Schuldenkrise Deutsche-Bank-Berater warnt vor sinkender Kaufkraft

Die Notenbanken überschwemmen die klammen Industriestaaten mit Geld - Ökonomen warnen vor den Risiken. Der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank spricht im SPIEGEL von einer Spekulationsblase bei Staatsanleihen. Die Niedrigszinsen zehrten schon jetzt an Kaufkraft und Ersparnissen der Bürger.
Deutsche Bank in Frankfurt: Kaufkraftverlust schon bei moderater Inflation

Deutsche Bank in Frankfurt: Kaufkraftverlust schon bei moderater Inflation

Foto: Oliver_Berg/ picture-alliance / dpa/dpaweb

Hamburg - Der frühere Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hat vor den Folgen der Politik gewarnt, mit der Amerika und Europa ihre Schulden- und Wachstumskrise bekämpfen. Die extrem lockere Geldpolitik der USA strahlt auf große Schwellenländer wie China aus. "Dort sind die Zinsen zu niedrig. Dort überhitzt die Wirtschaft als Erstes", sagte Mayer dem SPIEGEL.

Auch in Deutschland wachse die Gefahr der Geldentwertung. "Die Inflationsdebatte wird extrem verkürzt geführt", sagte Mayer. "Der Verbraucherpreisindex bildet große Anschaffungen wie Immobilien nicht ab." Die tatsächliche Kaufkraft der Verbraucher sinke stetig.

Mayer sieht eine Spekulationsblase bei deutschen und amerikanischen Staatsanleihen. Die Folge seien niedrige Zinsen, die an den Ersparnissen der Bürger zehren. Wer streng regulierte Produkte wie Lebensversicherungen kaufe, werde in Anleihen gezwungen, wo die Niedrigzinsen voll zuschlagen. "Wenn die Leute täglich in der 'Tagesschau' sehen könnten, wie durch die Niedrigzinsen ihr Erspartes an Wert verliert, wären sie entsetzt."

Was die Niedrigzinsen für die private Altersvorsorge bedeuten, hat Mayer schon einmal ausgerechnet. "Wenn ich heute in den Ruhestand gehe und mir über 20 Jahre eine private Zusatzrente von 2500 Euro im Monat erhoffe, muss ich bei einem Zinssatz von zwei Prozent im Jahr 500.000 Euro Startkapital haben", erläutert der Ökonom. Wenn aber der Zins auf null gedrückt werde, kämen bereits nur noch 2100 Euro monatlich heraus. "Und wenn dann noch jährlich drei Prozent Inflation an meinen Ersparnissen nagen, hat meine Rente nach 20 Jahren nur noch eine Kaufkraft von 1100 Euro." Ein Kaufkraftverlust von mehr als 50 Prozent entsteht also schon bei einer moderaten Inflation.

Die Sorge vor Inflation in der Euro-Zone war zuletzt wegen der Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB) gestiegen, notfalls unbegrenzt Staatsanleihen von Ländern zu kaufen, die unter den Euro-Rettungsschirm flüchten.

EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen wies die Warnungen zurück. "Ich sehe keine steigende Geldentwertung. Nach unseren Prognosen wird bereits im nächsten Jahr die Inflation wieder unter die Zwei-Prozent-Marke sinken", sagte Asmussen der "Bild am Sonntag". Die EZB werde auch in Zukunft die Stabilität der Gemeinschaftswährung gewährleisten. "Darüber muss sich niemand Sorgen machen", fügte Asmussen hinzu.

Doch viele Ökonomen warnen eindringlich vor den Inflationsgefahren. Auch der Deutschland-Chef des weltweit größten Anleihemanagers Pimco, Andrew Bosomworth, hält die Angst vieler Deutschen vor der Geldentwertung für berechtigt. Er kritisierte im SPIEGEL die Geldpolitik der US-Notenbank Fed scharf. "Heute macht sich die Fed mehr und mehr zum Knecht der Fiskalpolitik." Die Geldpolitik treibe die Preise von Finanzinstrumenten stärker als Wachstum und Beschäftigung. "So treibt sie einen gefährlichen Keil zwischen Finanz- und Realwirtschaft."

Die Fed hatte Mitte September angekündigt, pro Monat Schuldenpapiere im Wert von 40 Milliarden Dollar anzukaufen - ihren faktisch bei null Prozent liegenden Leitzins will die US-Notenbank nicht erhöhen.

fab/dpa/Reuters
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