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24. Mai 2012, 16:26 Uhr

Zweitwährung für Griechenland

Geuro, mir graut vor dir!

Ein Debattenbeitrag von Peter Bofinger

Jetzt soll der Geuro Griechenland retten: Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat eine solche Parallelwährung zum Euro ins Gespräch gebracht. Doch in Wahrheit wäre diese Alternative für die Griechen noch schlimmer als ein kompletter Ausstieg aus der Währungsunion.

In Krisenphasen haben Wunderheiler Hochkonjunktur. In dieser Disziplin hat sich Thomas Mayer jetzt versucht. Der scheidende Chefvolkswirt der Deutschen Bank hat Griechenland als Lösung seiner Probleme die Ausgabe einer Parallelwährung empfohlen. Der griechische Staat solle seine Rechnungen nicht mehr in Euro bezahlen, sondern in der Form von Schuldscheinen, die auf eine neue Währung namens Geuro lauten. Es sei zu erwarten, dass der Geuro recht schnell um rund 50 Prozent gegenüber dem Euro an Wert verlieren werde. Auf diese Weise sollen griechische Exporte billiger werden und die griechische Wirtschaft soll an Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen - ohne die Schockwirkung eines plötzlichen Euro-Austritts.

Faktisch bedeutet das also, dass alle in Geuro vorgenommenen Zahlungen des griechischen Staates gegenüber ihrem ursprünglichen Euro-Betrag um 50 Prozent an Wert verlieren würden. Wenn der Geuro nicht nur für Rechnungen an Unternehmen eingesetzt wird, sondern auch für die Gehaltszahlungen im öffentlichen Dienst sowie für Renten, kann man mit großer Sicherheit davon ausgehen, dass es in Griechenland zu einem Volksaufstand kommt: Während sich die Einkommen der von Geuro-Zahlungen Betroffenen faktisch halbieren, müssten sie Mieten, Pachten und Zinszahlungen weiterhin in unveränderter Höhe in Euro zahlen. Da auch die privaten Verbindlichkeiten weiterhin auf den Euro lauten würden, wären die Bezieher von Geuro-Einkommen über Nacht völlig überschuldet.

Natürlich käme es mittelfristig dazu, dass dann auch die auf Euro lautenden Zahlungen in der einen oder anderen Form angepasst würden, aber ein solcher unkoordinierter Übergangsprozess wäre mit hohen politischen und ökonomischen Risiken verbunden. Und natürlich würde die Einführung des Geuro auch in anderen Problemländern die Befürchtung wecken, dass sie bei auf Euro lautenden Verträgen mit der öffentlichen Hand am Ende nur 50 Prozent ihres Geldes zurückbekommen.

Ein griechischer Teilaustritt aus der Währungsunion ist somit nicht besser, sondern schlechter als eine vollständige Umstellung, bei der auf einen Schlag eine neue Währung für das gesamte Wirtschaftsleben eingeführt würde. Dies würde über ein Währungsgesetz erreicht werden, das alle auf Euro lautenden Geldbestände und Geldforderungen, alle Preise sowie alle laufenden Zahlungsverpflichtungen gleichzeitig zu einem vorgegebenen Umstellungssatz in die neue Währung überführt. Da dann der größte Teil der Einnahmen und Ausgaben gleichzeitig auf die neue Währung lauten würde, wären die Anpassungsschwierigkeiten für die Menschen in Griechenland erheblich geringer als beim Geuro. Zudem wäre von Anfang an klar, dass die griechische Notenbank für die neue Währung verantwortlich ist.

Es gibt nur die Wahl zwischen Austritt oder Verbleib im Euro

Aber das heißt nicht, dass ein Euro-Austritt besser ist als ein Verbleiben Griechenlands in der Währungsunion. Während die vollständige Umstellung auf eine nationale Währung rechtlich noch vergleichsweise einfach zu realisieren wäre, muss man bei der technischen Durchführung einer solchen Währungsreform mit massiven Schwierigkeiten rechnen. Ein unkontrollierter Austritt aus einer Währungsunion ist etwas fundamental anderes als der Austritt aus einem System fester Wechselkurse.

Zu einem möglichen Euro-Austritt Griechenlands gibt es in neuerer Zeit keinen Präzedenzfall. Die damit verbundenen Risiken sind daher für alle Beteiligten nicht zu überblicken. Für die Weltwirtschaft könnte sich ein unkontrollierter Ausstieg Griechenlands als Schock erweisen, der mit der Lehman-Pleite vergleichbar ist - wenn er nicht noch schlimmer ausfällt. Deshalb sollte man alles tun, um Griechenland einen Verbleib im Euro zu ermöglichen.

Die europäischen Staats- und Regierungschefs wären gut beraten, wenn sie Griechenland mehr Zeit zum Sparen einräumen und zugleich eine echte Wachstums- und Beschäftigungsinitiative in Aussicht stellen würden. Das würde bei der anstehenden Wahl die moderaten Kräfte in Griechenland stärken und die Gefahr eines hoch riskanten unkontrollierten Euro-Ausstiegs bannen.

Für die Zukunft Griechenlands wie auch die Zukunft des Euro gibt es somit nur die klare Entscheidung zwischen dem Austritt und dem Verbleiben in der Währungsunion. Der Versuch, sich mit dem Geuro vor dieser Entscheidung zu drücken, würde nicht die Vorteile, sondern Nachteile beider Alternativen kombinieren.

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