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21. März 2011, 12:58 Uhr

Debatte über Ende der Währungsunion

Warum Deutschland den Euro braucht

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Griechenland pleite, Irland pleite - und bald auch Portugal? Auf den ersten Blick scheint es für die Bundesrepublik verlockend, die Euro-Union zu verlassen. Doch dieser Schritt wäre ökonomischer Selbstmord. Denn die D-Mark würde massiv aufgewertet, die deutsche Wirtschaft implodieren.

Ob Freundschaft oder Handyvertrag - die meisten Dinge, auf die man sich einlässt, sind endlich. Da liegt es nahe, dass auch eine Währungsunion kein Bund für die Ewigkeit ist. In der Theorie stimmt das sogar. Und selbst in der Praxis gibt es Vorbilder - etwa in Jugoslawien oder in der Tschechoslowakei.

Was einfach klingt, ist in Wahrheit aber kompliziert: Meist ging dem Ende des gemeinsamen Geldes ein Bruch des politischen Bundes oder sogar ein Krieg voraus. Denn eine Währungsunion lässt sich nicht so leicht auflösen wie gründen.

Das gleiche gilt auch für den Euro. Er ist eine Schicksalsgemeinschaft: Entweder halten alle zusammen. Oder alle gehen gemeinsam unter. Dennoch wird die Debatte - vor allem in Boulevardmedien - immer wieder geführt. Dabei wäre das Ende der Währungsunion ein Horrorszenario.

Stellen wir uns den Prozess einmal vor: Schon allein die Ankündigung einer Rückkehr zu D-Mark, Franc, Lira und Peseta führt zum Chaos auf dem europäischen Kontinent und zu Verwerfungen auf den globalen Finanzmärkten. Die Auswirkungen sind schlimmer als die Konsequenzen der Pleite von Lehman Brothers. Es droht die "Mutter aller Finanzkrisen", warnt etwa der Ökonom Barry Eichengreen.

Die Bundesrepublik ist in einem Europa des renationalisierten Geldes die einzige echte Trutzburg der Stabilität. Dieser schwarz-rot-goldenen Schweiz in groß stehen Länder gegenüber, die aus purem Eigennutz zu Weichwährungen zurückkehren. So können etwa Griechenland und Spanien Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen.

Geldflucht und geschlossene Grenzen

Es spricht aber nichts dafür, dass die Bevölkerungen in diesen Staaten auch nur annähernd Lust verspüren, beim Abwertungswettlauf mitzuspielen. Ihnen droht der Verlust eines Großteils ihrer Ersparnisse. Von den Iren bis zu den Portugiesen - alle bringen in dem Moment, in dem sie vom Ende des Euro erfahren, ihr Geld in Sicherheit.

Bestenfalls lassen sich die Bürger ihre Guthaben in Euro oder Dollar auszahlen. Wahrscheinlicher ist aber, dass sie versuchen, ihre Ersparnisse nach Deutschland zu schaffen. Die betroffenen Staaten müssen diese Geldflucht bremsen, verhängen Kapitalsperren und machen die Grenzen dicht.

Es ist ein Rückfall in die Nachkriegszeit.

Allein diese absehbare Reaktion hat unabsehbare Folgen. Viel gravierendere Probleme ergeben sich jedoch ab dem Tag, an dem die nationalen Währungen tatsächlich wieder da sind. Unabhängig davon, welche Wechselkurse die Regierungen zuvor festlegen, ziehen die Finanzmärkte die Konsequenzen aus den wirtschaftlichen Unterschieden zwischen den Ländern. Die meisten nationalen Währungen werten gegenüber der D-Mark massiv ab.

Die negativen Folgen überwiegen

Es gibt sogar Schätzungen, wonach die griechische Drachme 80 Prozent an Wert verliert, das irische Pfund, der portugiesische Escudo und die spanische Peseta jeweils rund die Hälfte. Die italienische Lira rauscht um 25 Prozent in den Keller - und selbst der französische Franc gibt um 15 Prozent nach.

Na und, mag manch einer denken. Dann ist die D-Mark doch wieder stahlhart wie früher. Einige positive Folgen gibt es: Konsumgüter aus dem Ausland werden billiger. Genauso wie Rohstoffe. Auch ihre Reisefreude können die Deutschen noch besser ausleben. Große Teile Europas werden zum Billigparadies. Alles positive Nebeneffekte, keine Frage. Aber sie sind zu schön, um wahr zu werden.

Die negativen Folgen einer Rückkehr zur D-Mark sind viel größer. Wertet die Mark massiv auf, verliert die Bundesrepublik an Wettbewerbsfähigkeit.

Dies hat dramatische Folgen: Mehr als zwei Drittel der deutschen Exporte gehen in die EU-Staaten. Ein anderer wichtiger Absatzmarkt ist die größte Volkswirtschaft der Welt, die USA. Auch gegenüber dem Dollar legt die D-Mark wohl zu.

So sehr das Qualitätssiegel "Made in Germany" weltweit anerkannt ist, Preissteigerungen von 20 oder gar 50 Prozent kann kein Exporteur durchsetzen. Schon gar nicht binnen kurzer Zeit. Also versuchen die deutschen Firmen, ihre Preise im Ausland halbwegs stabil zu halten. Sie verlagern ihre Produktion oder reduzieren ihre Kosten im Inland.

Beides bedeutet den Wegfall Hunderttausender, vielleicht sogar von Millionen Jobs. Anders als im Zuge der Finanzkrise sind die Arbeitsplätze langfristig weg. Es gibt ja ein dauerhaftes, strukturelles Problem und nicht ein vorübergehendes, konjunkturelles.

Kommt die Drachme, bleiben die Euro-Schulden

Steigende Arbeitslosigkeit, sinkende Einkommen - die Deutschen zahlen einen hohen Preis. Hinzu kommt: Viele haben große Vermögen im europäischen Ausland. Nicht auf Nummerkonten, sondern oft, ohne es zu wissen. Versicherungen, Banken, Investmentfonds haben gigantische Beträge dort investiert.

Wertet die D-Mark auf, verlieren diese Anlagen an Wert. Es existieren Berechnungen, wonach ein D-Mark-Plus von 20 Prozent zu einem Vermögensverlust der Deutschen von 160 Milliarden Euro führt.

Die heißgeliebte alte Währung tut also genau das Gegenteil von dem, wofür sie verehrt wird: Sie enteignet ihre Besitzer.

Die Bundesregierung erhöht im Zweifel noch die Steuern. Nicht, um den griechischen Staat zu retten, sondern deutsche Banken. Es ist - vorsichtig formuliert - leichtsinnig, zu glauben, nach der Rückkehr der D-Mark müsse sich niemand mehr Gedanken über die Finanzen anderer Staaten machen. Die Länder, die jetzt unrühmlich PIIGS genannt werden - also Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien - haben weiterhin gigantische Schulden.

Beispiel Griechenland:

Alle Fonds und Banken, die Griechenland Geld geliehen haben, schreiben nun die Hälfte ihrer Forderungen ab. Privatanleger weltweit erleiden Verluste. Und unzählige Banken kommen in die Bredouille. Die Geldhäuser haben nicht nur dem griechischen Staat Geld geliehen, sondern auch Banken und Firmen. Und diese leiden unter den gleichen Problemen wie der Staat.

Allein deutsche Finanzinstitute haben in Griechenland Kredite in Höhe von 28 Milliarden Euro vergeben, bei einer Umschuldung von 50 Prozent müssen sie 14 Milliarden Euro abschreiben. Was dann passiert, ist absehbar: nichts anderes als in der Finanzkrise.

Globalisierung kann so trivial sein

Erinnern Sie sich noch an das Wort "systemrelevant"? Genau: Die Regierung verabschiedet ein Gesetz zur Bankenrettung, und der Steuerzahler springt ein.

Und es gibt ja nicht nur Griechenland. Egal, ob Spanien, Portugal, Italien oder Irland, alle erleiden ein ähnliches Schicksal. Nur um diese Zahl mal zu nennen: Deutsche Banken haben an die Regierungen, Finanzinstitute und Unternehmen allein in den genannten vier Ländern Kredite in Höhe von 420 Milliarden Euro vergeben. Schon ein 25-prozentiger Abschlag auf die Schulden hat Abschreibungen von mehr als hundert Milliarden Euro zur Folge.

Den Banken in anderen Staaten geht es nicht besser, es hängt ja heute einfach alles mit allem zusammen. So trivial kann Globalisierung sein. Entsprechend bedeutet das Aus für den Euro wohl die Kernschmelze des globalen Finanzsystems.

Ein Ende der Währungsunion nach dem Prinzip "Der Euro heißt jetzt D-Mark, und sonst ändert sich nichts", wird nicht funktionieren.

Lesen Sie im fünften Teil, warum ein Auseinanderbrechen der Währungsunion auch zur Implosion der EU führt.

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