexit litten die exportgetriebenen Wirtschaftszweige auch unter der schwachen Entwicklung auf dem chinesischen Markt.

Die EZB beauftragte deshalb ihre Ausschüsse, alle Optionen zu prüfen, darunter Staffelzinsen sowie erneute Anleihekäufe. Den Kauf frischer Staats- und Unternehmensanleihen hatte die EZB Ende vergangenen Jahres beendet. Die Gelder aus auslaufenden Papieren werden aber vorerst wieder investiert. Seit Längerem wird spekuliert, Europas Währungshüter könnten das vor allem in Deutschland umstrittene Programm wieder aufnehmen.

Draghi: "Ich stehe nicht als IWF-Chef zur Verfügung"

Die Aussicht auf den Aufkauf weiterer Anleihen trieb die Kurse europäischer Banken an. Hierzulande gewannen Papiere der Deutsche Bank zwischenzeitlich gut vier Prozent, auch Commerzbank-Aktien legten zu.

Noch immer halten Europas Banken in großem Umfang Staatsanleihen in ihren Portfolios, allen voran italienische Geldhäuser wie Unicredit und Intesa Sanpaolo. Deren Kurse legten in Mailand ebenfalls zu. Mit neuen Anleihekäufen durch die Euro-Notenbank dürften die Risikoaufschläge auf diese Staatspapiere niedrig bleiben, sagte ein Händler.

Unterdessen kündigte der scheidende EZB-Chef Draghi an, nicht Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) werden zu wollen. "Ich stehe nicht zur Verfügung", sagte er. Damit wird er in Washington nicht Nachfolger seiner eigenen Nachfolgerin bei der EZB - der IWF-Chefin Christine Lagarde. Diese hält Draghi für eine hervorragende Wahl: "Sie wird eine ausgezeichnete EZB-Präsidentin sein." Er kenne sie schon sehr lange - "vielleicht länger als sie und ich uns eingestehen wollen".

hej/dpa/Reuters



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Europa! 25.07.2019
1. Das ist nur fair
Draghi hat viel für den Euro und für Europa getan. Dass er Christine Lagarde jetzt nicht vorgreift, ist nur fair und anständig. Ein Gentleman par excellence!
53er 25.07.2019
2. Da sehr viel Anlagevermögen in Fonds vergraben ist,
haben nicht die Anleger enttäuscht reagiert sondern wohl eher die Anlegerknechte. Ob das wirklich im Sinne der Anleger war, ist ungewiss. Eine Steigerung der Inflation durch wundersame Geldvermehrung ist nicht unbedingt im Sinne der Anleger, von daher liegt die EZB eher richtig, macht aber den Knechten das Leben schwer.
stelzerdd 25.07.2019
3. Zinssenkung unter Null
"Die Anleger" - wer auch immer das ist - sind enttäuscht, daß die Zinsen nun doch nicht unter 0,0 gesenkt werden. Wenn es nicht so traurig wäre - Staatsfinanzierung auf Kosten der Sparer - könnte man "die Anleger" für komplett irrsinnig halten.
ackermart 25.07.2019
4. Nicht genug damit ...
, dass es ja längst gar keine Zinsen mehr gibt. Nun muss sich der so beraubte "Sparer" die Entwertung seines Geldes dessen "Zinsenkung" nennen lassen, so als gäbe es noch Zins. Soll er etwa selber "darauf kommen", dass dann ja auch "nur Nichts" entwertet wird? Hält man ihn so zynisch bereits zum Narren?
hugahuga 25.07.2019
5.
Den Anlegern ist NULL nicht ausreichend - was die Sparer davon halten, scheint nicht zu interessieren.
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