Industrieverband warnt "Stimmung in Deutschland ist besser als die Lage"

Früher haben die Bürger gemeckert trotz guter Lage, heute ist es umgekehrt: Sie feiern wieder, obwohl die Wirtschaft noch nicht über den Berg ist. Besonders schlecht sieht es für Schulabgänger aus.
Täuschende Sommeridylle? Die Industrie warnt: Deutschland ist noch lange nicht über den Berg.

Täuschende Sommeridylle? Die Industrie warnt: Deutschland ist noch lange nicht über den Berg.

Foto: -/ dpa

Die deutsche Wirtschaft ist aus Sicht von DIHK-Präsident Eric Schweitzer trotz der Lockerungen in der Coronakrise noch lange nicht über den Berg. Schweitzer sagte der Nachrichtenagentur dpa: "Als es Deutschland gut ging, hatte man immer das Gefühl, die Stimmung ist schlechter als die Lage. Derzeit hat man das Gefühl, die Stimmung ist besser als die Lage". Der Einbruch sei tief ausgefallen, der Weg aus der Krise führe nun aber "nicht so steil wieder nach oben, wie viele im Frühjahr gehofft haben". Schweitzer sprach sich für zusätzliche milliardenschwere staatliche Hilfen aus.

Die alles entscheidende Frage sei, wann es wieder aufwärtsgehe. "Das zweite Quartal war schlicht eine Katastrophe. Laut unseren Umfragen glaubt die Hälfte der Betriebe, dass sich ihre Geschäftslage erst 2021 oder sogar noch später wieder spürbar bessert." Deswegen sei der DIHK mit einer Prognose von minus zehn Prozent beim Bruttoinlandsprodukt in Deutschland in diesem Jahr pessimistischer als die Bundesregierung.

Auszubildenden droht schwerer Start

Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland sei außerdem sehr stark an die Entwicklung beim Export gekoppelt. "In der Industrie hängt jeder zweite Arbeitsplatz am Export. Es gibt aber viele Unsicherheiten." Schweitzer nannte die schwierige Lage in den USA sowie den Handelskonflikt zwischen den USA und China.

Eine Gruppe von Personen wird ganz besonders heftig von der Krise getroffen: die Azubis. Die Arbeitsagenturen haben alle Hände voll zu tun, um für den Ausbildungsjahrgang 2020 Lösungen zu finden - obwohl viele Betriebe kaum mehr ausbilden. Es könne "in gewisser Weise ein Würgejahr" werden, fürchtet der Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele.

Die Lage auf dem Ausbildungsmarkt in Deutschland sei nicht dramatisch, sagte Scheele. Es bedürfe aber erhöhter und vieler Anstrengungen, um die Bewerber zu den Stellen zu bringen. Scheele sieht den umstrittenen Ausbildungszuschuss, der als Hilfe für Ausbildungsbetriebe eingeführt werden soll, prinzipiell als sinnvoll an. "Wenn er dazu hilft, das Ausbildungsjahr am Ende, wenn wir in die Nachvermittlung im Herbst kommen, über die Hürde zu bringen, dann ist die Prämie gut", sagte er.

Kleine und mittlere Ausbildungsbetriebe sollen dem Plan der Bundesregierung zufolge 2000 Euro für jeden abgeschlossenen Lehrvertrag erhalten, wenn sie ihre Zahl an Azubis stabil halten. Für jeden Ausbildungsplatz, den sie über Vorjahresniveau schaffen, sollen sie sogar 3000 Euro bekommen, genauso wie für jeden Auszubildenden, den sie von einem wegen der Coronakrise insolvent gewordenen Unternehmen übernehmen.

"Das Problem ist, dass wir in den letzten Monaten mit unseren Berufsberatern nicht in die Schulen konnten", beschrieb Scheele die aktuelle Vermittlungssituation. "Es ist rechnerisch für jeden Jugendlichen ein Ausbildungsplatz da", betonte er. Es komme jetzt darauf an, die Jugendlichen für die entsprechenden Stellen zu gewinnen und mit den Unternehmen zusammenzubringen. Den Kontakt herzustellen, das sei schwieriger als in zurückliegenden Jahren.

Insgesamt stünden in diesem Jahr 482.000 gemeldeten zu vergebenden Lehrstellen 417.000 Bewerber gegenüber. Sowohl die Zahl der Bewerber als auch die Zahl der Stellen sei um acht bis zehn Prozent rückläufig. Der Vermittlungsprozess hänge zeitlich sechs bis acht Wochen hinter den Vorjahren zurück.

beb/dpa
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