Industrie, Tourismus, Landwirtschaft Das bedeutet die Katastrophenflut für die Wirtschaft

Fabriken schließen, Baugruben laufen voll, Geschäfte bleiben zu: Das Hochwasser in Bayern, Thüringen und Sachsen schadet kurzfristig der deutschen Wirtschaft. Doch ist das Wasser erst einmal weg, dürften die notwendigen Reparaturarbeiten als Konjunkturimpuls wirken.
Hochwasser in Gera: Flut und Hochwasser setzen der Wirtschaft zu

Hochwasser in Gera: Flut und Hochwasser setzen der Wirtschaft zu

Foto: Marc Tirl/ dpa

Hamburg - Bayern, Thüringen und Sachsen versinken im Hochwasser, die Pegelstände großer Flüsse klettern, und Meteorologen rechnen mit weiteren Regenfällen: Einigen Regionen Deutschlands droht eine historische Flut, für die deutsche Wirtschaft hat dies schädliche Auswirkungen. "Der Regen setzt nicht nur den Menschen in den Hochwasserregionen zu, sondern auch der Konjunktur", sagt der Chefvolkswirt des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Alexander Schumann.

In Zwickau etwa rollt heute kein neuer Volkswagen vom Band. Das dortige VW-Werk hat wegen des Hochwassers vorübergehend die Produktion eingestellt. Die Frühschicht sei abgesagt worden, weil Mitarbeiter wegen der Fluten nicht zur Arbeit hätten erscheinen können und der Nachschub an Teilen unklar gewesen sei, sagte ein VW-Sprecher. Die Produktion soll in der Nacht wieder anlaufen. In Zwickau werden der Kompaktwagen Golf und das Mittelklassemodell Passat produziert, in dem Werk arbeiten fast 8000 Menschen.

Auch der Abfüllanlagenbauer Krones lässt wegen des Hochwassers teils die Produktion ruhen. Die Werke im oberbayerischen Rosenheim und Raubling sind am Montag geschlossen. Die insgesamt 950 Mitarbeiter kämen wegen überfluteten Zufahrten nicht oder nur schwer auf das Gelände, sagte eine Sprecherin. An den beiden Standorten wird Pack- und Palettiertechnik hergestellt. Krones will die Produktion am Dienstag in Teilen wieder aufnehmen.

Auch der Bauindustrie macht der Dauerregen schwer zu schaffen. "In den Überschwemmungsgebieten laufen die Baugruben voll", sagt der Chefvolkswirt des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Heiko Stiepelmann. Etwa jedes neunte Unternehmen habe im Mai über witterungsbedingte Behinderungen geklagt; das habe es seit mindestens 20 Jahren nicht mehr gegeben. Schon der extrem lange Winter hatte viele Bauarbeiten verzögert, die Firmen haben teils Rekordauftragsbestände, können sie aber nun wegen der Flut noch immer nicht abarbeiten.

Kein Absturz befürchtet

Für Landwirte bedeuten viel Regen und niedrige Temperaturen eine spätere Ernte und eine geringere Ausbeute. Die Preise für Spargel, Erdbeeren und Kartoffeln dürften dadurch steigen. Auch die Matjes-Saison musste verschoben werden.

Die Tourismusbranche leidet bereits seit Wochen unter dem Dauerregen - nun hat sich die Lage in Ost- und Süddeutschland noch einmal verschlimmert. "Freizeitaktivitäten sind eingeschränkt", sagt DIHK-Mann Schumann. "Das spüren Restaurants, Hotels sowie Betreiber von Schwimmbädern und Freizeitparks."

Auch die Einzelhändler leiden. "In den Baumärkten sind die Umsatzrückgänge spürbar", sagt der Sprecher des Branchenverbandes HDE, Kai Falk. "Sie hoffen, dass der Sommer nun endlich kommt und Rasenmäher sowie Stühle, Bänke und andere Gartenmöbel dann gekauft werden." Auch dem Textilhandel mache das verregnete Frühjahr zu schaffen. "Die Nachfrage nach den Sommerkollektionen leidet darunter", sagt Falk. Besonders starke Einbußen müssen die Händler in den Hochwasserregionen hinnehmen. Manche Geschäfte könnten von den Kunden nicht mehr erreicht werden; andere seien durch die Überschwemmungen beschädigt worden.

Auch wenn viele Branchen unter dem Dauerregen und dem Hochwasser leiden - der große Absturz steht nicht zu befürchten. Unterm Strich halten sich die Produktionsausfälle noch in Grenzen, zudem wird gerade die Baubranche mittelfristig auch von der Flut profitieren. Schäden an Häusern und Straßen müssen ja wieder behoben werden.

Hausbesitzer müssen um ihre Habe bangen

Große Probleme drohen indes den Hausbesitzern. Nach Angaben des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) haben nur 30 Prozent von ihnen eine Elementarschaden-Versicherung abgeschlossen, die sie gegen Flutschäden schützt. Die anderen verfügen nur über eine einfache Wohngebäudeversicherung, die zwar bei Feuer, Hagel, Sturm oder berstenden Wasserleitungen greift - aber nicht im Falle von Hochwasser.

Solchen Hausbesitzern droht nun ein wirtschaftliches Desaster. Zwar können sie versuchen, staatliche Hilfe zu beantragen, sagte GDV-Schadensversicherungsexperte Stephan Schweda der "Welt". Doch Erfolg habe dies nur, wenn man nachweisen könne, dass der Abschluss einer geeigneten Versicherung unmöglich war.

Glück im Unglück haben dagegen betroffene Bürger in Ostdeutschland, die sich noch zu DDR-Zeiten versichert haben. In diesen ehemaligen und später von der Allianz übernommenen Policen sind Hochwasserschäden oft noch automatisch mitversichert.

Immerhin: Nichtversicherte können eventuell einen Teil des Schadens bei der nächsten Steuererklärung wieder hereinholen und die Wiederbeschaffung von Hausrat oder Kleidung als außergewöhnliche Belastung geltend machen.

Mit Material der Agenturen
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