OECD-Studie Lohn-Ungerechtigkeit in Deutschland wächst

Der deutsche Arbeitsmarkt trotzt bislang der Krise - doch für Millionen Beschäftigte verschlechtert sich die Situation. Die Einkommen driften laut einer Analyse der OECD bedenklich auseinander. Als Hauptgrund sehen die Experten, dass immer weniger Stellen an Tarifverträge gekoppelt werden.

Paris - Die äußerst positive Entwicklung des deutschen Arbeitsmarkts wird von wachsender Ungleichheit bei den Einkommen überschattet. Die Lohnunterschiede seien deutlich gestiegen, heißt es in der jüngsten Arbeitsmarktanalyse  der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), einem Zusammenschluss von 34 Industrieländern.

Die Organisation führt mehrere Gründe für die sich öffnende Lohnschere an:

  • Angesichts des zunehmenden Wettbewerbs sei in Deutschland der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung von 72 Prozent auf 62 Prozent zurückgegangen.
  • Dies wiederum sei Folge des wachsenden Anteils von Minijobs und anderer Beschäftigungsverhältnisse, die nicht dem normalen Standard entsprechen.
  • Tarifverträge würden zudem immer seltener automatisch auf alle Unternehmen einer Branche ausgedehnt.
  • Und selbst Beschäftigte, die tariflich abgesichert seien, würden immer häufiger mit Ausnahmeklauseln konfrontiert, mit denen Firmen in Krisenzeiten hinter branchenüblichen Lohnerhöhungen zurückbleiben könnten.

Der Anteil von Löhnen, Gehältern und Lohnnebenleistungen am Nationaleinkommen ist laut der Analyse in Deutschland stark gesunken. Von 67 Prozent Anfang der neunziger Jahre sei der Anteil auf jüngst 62 Prozent zurückgegangen, teilte die OECD mit. Auch dies habe "zu steigender Ungleichheit beigetragen".

Gleichzeitig lobten die OECD-Experten die deutschen Erfolge im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. In kaum einem Industrieland sank sie demnach in den vergangenen fünf Jahren so sehr wie in der Bundesrepublik. Für den Euro-Raum insgesamt bleiben die Aussichten hingegen weiter äußert düster. Bis 2013 sei mit einem weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Im Mai sei mit einer Quote von 11,1 Prozent ein neues Allzeithoch erreicht worden.

In Spanien ist nach OECD-Angaben mittlerweile rund jeder vierte Erwerbsfähige ohne Job (24,6 Prozent). Zum Vergleich: In Deutschland lag die Erwerbslosenquote nach Standard der Uno-Arbeitsorganisation ILO im Mai nur bei 5,6 Prozent.

Allerdings seien nicht alle Entwicklungen auf dem deutschen Arbeitsmarkt positiv, schreibt die OECD. Fast die Hälfte der Arbeitslosen in Deutschland ist demnach länger als ein Jahr ohne Job - der Großteil dieser Gruppe sogar länger als zwei Jahre. Im OECD-Raum liegt der Anteil der Langzeitarbeitslosigkeit bei 35 Prozent.

ssu/dpa-AFX/dapd
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