Neuer Arbeitsagentur-Chef Scheele Einer fürs Kerngeschäft

Weise geht, Scheele übernimmt: Der Wechsel an der Spitze wird das Profil der Arbeitsagentur verändern. Nach 13 Jahren steht wieder ein Arbeitsmarktexperte an der Spitze der Behörde - und vor großen Aufgaben.

Neuer BA-Chef Scheele
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Neuer BA-Chef Scheele

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Auf eines konnte man sich in den vergangenen 13 Jahren verlassen: Egal, ob die Zahl der Arbeitslosen gerade die Marke von fünf Millionen durchbrochen hatte oder wie zuletzt auf immer neue Tiefstände seit der Wiedervereinigung gefallen war - stets saß da am Ende des Monats ein Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) vor Journalisten, der die aktuelle Statistik mit großer Sachlichkeit und Unaufgeregtheit referierte. Und auch ansonsten zählte die Lust an der Zuspitzung oder der emotionalen Rede nie zu den Charaktereigenschaften von Frank-Jürgen Weise, der am Dienstag dieser Woche in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Nun sind auch von Detlef Scheele keine Gefühlsausbrüche bei der monatlichen Arbeitsmarkt-Pressekonferenz zu erwarten. Bei seiner Premiere als BA-Chef am Freitag präsentierte auch der 60-Jährige die Zahlen ohne großes Tamtam. Aber sein großes SPIEGEL-Gespräch zum Amtsantritt macht deutlich, woran man sich künftig gewöhnen muss: An einen obersten Arbeitsvermittler, der mit griffigen Formeln öfter einmal für Kontroversen sorgen dürfte - etwa der, bei Hartz-IV-Empfängern auch auf "fürsorgliche Belagerung" zu setzen.

Neuer BA-Chef Scheele, Vorgänger Weise
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Neuer BA-Chef Scheele, Vorgänger Weise

Nicht nur in Stilfragen markiert der Führungswechsel einen Einschnitt bei der BA, sondern auch bei deren Ausrichtung. Es ist kein Zufall, dass nach Weise - der als Vorstand für Finanzen und Controlling zur BA kam - nun mit Scheele der bisher für den Arbeitsmarkt zuständige Vorstand den Vorsitz übernimmt. "Es wird also künftig etwas arbeitsmarktpolitischer zugehen", kündigt Scheele im SPIEGEL-Gespräch an.

Das hält auch Weise selbst für sinnvoll. "Jetzt wird jemand Chef, der das Kerngeschäft beherrscht", kommentierte Weise zuletzt trocken. Er selbst sei ja kein Arbeitsmarktexperte gewesen, als er 2002 bei der BA anfing.

Auf Effizienz getrimmt

Und doch war Weise damals der rechte Mann am rechten Ort. Ein Rückblick: Anfang 2002 benötigte die damalige Bundesanstalt für Arbeit einen radikalen Umbau. Ein Bundesrechnungshof-Bericht hatte aufgedeckt, dass die Behörde in großem Umfang Vermittlungsstatistiken manipuliert hatte und dass - vielleicht noch schlimmer - nur wenige Mitarbeiter überhaupt in der Vermittlung von Arbeitslosen eingesetzt waren. Der Apparat war eher damit beschäftigt, sich selbst zu verwalten. Und das in einer Phase, in der die Arbeitslosigkeit scheinbar unaufhörlich anwuchs.

BA-Vorstand Weise im Januar 2004
dpa/dpaweb

BA-Vorstand Weise im Januar 2004

Weise, zuvor 15 Jahre Soldat und anschließend 15 Jahre Industriemanager - der nebenbei noch eine eigene Firma gründete und an die Börse brachte - baute die BA im Zuge der Hartz-Reformen zu einer der effizientesten und rationalsten Behörden Deutschlands um. Allerdings nicht ohne negative Auswüchse, wie der SPIEGEL vor vier Jahren belegte: Mitarbeiter der Agenturen berichteten über extrem fordernde Zielvorgaben aus der Zentrale und unerbittliches Controlling. Falsche Anreize führten dazu, dass ausgerechnet die Arbeitslosen vernachlässigt wurden, die am meisten Unterstützung brauchten. Und erneut gab es Manipulationen bei der Vermittlungsstatistik.

Politiker Scheele

Doch fraglos übergibt Weise seinem Nachfolger einen leistungsfähigen Apparat, der trotz fast hunderttausend Mitarbeitern, zehn Regionaldirektionen und mehr als 150 lokalen Agenturen effektiv aus der Zentrale gesteuert und kontrolliert werden kann.

Scheele findet also fast optimale Voraussetzungen vor, um die Aufgaben auf dem deutschen Arbeitsmarkt anzugehen. Denn auch wenn sich die Zahl der Arbeitslosen seit 2005 fast halbiert hat und die deutsche Job-Maschine auf Hochtouren läuft: Mindestens drei dringende Probleme sind noch nicht gelöst - zwei alte und ein neues:

  • Langzeitarbeitslosigkeit: Seit 2009 ist die Zahl derer, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, kaum noch gefallen und verharrt ungefähr bei einer Million Menschen. Darüber hinaus lebt ebenfalls rund eine Million Menschen, darunter viele Kinder und Jugendliche, bereits seit der Einführung 2005 ununterbrochen von Hartz IV.
  • Ältere Arbeitslose: Zwar verlieren ältere Arbeitnehmer inzwischen weit seltener ihren Job als früher. Wenn dies jedoch geschieht, haben sie nach wie vor weit schlechtere Chancen als Jüngere, wieder einen Arbeitsplatz zu finden - und ein weit höheres Risiko als früher, in der Altersarmut zu landen.
  • Flüchtlinge: Noch tauchen die meisten anerkannten Geflüchteten nicht in der Arbeitslosenstatistik auf, weil sie in Integrations-, Sprach- und Qualifizierungskursen sitzen. Doch das wird sich ändern, sobald sie diese beendet und nicht direkt einen Job gefunden haben. Das wird auf die meisten zutreffen: Arbeitsmarktexperten gehen davon aus, dass es 15 Jahre dauern wird, bis 70 Prozent von ihnen Arbeit haben.

All diese Probleme kennt Scheele bereits aus der Praxis. 13 Jahre leitete er in seiner Heimatstadt Hamburg eine städtische Beschäftigungsgesellschaft. Vor seinem Wechsel zur BA Ende 2015 fungierte der SPD-Mann vier Jahre lang als Arbeits- und Sozialsenator in Hamburg - also auch in der Zeit, in der jeden Tag viele Flüchtlinge ankamen, versorgt und untergebracht werden mussten.

Eines könnte dem früheren Politiker Scheele allerdings schwerfallen: damit umzugehen, dass die letzten Entscheidungen in der Arbeitsmarktpolitik immer noch in Berlin getroffen werden. Der BA-Chef kann bei den großen Linien eher informell Einfluss nehmen - als Experte, dessen Rat man nicht einfach in den Wind schlägt.

Einen solchen Rat schickt Scheele im SPIEGEL-Gespräch kaum verhohlen in Richtung Arbeitsministerin Andrea Nahles - als deren Vertrauter er gilt - und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Deren Pläne, das Arbeitslosengeld zu verlängern, wenn Betroffene einen Qualifizierungskurs besuchen, kommentiert er so: "Da würde ich immer sagen: Vermitteln hat Vorrang."

insgesamt 19 Beiträge
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spon_3511963 01.04.2017
1. Ich denke wer sich die Zahlen
wie das Arbeitsamt(den Begriff bewusst gewählt) seine zahlen mit Taschenspieler Tricks schön rechnet wird immer ein Amt bleiben. Neuer Wein in alten Schläuchen ändert nichts.
dipl.inge83 01.04.2017
2. Digitalisierung?
Das Thema Industrie 4.0 wurde gar nicht erwähnt und hat dabei eigentlich das größte Potential den Arbeitsmarkt in der heutigen Form durcheinander zu bringen. Kann irgendwer sagen ob in 5 oder 10 Jahren noch Fernfahrer gebraucht werden? Die Integration der Flüchtlinge wird man in ferner Zukunft als großes Desaster betrachten. Wer heute mal selbst miterlebt hat wie selbst mit gut ausgebildeten AN auf Arbeitssuche umgegangen wird hat eine grobe Vorstellung davon, was Menschen zu bewältigen haben die aus anderen Kulturkreisen kommen und kaum bis gar nicht die Sprache beherrschen aber hier Fuß fassen wollen.
gaby_ha 01.04.2017
3. Herr Scheele weiss nicht, wovon er redet
Ein Mensch, der Hartz-IV-Empfänger ist, dem wird seine Ausbildung und Berufserfahrung per se abgesprochen, er wird als Hilfsarbeiter, wenn überhaupt, vermittelt und bekommt auch nur Angebote in diese Richtung. Habe ich leider selber erleben müssen, und dann noch über 50? vergessen, verraten und verkauft und wehe wehe man hat noch einen Schwerbehindertenausweis, dann wird man müde lächelnd angeschaut und bekommt ohne weitere Worte den nächsten Termin in 3 Monaten. So, Herr Scheele und nun kommen Sie. Was möchten Sie tun????
bemidomich 01.04.2017
4. Motiviert
Da ich selbst in dem Bereich arbeite, kann ich aus meiner Erfahrung sagen, der Wille auf Seiten der Flüchtlinge ist da. Die Schüler sind hochmotiviert und nehmen Nachhilfe in Anspruch. Einige wenige und sehr schnelle sind schon in Ausbildung oder Arbeit. Wenn das so bleibt, bin ich mal optimistisch. Betrifft natürlich nicht alle. Für die Analphabeten sehe ich schwarz.
M. Vikings 01.04.2017
5. Da knallen die Sektkorken.
Nach 13 Jahren steht ein Lobbyist an der Spitze der Behörde. Er war SPD Arbeitssenator in Hamburg und Herr Scheele war viele Jahre lang als Geschäftsführer von Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaften in Hamburg tätig. Da freut sich die Arbeitslosenindustrie auf einen Auftragsschub. Finanziert durch die Arbeitslosenversicherung aus den Taschen der lohnabhängig Beschäftigten. Da werden sich die Bildungs- und Beschäftigungsgesellschaften eine Menge neue sinnlose Angebote einfallen lassen, um bei gewohnt schlechter Qualität neue Rekordumsätze einzufahren.
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