Bahnprojekts Stuttgart 21: Die Kosten explodieren
Foto: Marijan Murat / DPAEine halbe Milliarde Euro hatte die Bahn wohlweislich schon im vergangenen Jahr für das Megaprojekt Stuttgart 21 als Notreserve in ihre Bilanzen gestellt. Weil Baufirmen immer höhere Rechnungen für Tunnel und Brücken fordern, muss die Bahn nach SPIEGEL-Informationen jetzt an das Geld ran.
Der aktuelle Vorstand der Deutschen Bahn macht keinen Hehl daraus, dass man das Mega-Projekt Stuttgart 21 in dieser Form am liebsten nie begonnen hätte. Zu teuer, zu aufwendig und mit umstrittenem Nutzen für den Schienenverkehr im Großraum Stuttgart.
Doch nun arbeiten die Maschinen schon seit vielen Jahren am und unter dem Stuttgarter Hauptbahnhof. Und das unter heftigen Protesten von Teilen der Bevölkerung. Ein anderes Problem sind die Kosten. Sie mussten immer wieder nach oben korrigiert werden. Jetzt gibt es auch an dieser Front unerfreuliche Nachrichten.
Preissteigerungen in der boomenden Baubranche
Die Kosten für das Projekt Stuttgart 21 explodieren insbesondere wegen der Preissteigerungen in der boomenden Baubranche. Die Bahn will deshalb an die Reserven des Vorhabens, heißt es aus Aufsichtsratskreisen.
Das Gremium solle in der Sitzung am 19. Juni genehmigen, den finanziellen Puffer in Höhe von 495 Millionen Euro freizugeben, heißt es in einem Schreiben der Bahn-Verantwortlichen an das Gremium. So sei die Bahn bei Vergaben an Baufirmen etwa für aufwendige Brücken und Tunnel "zum Teil mit über 20 Prozent höheren Geboten konfrontiert".
Diese Marktpreiseffekte hätten sich etwa bei Aufträgen an der Anschlussstelle Esslingen und der Haltestelle Staatsgalerie "mit rund 60 Millionen Euro Mehrkosten gegenüber den Budgetansätzen niedergeschlagen". Eine Garantie, dass es beim ursprünglich festgesetzten Budget bleibt, kann Infrastrukturvorstand Ronald Pofalla nicht geben. Das Unternehmen verspricht dennoch: "Die DB hält weiter an der Kostenprognose in Höhe von maximal 8,2 Milliarden Euro fest."
Heftige Preisaufschläge erwartet
Der Risikopuffer wurde von Pofalla im vergangenen Jahr bereits wohlweislich eingerichtet, weil sich die Kostensteigerungen abzeichneten. Jetzt stehen noch weitere Verträge mit Baufirmen im Volumen von 1,4 Milliarden Euro an. Bei der Bahn macht man sich deshalb bereits auf heftige Preisaufschläge gefasst, die von den Unternehmen eingefordert werden. Die Fertigstellung des Projekts im Jahre 2025 soll davon nicht beeinflusst werden, heißt es aus Aufsichtsratskreisen.
Der Bau des unterirdischen Durchgangsbahnhofs in Stuttgart war seit dem Beginn 2010 immer teurer geworden. Das lag neben den gestiegenen Baukosten auch an langwierigen Planungsverfahren und Kosten für den Artenschutz. Der finanzielle Rahmen lag 2009 bei 4,5 Milliarden Euro, 2013 waren es bereits 6,5 Milliarden. Im Januar 2018 erhöhte der Bahn-Aufsichtsrat das Volumen auf 8,2 Milliarden Euro. Kritiker hatten von Anfang an befürchtet, dass die Kosten aus dem Ruder laufen würden.
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Der Hausherr und Bahnchef Rüdiger Grube legte persönlich den Grundstein für die gut 400 Meter lange Bahnhofshalle. "Das ist ein deutliches Zeichen, dass das Projekt unumkehrbar ist", sagte er. Er sprach von einem "großen Geschenk" an die Stadt.
Am Rande der feierlichen Grundsteinlegung gab es Pfiffe und Proteste von etwa 150 Gegnern des Vorhabens. Vor sechs Jahren, dem Baubeginn des Mega-Projekts, versuchten Kritiker Stuttgart 21 mit Massenprotesten zu verhindern.
Mit von der Partie: Aktivisten von Robin Wood protestieren gegen die heutige Grundsteinlegung und entrollten Plakate.
Gebaut wird seit Februar 2010: Damals wurde symbolisch ein Prellbock im Hauptbahnhof angehoben und damit der Startschuss für den Bau eines achtgleisigen Tiefbahnhofs gegeben. Dieser soll den bestehenden 16-gleisigen Kopfbahnhof ersetzen.
Stuttgart 21 ist eines der meistdiskutierten Infrastrukturprojekte Deutschlands. Der Bau wird in einem Atemzug mit der - mittlerweile fertiggestellten - Elbphilharmonie in Hamburg und dem Pannenflughafen BER genannt.
Alle drei haben gemeinsam: Sie werden oder wurden teurer als geplant. Die Bahn stemmt sich allerdings gegen neue Spekulationen um eine weitere Kostenexplosion. Bahn-Chef Grube betonte, dass selbst bei Eintreten aller Risiken der Finanzierungsrahmen von 6,5 Milliarden Euro gewahrt bleibe. Der Bundesrechnungshof dagegen geht von bis zu zehn Milliarden Euro aus.
Kritiker befürchten, dass das größtenteils unterirdische Bauvorhaben schlecht für das Trinkwasser sei. Auch der Brandschutz in der unterirdischen Station sei ungeklärt.
Die Bauarbeiten machen auch den Anwohnern zu schaffen. Sie klagen über Lärm von der Baustelle, auf der 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche gearbeitet wird.
Modell im Rathaus in Stuttgart: So soll der Bahnhof einmal aussehen. Die Bahn geht offiziell weiter davon aus, dass er 2021 fertig wird.
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