Ifo-Studie Deutschland hat weltweit größten Exportüberschuss
Exportschlager Turbine (bei Siemens): "Nicht politisch angeordnet"
Foto: Matthias Rietschel/ ASSOCIATED PRESSMünchen - Deutschland erwirtschaftet einen größeren Exportüberschuss als jedes andere Land in der Welt. Im vergangenen Jahr verzeichnete die deutsche Leistungsbilanz nach Berechnungen des Ifo-Instituts für die Nachrichtenagentur Reuters ein Plus von 260 Milliarden Dollar. An zweiter Stelle folgte mit deutlichem Abstand die weltgrößte Handelsnation China mit rund 195 Milliarden Dollar. Auf Rang drei landete Saudi-Arabien, das vor allem Erdöl exportiert.
In Euro gerechnet hat Deutschland damit einen Rekordüberschuss von rund 200 Milliarden erzielt, das entspricht 7,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. In diesem Jahr dürfte der Wert den Ifo-Experten zufolge auf 7,4 Prozent steigen. Die EU-Kommission stuft bereits Werte von mehr als sechs Prozent auf Dauer als stabilitätsgefährdend ein und nimmt deshalb seit einigen Monaten die deutschen Überschüsse genauer unter die Lupe.
Auch die USA sehen durch Deutschlands Überschüsse die Stabilität in Europa und der globalen Wirtschaft gefährdet, das machte Finanzminister Jack Lew vergangene Woche erneut deutlich. Kritiker halten die Ungleichgewichte in den Handelsbilanzen für eine Ursache der Finanz- und Schuldenkrise. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen Staaten mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen.
In der deutschen Wirtschaft stößt die Kritik nach wie vor auf Unverständnis. "Unsere Exportüberschüsse werden nicht politisch angeordnet, sondern sind Ausweis der Leistungsfähigkeit unserer Volkswirtschaft", sagte der Außenhandelschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Volker Treier. "Weder manipulieren wir den Wechselkurs, noch subventionieren wir unsere Exporteure, damit sie ihre Waren anderswo billiger anbieten können." Dass die Kritik vor allem aus Frankreich und den USA komme, verwundere ihn nicht. "Das ist auch eine Konkurrenzschelte", sagte Treier. "Denn im Handel mit beiden Ländern erzielen wir enorme Überschüsse."
"Wir sind der größte Gläubiger der Welt"
Kritiker fordern nicht - wie bisweilen behauptet - die deutschen Exporte künstlich einzuschränken. Vielmehr geht es in der Debatte um die Frage, wie die Nachfrage innerhalb Deutschlands gesteigert werden kann - etwa durch stärkere Investitionen von Staat und Unternehmen. "Anstatt im Inland viel zu investieren, exportierte Deutschland wiederum einen Großteil seiner Ersparnis ins Ausland", so die Ifo-Experten. Deutschland sei der "größte Kapitalexporteur der Welt".
Während der deutsche Überschuss im Handel mit den Euro-Ländern im abgelaufenen Jahr den Ifo-Angaben zufolge geschrumpft ist, werde er wohl mit den USA ein Rekordhoch erreicht haben. "Erstmals seit der Wiedervereinigung dürfte im Jahr 2013 auch mit China ein leichter Überschuss erzielt worden sein", teilt das Ifo-Institut mit.
Das Geld gehe einerseits in Sach- und Finanzanlagen. Andererseits fließe es - direkt oder indirekt - auch in Form von Rettungskrediten oder öffentlichen Hilfen in Euro-Krisenländer. Zumindest das sieht der DIHK genauso. "Wir sind der größte Gläubiger der Welt", sagte Treier. "Mit unseren Überschüssen waren wir überhaupt erst in der Lage, als Garantiegeber für die Euro-Krisenländer aufzutreten."
In die Leistungsbilanz geht der gesamte Waren- und Dienstleistungsverkehr mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Für den deutschen Überschuss war laut Ifo-Institut aber fast ausschließlich der Warenhandel verantwortlich.
Die Große Koalition reagierte auf die Zahlen mit der Ankündigung, die einheimische Nachfrage zu fördern. "Die neue Bundesregierung wird sich entschlossen für eine Stärkung der binnenwirtschaftlichen Wachstumskraft Deutschlands einsetzen", sagte der zuständige Wirtschaftsstaatssekretär Rainer Sontowski. Er verwies darauf, dass der Koalitionsvertrag entsprechende Vereinbarungen enthält. "Von daher spricht alles dafür, dass im Zuge dieser Politik die deutschen Leistungsbilanzüberschüsse zurückgehen werden."