Krisenfolge Deutschland knackt dank Einwanderern 82-Millionen-Marke

Nach jahrelangem Rückgang steigt Deutschlands Bevölkerungszahl wieder. Das liegt nicht etwa an vermehrter Fruchtbarkeit, sondern allein an Zuwanderern. Immer häufiger kommen Krisenflüchtlinge aus Südeuropa - und finden in Deutschland auch einen Job.
Passanten in Hamburg: Die Geburtenlücke bleibt

Passanten in Hamburg: Die Geburtenlücke bleibt

Foto: DPA

Wiesbaden - Go north - so könnte in Abwandlung eines Hits der Pet Shop Boys derzeit das Motto vieler Südeuropäer lauten. Auf der Flucht vor der Wirtschaftskrise in ihren Heimatländern suchen zunehmend Griechen, Spanier, Portugiesen und Italiener nach einem Job in Deutschland.

Das zeigt sich auch an der Bevölkerungszahl. Zum Jahresende 2012 dürfte sie auf 82,0 Millionen Bürger gestiegen sein, wie das Statistische Bundesamt am Montag in einer Schätzung mitteilte. Anfang 2012 waren es noch 81,8 Millionen. Nach acht Jahren mit schrumpfender Bevölkerung legte die Zahl der Bewohner somit das zweite Jahr in Folge zu.

Dennoch hat Deutschland weiter mit einem großen Geburtendefizit zu kämpfen: Für das Jahr 2012 wird mit bis zu 680.000 Neugeborenen und bis zu 880.000 Sterbefällen gerechnet. Die Lücke von bis zu 200.000 ist somit um 10.000 höher als im Jahr 2011.

Dass die Bevölkerung insgesamt wuchs, war damit nur den Einwanderern zu verdanken. Die Wiesbadener Statistiker rechnen damit, dass 2012 mindestens 340.000 Menschen mehr aus dem Ausland zuzogen als Deutschland verließen. Einen Wanderungsgewinn von mehr als 300.000 Personen hat es seit Mitte der neunziger Jahre nicht mehr gegeben.

Von den mehr als 390.000 Europäern, die allein im ersten Halbjahr 2012 nach Deutschland kamen, waren Polen, Rumänen, Bulgaren und Ungarn zwar am stärksten vertreten. Doch aus den südlichen Krisenländern der Euro-Zone wanderten deutlich mehr Menschen ein als noch im Vorjahr: Die Zahl der Griechen legte um mehr als drei Viertel auf rund 16.500 zu, die Zahl der Italiener stieg um etwa ein Drittel auf mehr als 20.000.

Dass viele Einwanderer aus den Südländern in Deutschland Jobs suchen und finden, belegen von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichte Zahlen. Die Beschäftigung von Spaniern legte demnach binnen Jahresfrist um 15,8 Prozent auf rund 49.400 im Oktober 2012 zu, für Griechen kletterte sie um 10,8 Prozent auf 123.300. Die Zahlen stiegen damit weitaus rasanter als die Gesamtzahl aller Arbeitnehmer und 400-Euro-Jobber in Deutschland, die um 1,1 Prozent auf rund 34,5 Millionen zulegte.

"Eine große Chance für Deutschland"

"Die steigenden Zuwanderungszahlen sind angesichts des demografischen Wandels eine große Chance für Deutschland", sagt die Vorsitzende des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Christine Langenfeld. Johann Fuchs vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg nannte die Zuwanderung "derzeit für den Arbeitsmarkt gut verkraftbar, vielleicht sogar hilfreich". Die Qualifikation der Menschen, die nach Deutschland kämen, sei deutlich gewachsen. "Das ist überhaupt nicht mehr mit den sechziger Jahren zu vergleichen."

Von der Zuwanderung profitieren aber vor allem die Boom-Regionen um begehrte Großstädte. "Die Zuwanderer gehen dahin, wo es Jobs gibt, und sicher nicht in die Diaspora", sagt Fuchs. "Sie fahren nach Berlin, wo was los ist und junge Leute sind, nicht dahin, wo Bevölkerungsschwund ist", stimmt Rembrandt Scholz vom Max-Planck-Institut für demografischen Wandel in Rostock zu. Die Landflucht halte an.

dab/Reuters/dpa
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.