Reaktion auf Deflationsstatistik "Ein Segen für die lahmende Konjunktur"

Zum ersten Mal seit 2009 gehen die Verbraucherpreise in der Eurozone zurück. Für viele Ökonomen ist das eine gute Nachricht, vor allem wegen des billigen Öls. Angst vor einer Deflationsspirale hat nur eine Minderheit.
Einkaufsstraße in Stuttgart: "Segen für die lahmende Konjunktur"

Einkaufsstraße in Stuttgart: "Segen für die lahmende Konjunktur"

Foto: Jan-Philipp Strobel/ dpa

Brüssel/Frankfurt am Main/London - Technisch herrscht nun Deflation in der Eurozone. Laut Europäischem Statistikamt sind die Lebenshaltungskosten im Dezember im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Prozent gesunken. Eine Mehrheit der Analysten und Volkswirte in der Finanzindustrie hat positiv auf die Bekanntgabe der Zahlen reagiert: Der drastisch gefallene Ölpreis als Hauptursache der negativen Inflationsrate nutze der Wirtschaft.

"Die niedrigeren Energiepreise sind ein Segen für die lahmende Konjunktur", sagt Commerzbank-Ökonom Christoph Weil. "Nur die EZB zittert", ergänzt Weil in Bezug auf die Europäische Zentralbank (EZB). Diese blickt mit Sorge auf die technische Deflation, da sie eine Inflationsrate von knapp zwei Prozent anstrebt.

Die meisten Ökonomen teilten jedoch mit, sie hätten keine Angst vor einer schädlichen Deflationsspirale, also einem anhaltenden Preisverfall auf breiter Front, der zu sinkenden Löhnen und nachlassenden Investitionen führen und somit die Wirtschaft lähmen kann.

"Auf keinen Fall" müsse man sich nun Sorgen um eine solche Entwicklung machen, sagt etwa Berenberg-Analyst Holger Schmieding. Das Verbrauchervertrauen - und damit die Kauflaune - in der Eurozone sei ziemlich hoch. Es gebe keine Zeichen dafür, dass Verbraucher nun in Erwartung weiter fallender Preise Kaufentscheidungen aufschöben. Zudem erleichterten die niedrigen Energiekosten es Schuldnern, ihre Kredite zu bedienen.

Dass die EZB nun zum Handeln gezwungen ist, sieht allerdings auch Schmieding so. Die Zentralbank sei "Meilen entfernt" von ihrem Versprechen an die Bürger der Eurozone, die Teuerungsrate knapp unterhalb von zwei Prozent zu halten. Bei ihrer Sitzung am 22. Januar werde die Zentralbank daher wahrscheinlich Wertpapierkäufe beschließen.

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Gefährlicher Preisverfall: Wie Deflation entsteht

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Zu den Ökonomen, die die Gefahr einer schädlichen Spirale für wahrscheinlicher halten, gehören die Analysten von Capital Economics (CE). Die jüngste Entwicklung könnte demnach Vorbote einer Deflation sein. Dies wiederum könnte sogar die Schuldenkrise neu entfachen, heißt es in einem CE-Kommentar. "Die Deflationsphase dürfte länger anhalten und schädlicher ausfallen als die kurze fünfmonatige Periode im Jahr 2009."

Auch für die Forscher des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts bleibt die "Gefahr einer Deflation sehr real". Mit ihrer lockeren Geldpolitik habe die EZB in den vergangenen zwei Jahren zwar verhindert, dass die akute Krise im Euroraum wieder aufflackere. "Doch alleine kann die Zentralbank keine Deflation verhindern und den wirtschaftlichen Trend auch nicht zum Positiven drehen", sagte IMK-Direktor Gustav Horn. Zudem müssten nun die Eurostaaten mit kräftigen Investitionen beispringen. Die Zentralbank brauche Unterstützung durch eine "investitionsorientierte Finanzpolitik" der Euroländer mit finanziellen Spielräumen.

fdi/dpa/Reuters