Debatte über Flugsicherheit Gewerkschaft verlangt mehr Lohn für Sicherheitsleute

Wie viel Sicherheit bekommt man für 7,50 Euro in der Stunde? Die durch Fehlverhalten ausgelöste Panne am Münchner Flughafen hat eine Lohndebatte ausgelöst: Die Gewerkschaft der Polizei fordert eine deutlich bessere Bezahlung für die Mitarbeiter der Kontrollunternehmen - sonst passierten Fehler.
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Flughafen München: Sprengstoff-Alarm beim Security-Check

Foto: Werner Hennies/ picture-alliance/ dpa

München - Durch den Vorfall am Münchner Flughafen ist die Debatte über die Qualifikation des Sicherheitspersonals von neuem entbrannt. Die Mitarbeiter der Unternehmen, die die Checks an deutschen Flughäfen durchführen, müssen nach Ansicht der Gewerkschaft der Polizei deutlich besser bezahlt werden.

Sie müssten derzeit unter denkbar schlechten Rahmenbedingungen arbeiten, und das könne nicht zu mehr Sicherheit führen, sagte der für die Bundespolizei zuständige Gewerkschaftschef Josef Scheuring am Donnerstag. "Wir haben heute die Situation, dass wir dort Löhne haben von 7,50 Euro bis 10, 11 Euro - absolute Niedriglöhne - und einen irren Druck auf die Beschäftigten", beklagte Scheuring.

Unterstützung bekommt die Gewerkschaft aus der Politik. Die bayerische FDP wies darauf hin, dass in dem Fall auch kein Körperscanner geholfen hätte. Das Problem sei vielmehr fehlendes oder schlecht ausgebildetes Personal. "Erneut zeigt sich, dass die Technik funktioniert. Wenn Fehler passieren, dann durch fehlende Personalausstattung", sagte Landtagsfraktionschef Thomas Hacker dem Bayerischen Rundfunk.

Privatisierung hat Druck erhöht

Beim Check-in eines Passagiers am Flughafen in München hatte am Mittwoch dessen Notebook Sprengstoffalarm ausgelöst, dennoch konnte der Mann das Gerät wieder an sich nehmen und unerkannt im Sicherheitsbereich des Airports verschwinden. Eine Auswertung der Videoaufnahmen vom Sicherheitscheck habe bislang keine Hinweise auf die Identität des Mannes ergeben, sagte Albert Poerschke, Sprecher der Flughafenpolizei. Die Ermittler suchen weiter nach einem Mann mittleren Alters.

Nach Einschätzung des Regierungspräsidenten von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, ist der Zwischenfall auf das Fehlverhalten einer Mitarbeiterin der Sicherheitsfirma zurückzuführen. Die Frau habe sich nicht an die Dienstanweisung zur Kontrolle gehalten. Die Frau hätte den Passagier "nicht aus den Augen lassen dürfen". "Das ist eindeutig so vorgeschrieben, so wird geschult", sagte der Behördenleiter. "Dieser Fehler darf nie passieren, aber er darf sich auch nie, wenn er passiert ist, wiederholen."

Der nach wie vor unbekannte Passagier habe sich vor seinem Verschwinden völlig unverdächtig verhalten. Der circa 50-Jährige habe noch auf Englisch mit anderen Reisenden geplaudert. Er habe dann seinen Laptop genommen und sei "in aller Gemütsruhe" gegangen. Es habe sich keineswegs um eine Flucht gehandelt, sagte Hillenbrand.

Der Fehler der Beschäftigten sei es vor allem gewesen, dem Mann den Zugriff auf den Laptop zu ermöglichen. In jenem Moment sei in einem Hinterzimmer noch die chemische Analyse einer Wischprobe des Rechners auf Sprengstoffspuren gelaufen. Dabei sei von einem Gas-Chromatografen ein Stoff gefunden worden, der in vielen Sprengstoffen, aber auch in Ölen oder Parfums, vorkomme. Doch noch vor einer abschließenden Klärung war der Passagier bereits verschwunden.

"Soziale Rahmenbedingungen verschlechtert"

Gleichzeitig wies Hillenbrand Vermutungen zurück, wonach das Sicherheitspersonal schlecht bezahlt und nur mangelhaft angelernt werde. Die etwa 1100 Mitarbeiter der privaten Gesellschaft im Besitz des Freistaats Bayern würden nach dem Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes vergütet. Zudem habe jene Beschäftigte, die sich fehlerhaft verhalten hatte, rund 20 Jahre Erfahrung gehabt.

Das aber sieht die Gewerkschaft der Polizei anders, sie sieht ein grundsätzliches Problem: Die Ursache des Vorfalls sei die Privatisierung der Kontrollen in den neunziger Jahren. "Wenn ein Mensch nicht funktioniert, dann haben wir da schon ein Problem in der Luftsicherheitskette", sagte der GdP-Vorsitzende Scheuring.

Solche Pannen könnten passieren, weil die Passagierzahlen stetig zugenommen hätten und der betriebswirtschaftliche Druck auf die Mitarbeiter immer größer werde: "Die Anforderungen an die Luftsicherheit sind die letzten Jahre dramatisch gestiegen." Gleichzeitig hätten sich die sozialen Rahmenbedingungen verschlechtert. Diese Entwicklung müsse korrigiert werden. "Wir fordern, dass diese Aufgabe wieder verstaatlicht wird, dass dort Menschen eingesetzt werden, die eine gute Ausbildung haben", sagte Scheuring. "Angst ist niemals eine gute Grundlage für arbeitende Menschen, und die stehen unter einem enormen Druck."

"Man braucht beides: Geräte und gesunden Menschenverstand"

Nach der Panne war ein Teil des Münchner Airport-Terminals II am Mittwoch stundenlang gesperrt gewesen. Mehr als hundert Flüge waren verspätet oder wurden annulliert. Die Unannehmlichkeiten der Reisenden interessieren Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) allerdings weniger. "Ich nehme den Vorgang sehr ernst", sagte de Maizière zu dem Eindruck, der von den Sicherheitsvorkehrungen blieb. Dazu hat er auch allen Grund. Denn wie Thomas Borowik, der Sprecher der Bundespolizei, es schildert, verstrichen "etliche Minuten" bis zur Alarmierung der Polizei. In dieser Zeit hätte der Mann sein Flugzeug erreichen können. Und das Flugzeug hätte wohl auch noch starten können - laut Bayerischem Rundfunk hoben nach dem Zwischenfall noch fünf Maschinen ab, bevor der Flugverkehr gestoppt wurde.

Die Frage, was gewesen wäre, wenn der Mann tatsächlich Sprengstoff dabei gehabt hätte, bleibt zwar hypothetisch. Gleichwohl will de Maizière nun checken lassen, ob am Flughafen München "gegebenenfalls Konsequenzen gezogen werden" müssen. Die Prüfung könnte auch Auswirkungen auf alle deutschen Airports haben - sofern sich Fehler "struktureller Art" herausstellen, wie der Minister im Deutschlandfunk sagte. Er sieht in dem Vorfall aber auch ein Argument für die Körperscanner, über deren Einsatz womöglich im Sommer entschieden werden könne.

Vielleicht funktionierte in München aber auch einfach nicht das Zusammenspiel von Gerät und Mensch. Die Regierung von Oberbayern, die die dem Freistaat Bayern gehörende Sicherheitsfirma beaufsichtigt, bemängelte, dass die Kontrolleurin die geltenden Sicherheitsanweisungen nicht eingehalten habe. Demnach hätte der Passagier nach dem Alarm niemals den Laptop in die Finger bekommen dürfen. "Man braucht beides", sagt deshalb auch de Maizière: Funktionierende Geräte und gesunden Menschenverstand.

sam/dpa/Reuters/AFP
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