Schlechte Bezahlung Vier Millionen Beschäftigte von Armut bedroht

Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland liegt auf Rekordniveau, doch viele Jobs sind schlecht bezahlt: Jeder zehnte Beschäftigte ist laut einer Studie armutsgefährdet.
Gerüstbauer (Archiv)

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Foto: Christian Charisius/ picture alliance / Christian Charisius/dpa

Die Zahl der Beschäftigten, die trotz Job in die Armut abgleiten könnten, ist in Deutschland deutlich gestiegen. Laut einer Studie der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung lag die Zahl der Beschäftigten, die unter die Schwelle der Armutsgefährdung fallen, im Jahr 2014 bei 4,1 Millionen. Im Jahr 2004 waren es nur knapp 1,9 Millionen gewesen. Damit sei die Erwerbsarmut in der Bundesrepublik stärker gestiegen als in jedem anderen EU-Land, so die Studie.

Als armutsgefährdet gilt, wer einschließlich aller staatlichen Transfers wie Wohn- oder Kindergeld weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommenserzielt. 2014 zum Beispiel lag diese Schwelle für Einpersonenhaushalte bei monatlich weniger als 917 Euro.

Der Anteil der 18- bis 64-Jährigen erwerbstätigen Inländer, die als armutsgefährdet gelten, lag 2004 noch bei 4,8 Prozent. Zehn Jahre darauf waren es laut der Studie 9,6 Prozent. In absoluten Zahlen falle das Plus noch deutlicher aus.

Arbeitslose stehen unter Druck, Stellenangebote anzunehmen

"Offensichtlich ist der Zusammenhang zwischen Beschäftigungswachstum und Armut komplizierter als gemeinhin angenommen", stellen die Studienautoren fest. Das Beschäftigungswachstum in Deutschland beruhe zu einem großen Teil auf dem Anwachsen der Teilzeitstellen, anderer atypischer Beschäftigungsverhältnisse sowie des Niedriglohnsektors insgesamt. Eine wichtige Rolle spielt laut Studie dabei der Druck auf Arbeitslose, angebotene Stellen anzunehmen.

Zum Hintergrund: Seit 2004 ist die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland von damals rund 4,5 Millionen auf heute knapp 2,5 Millionen gesunken. Zugleich stieg die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland in diesem Zeitraum von knapp 39 Millionen auf zuletzt 44 Millionen. Allerdings entstanden besonders viele Jobs im Bereich geringer Bezahlung.

Insgesamt ist die Armutsgefährdungsquote in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2005 lag sie nach Angaben des Statistischen Bundesamts bei 12,7 Prozent, 2014 waren es 16,7 Prozent. Besonders gefährdet sind Personen in Haushalten von Alleinerziehenden (33,7 Prozent) sowie Arbeitslose (69,1 Prozent). 2004 lag die Armutsgefährdung von Menschen ohne Arbeit noch bei 43 Prozent.

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beb/dpa