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08. Juni 2019, 07:58 Uhr

Milliardenprojekt

Bahn muss Notreserve von Stuttgart 21 anzapfen

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Weil Baufirmen immer höhere Preise verlangen, muss die Bahn nach SPIEGEL-Informationen für ihr Milliardenprojekt Stuttgart 21 die Finanzreserve angreifen. Der Vorstand gibt trotzdem Durchhalteparolen aus.

Eine halbe Milliarde Euro hatte die Bahn wohlweislich schon im vergangenen Jahr für das Megaprojekt Stuttgart 21 als Notreserve in ihre Bilanzen gestellt. Weil Baufirmen immer höhere Rechnungen für Tunnel und Brücken fordern, muss die Bahn nach SPIEGEL-Informationen jetzt an das Geld ran.

Der aktuelle Vorstand der Deutschen Bahn macht keinen Hehl daraus, dass man das Mega-Projekt Stuttgart 21 in dieser Form am liebsten nie begonnen hätte. Zu teuer, zu aufwendig und mit umstrittenem Nutzen für den Schienenverkehr im Großraum Stuttgart.

Doch nun arbeiten die Maschinen schon seit vielen Jahren am und unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Und das unter heftigen Protesten von Teilen der Bevölkerung. Ein anderes Problem sind die Kosten. Sie mussten immer wieder nach oben korrigiert werden. Jetzt gibt es auch an dieser Front unerfreuliche Nachrichten.

Preissteigerungen in der boomenden Baubranche

Die Kosten für das Projekt Stuttgart 21 explodieren insbesondere wegen der Preissteigerungen in der boomenden Baubranche. Die Bahn will deshalb an die Reserven des Vorhabens, heißt es aus Aufsichtsratskreisen.

Das Gremium solle in der Sitzung am 19. Juni genehmigen, den finanziellen Puffer in Höhe von 495 Millionen Euro freizugeben, heißt es in einem Schreiben der Bahn-Verantwortlichen an das Gremium. So sei die Bahn bei Vergaben an Baufirmen etwa für aufwendige Brücken und Tunnel "zum Teil mit über 20 Prozent höheren Geboten konfrontiert".

Diese Marktpreiseffekte hätten sich etwa bei Aufträgen an der Anschlussstelle Esslingen und der Haltestelle Staatsgalerie "mit rund 60 Millionen Euro Mehrkosten gegenüber den Budgetansätzen niedergeschlagen". Eine Garantie, dass es beim ursprünglich festgesetzten Budget bleibt, kann Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla nicht geben. Das Unternehmen verspricht dennoch: "Die DB hält weiter an der Kostenprognose in Höhe von maximal 8,2 Milliarden Euro fest."

Heftige Preisaufschläge erwartet

Der Risikopuffer wurde von Pofalla im vergangenen Jahr bereits wohlweislich eingerichtet, weil sich die Kostensteigerungen abzeichneten. Jetzt stehen noch weitere Verträge mit Baufirmen im Volumen von 1,4 Milliarden Euro an. Bei der Bahn macht man sich deshalb bereits auf heftige Preisaufschläge gefasst, die von den Unternehmen eingefordert werden. Die Fertigstellung des Projekts im Jahre 2025 soll davon nicht beeinflusst werden, heißt es aus Aufsichtsratskreisen.

Der Bau des unterirdischen Durchgangsbahnhofs in Stuttgart war seit dem Beginn 2010 immer teurer geworden. Das lag neben den gestiegenen Baukosten auch an langwierigen Planungsverfahren und Kosten für den Artenschutz. Der finanzielle Rahmen lag 2009 bei 4,5 Milliarden Euro, 2013 waren es bereits 6,5 Milliarden. Im Januar 2018 erhöhte der Bahn-Aufsichtsrat das Volumen auf 8,2 Milliarden Euro. Kritiker hatten von Anfang an befürchtet, dass die Kosten aus dem Ruder laufen würden.

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