Boom am Arbeitsmarkt Jobmaschine Deutschland - aber nicht mehr lange

Das deutsche Jobwunder setzt sich trotz mauer Konjunktur fort. Wie kann das sein? Ökonomen stellen fest: Bald dürften weit weniger neue Arbeitsplätze entstehen - und die Arbeitnehmer werden mächtiger denn je.
Jobmaschine Deutschland: Klassischer Selbstverstärkungseffekt (Archivfoto)

Jobmaschine Deutschland: Klassischer Selbstverstärkungseffekt (Archivfoto)

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/ DPA

Derzeit geschieht Erstaunliches, und kaum jemand scheint es zu bemerken. Die Konjunktur hat sich nach sechs stabilen Jahren deutlich abgekühlt. Nur knapp ist die Wirtschaft Ende 2018 an einer Rezession vorbeigeschrammt, um lediglich ein mageres halbes Prozent wird sie in diesem Jahr wohl wachsen - aber der Boom am Arbeitsmarkt geht ungebremst weiter.

Deutschland ist eine Jobmaschine. An jedem einzelnen Werktag entstehen in diesem mauen Wirtschaftsjahr zwischen Flensburg und Garmisch rund 2700 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze mehr als wegfallen. Rund 700.000 werden es 2019 insgesamt sein - so viel wie im Vorjahr, als die Wirtschaft noch ordentlich zulegte.

Seit Mitte der Nullerjahre läuft diese Jobmaschine scheinbar unabhängig von der Konjunktur. Von 1991 bis 2004 war die Zahl der Arbeitsplätze um 0,4 Prozent gesunken - obwohl die Wirtschaft im Schnitt jährlich um 1,5 Prozent wuchs. Im gleichen Zeitraum danach (von 2005 bis 2018) legte die Wirtschaft mit 1,4 Prozent im Schnitt schwächer zu - aber es entstanden sechs Millionen neue Arbeitsplätze, ein Zuwachs von deutlich mehr als 15 Prozent.

(In der Grafik können Sie sich auch die absolute Zahl der Arbeitnehmer anzeigen lassen. Klicken Sie dazu den Schalter "Arbeitnehmer absolut".)

Doch so wird es wohl nicht weitergehen. Das stellen Sabine Klinger und Enzo Weber vom Forschungsinstitut IAB der Bundesagentur für Arbeit in einer neuen Untersuchung  fest. Für Arbeitnehmer ist das allerdings nicht unbedingt eine schlechte Nachricht, eher im Gegenteil. Denn der Hunger von Wirtschaft und öffentlichem Dienst nach neuen Arbeitskräften bleibt der Prognose der beiden Ökonomen zufolge enorm - und er wird bald nicht mehr gestillt werden können.

Deutschland gehen absehbar die Arbeitskräfte aus. Umso mehr dürften sie künftig umworben, gefördert, mit höheren Löhnen gelockt und durch Qualifizierung auf neue Aufgaben vorbereitet werden. Das Ende des deutschen Jobwunders ist nah - Hurra!

Diese Prognose ist allerdings nur ein Nebenaspekt der Arbeit der IAB-Ökonomen Klinger und Weber. Sie untersuchten vielmehr, was genau das deutsche Jobwunder in den vergangenen Jahren verursacht hat. Sie berechneten für verschiedene Faktoren, wie hoch deren Einfluss jeweils war.

Klassischer Selbstverstärkungseffekt

Das Ergebnis ist bemerkenswert. Zwar halten mehrere Umstände die Jobmaschine am Laufen - doch inzwischen treibt sie sich zum überwiegenden Teil von selbst an. Denn je knapper Arbeitskräfte werden, desto mehr horten Arbeitgeber sie regelrecht. Unternehmen scheuen sich, ihre Leute auch bei mauer Auftragslage zu entlassen. Und sie stellen quasi auf Vorrat neu ein, wenn sich die Gelegenheit ergibt. In der Folge werden Arbeitskräfte noch knapper, Arbeitgeber horten sie noch ausgeprägter - ein klassischer Selbstverstärkungseffekt. Gut die Hälfte der sechs Millionen neuen Jobs seit 2006 ist laut IAB-Studie allein auf diesen Effekt zurückzuführen, mit steigender Tendenz. (Hier finden Sie eine kurze Zusammenfassung der Autoren .)

Und die Hartz-Reformen? Schließlich fällt die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt zeitlich ziemlich genau auf die Mitte der Nullerjahre. Tatsächlich spielten sie eine wichtige Rolle, sagt Weber. Die Reformen wirkten höchstens in den ersten Jahren. Sie fungierten aber quasi als Initialzündung des Selbstverstärkungseffekts, indem sie Arbeitskräfte verknappten.

Bereits in der harten Rezession der Finanzkrise im Jahr 2009 zeigte sich deutlich, wie ausgeprägt Unternehmen ihre Arbeitnehmer hielten, statt sie zu entlassen - und warum sie es taten: Als die weltweite Nachfrage 2010 wieder ansprang, konnte die deutsche Wirtschaft sofort wieder auf voller Kraft laufen. Hätten die Unternehmen erst monatelang neue Mitarbeiter rekrutieren und einarbeiten müssen, hätten sie Umsatz und Gewinn verloren.

Was trägt noch zum Jobboom bei? Die Befunde der IAB-Ökonomen:

  • Die Konjunktur spielt der Studie zufolge immer noch eine Rolle, aber eine wesentlich geringere als früher. Lange Zeit - konkret seit mindestens Anfang der Siebzigerjahre - führte ein Wachstum der Wirtschaft um ein Prozent zu einem Wachstum der Arbeitsplätze von 0,4 Prozent. Diese Zeiten sind vorbei. Inzwischen sorgt ein Prozent Wachstum - wenn man alle anderen Effekte ausblendet - nur noch für 0,2 Prozent mehr Jobs. Umgekehrt kostet ein Schrumpfen aber auch deutlich weniger Arbeitsplätze als früher.
  • Diese Entkopplung liegt auch an einem Strukturwandel in der Arbeitswelt hin zur Dienstleistungsgesellschaft: Neue Jobs entstehen vor allem in Bereichen, in denen die Konjunktur tatsächlich keine Rolle spielt - etwa in der Pflege oder der Kinderbetreuung. Trumps Handelskrieg oder der Brexit lassen vielleicht die Bänder in deutschen Autofabriken stillstehen - der Altenpfleger und die Kitaleiterin dürften davon jedoch wenig spüren.
  • Noch stärker haben aber zwei weitere Effekte für neue Arbeitsplätze gesorgt: Das insgesamt recht schwache Lohnwachstum - das erst in den jüngsten Jahren stärker wurde. Und der Trend zu kürzeren Arbeitszeiten, den Arbeitgeber durch Neueinstellungen ausgleichen.

Mit Abstand am stärksten war jedoch der sich selbst verstärkende Effekt der knappen Arbeitskräfte.

Das alles konnte in den vergangenen Jahren jedoch nur deshalb zu so vielen neuen Jobs führen, weil es auch neue Arbeitskräfte für sie gab: durch den Abbau der Arbeitslosigkeit, durch Zuwanderung aus den damaligen Eurokrisen-Staaten und durch Fluchtmigration, durch die höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen - und auch dadurch, dass Firmen nachweislich große Anstrengungen unternehmen, Mitarbeiter auch noch im Rentenalter zu halten.

Doch dieser Nachschub an Arbeitskräften wird schon bald versiegen. In diesem und im kommenden Jahr wird noch eine nennenswerte Zahl von Flüchtlingen aus den Sprach- und Integrationskursen auf den Arbeitsmarkt wechseln, danach aber nicht mehr. Und ab Mitte der Zwanzigerjahre wird die Demografie voll durchschlagen. Dann werden die Babyboomer in Rente gehen, jedes Jahr weit mehr, als junge Menschen in den Arbeitsmarkt eintreten - ein Nettoverlust, der selbst mit enorm hoher Zuwanderung von Fachkräften kaum zu kompensieren sein wird.

Für Arbeitnehmer stehen also einerseits goldene Zeiten an: Bereits jetzt lassen sich Unternehmen allerlei einfallen, um sie zu umwerben. Künftig werden die Beschäftigten noch deutlich höhere Ansprüche stellen und durchsetzen können. Auch die Digitalisierung verliert dadurch einen Teil ihres Schreckens: Zwar werden neue Jobs oft ganz neue und anspruchsvolle Fähigkeiten erfordern - aber Arbeitgeber werden sehr viel investieren, um ihre Arbeitnehmer dafür zu schulen. Andererseits dürfte auch die Abgabenlast der Arbeitnehmer steigen, etwa für die Rente der Babyboomer-Generation und die Pflege der vielen Alten.

Vor allem aber kann der Mangel an Arbeitskräften auch ein Ausmaß erreichen, das die deutsche Wirtschaft erheblich schädigt. Der Jobboom der vergangenen Jahre, so belegen auch Weber und Klinger, hat die Arbeitsproduktivität deutlich geschwächt: Die Wirtschaftsleistung pro Arbeitnehmer ist in Deutschland heute niedriger als vor der Finanzkrise. Ab einem bestimmten Punkt könnten deutsche Unternehmen im globalen Wettbewerb schlicht nicht mehr mithalten. Und dann wäre auch das goldene Zeitalter für die Arbeitnehmer vorbei.

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