Debatte über US-Kandidaten Kim Ein Weltbankchef mit Wachstumsschwäche

Ist Wachstum schädlich? Ja, schrieb der designierte Weltbankchef vor zwölf Jahren. Das bringt Jim Yong Kim jetzt in Schwierigkeiten. Denn Wachstum gilt vielen Ökonomen noch immer als die beste Entwicklungshilfe.

Designierter Weltbankchef Kim:
dapd

Designierter Weltbankchef Kim:

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Hamburg - Schon der Umschlag ist ziemlich eindeutig: Im Vordergrund steht ein junges Mädchen in einer vermüllten Slum-Kulisse, im Hintergrund ragen die Hochhäuser einer Großstadt empor. Dazwischen zwei aufsteigende Zickzacklinien, wie man sie von Börsenkursen kennt und der Titel: "Dying for Growth". Als "Hunger nach Wachstum" lässt sich das übersetzen. Aber eben auch als das Sterben fürs Wachstum.

Das im Jahr 2000 erschienene Buch ist eine Sammlung von 14 Fallstudien, die den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und der Gesundheit der Armen untersuchen. Unter normalen Umständen würde es wohl in Universitätsbibliotheken verstauben. Doch einer der Herausgeber war Jim Yong Kim, der US-Kandidat für den Chefposten bei der Weltbank. An seiner Nominierung bestand eigentlich kein Zweifel mehr. Doch nun gerät Kim laut einem Bericht der "Financial Times" ("FT") in Bedrängnis - weil das Buch "explosive Zitate" zum Thema Wachstum enthalte.

Tatsächlich nehmen Kim und seine Co-Autoren im Vorwort kein Blatt vor den Mund. "Diese Untersuchungen sind der Beweis dafür, dass das Streben nach Wirtschaftswachstum und Unternehmensgewinnen tatsächlich das Leben von Millionen Frauen und Männern verschlechtert hat", zitiert die "FT". In einer Inhaltsangabe des Verlags heißt es außerdem, der freie Markt sei "kein Selbstzweck" und es sei gebe "nichts befreiendes am modernen Kapitalismus".

Zwar zeigen sich seit der jüngsten Finanzkrise selbst konservative Politiker als Kritiker eines ungebremsten Wirtschaftswachstums. Doch einem künftigen Weltbankchef wollen Kritiker eine solche Haltung nicht zubilligen. "Dr. Kim wäre der erste Weltbankpräsident, der scheinbar gegen Wachstum ist", zitiert die "FT" den New Yorker Ökonomen und einstigen Weltbankmitarbeiter William Easterly. "Selbst die schärfsten Weltbankkritiker wie ich selbst denken, dass Wachstum das ist, was wir brauchen."

Easterlys Äußerungen zeigen einen neuen Konflikt im Kampf um den Weltbankposten. Bislang stand dabei vor allem der Widerstand von Schwellenländern im Mittelpunkt. Wie zuletzt bei der Kür der neuen IWF-Chefin wehren sie sich ebenso regelmäßig wie erfolglos dagegen, dass Europäer und Amerikaner seit Jahrzehnten die Posten bei Weltbank und Internationalem Währungsfonds untereinander ausmachen.

Zwei Lager in der Entwicklungspolitik

Auch diesmal schicken die Schwellenländer starke Kandidaten ins Rennen: Südafrika nominierte zusammen mit Angola und Nigeria die nigerianische Finanzministerin und Ex-Weltbankdirektorin Ngozi Okonjo-Iweala. Brasilien unterstützt den früheren kolumbianische Finanzminister José Antonio Ocampo. Doch auch wenn die sogenannten BRICS-Staaten eine "offene Wahl" fordern - Kims Kür werden sie kaum verhindern können.

Dafür drohen Kim nun Konflikte im eigenen Land. Offene Kapitalismuskritik von Amtsträgern ist in den USA trotz der Occupy-Proteste immer noch die absolute Ausnahme. Sozialreformer stehen schnell unter Sozialismusverdacht - das zeigt das Ringen um Obamas Gesundheitsreform, über die nun der Oberste Gerichtshof entscheiden muss.

Doch Kims Kritiker lassen sich nicht einfach als stumpfe Kapitalismusverfechter abqualifizieren, sie stehen auch für einen Grundsatzstreit in der Entwicklungspolitik. Auf der einen Seite stehen die Befürworter traditioneller Entwicklungshilfe, deren Erfolge jedoch in vielen Ländern sehr beschränkt sind. Zu ihnen gehört etwa der US-Ökonom Jeffrey Sachs, der sich selbst als Weltbankpräsident ins Spiel gebracht hatte und mittlerweile Kim unterstützt. Sachs fordert eine Verdopplung der Entwicklungshilfe für Afrika und wurde dafür von Easterly kritisiert.

Auf der anderen Seite steht der Ansatz, dass sich Länder aus eigener Kraft aus der Armut befreien. Dazu brauchen sie - zumindest in einem marktwirtschaftlichen System - Wachstum. Diese Meinung vertritt neben Easterly unter anderem auch der spanische Ökonom Xavier Sala-i-Martin. Seiner Meinung nach hat das Wirtschaftswachstum mehr zur Reduzierung der Armut in Afrika beigetragen als alle Entwicklungshilfe.

Kims Kritiker fürchten nun, der künftige Weltbankchef könnte den Wachstumsansatz vernachlässigen. Die Nominierung sei "kein Slam-Dunk", sagte der frühere Weltbankmanager Arvind Subramanian. Wirtschaftspolitik werde für den Mediziner "sehr fremd" sein.

Co-Autorin Joyce Millen verteidigte in der "FT" die Aussagen in "Dying for Growth". Kim sei "die Notwendigkeit von Wirtschaftswachstum voll bewusst. Wir haben in dem Buch gesagt, dass Wachstum als solches unzureichend ist und nicht automatisch zu einem besseren Leben für alle führt." Dieser Erkenntnis dürften dann doch nur Erzkapitalisten widersprechen.

Sollte Kim dennoch weiterhin vorgeworfen werden, er habe kein Verständnis für die Bedeutung von Wachstum, so könnte er sich auch auf die Erfahrung seiner Heimat berufen. Als er mit seinen Eltern mit Alter von fünf Jahren Südkorea verließ, zählte das Land noch zu den ärmsten der Welt. Mittlerweile ist es zu einem wohlhabenden Industriestaat aufgestiegen. Das Rezept: Wachstum, Wachstum, Wachstum.

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