Thomas Fricke

Arm gegen Reich Schlimmer als in Amerika

Von wegen Wohlstand für alle - das Gefälle zwischen Besserverdienern und Billigarbeitern erreicht im aktuellen Aufschwung einen Rekord. Und das Drama ist: Die Folgen werden bei uns immer weniger aufgefangen.

Die Wirtschaft wächst. Es gibt Monat für Monat einige Tausend mehr Beschäftigte im Land. Und die Arbeitslosigkeit ist mittlerweile nur noch halb so hoch wie vor zehn Jahren. Eigentlich sollte die Sache klar sein. All das müsste stark auch dazu beitragen, dass in Deutschland die Einkommensgefälle abnehmen - dass es weniger Leute mit wackeligem Kleinkommen gibt; und der Abstand zu den Bessergestellten schrumpft. Auslaufmodell Reichtumsgefälle. Was der eine oder andere optimistische Experte in den vergangenen Jahren auch schon zu erkennen schien, weil die Ungleichheit der Einkommen seit 2005 angeblich nicht mehr zugenommen habe.

Umso mehr haben es erste Schätzungen in sich, nach denen das Gegenteil zu passieren scheint - und die Einkommen mitten im gelobten deutschen Aufschwung weiter auseinandergedriftet sind. Ein Befund mit womöglich dramatischen Konsequenzen: Denn die Schätzungen nähren die Vermutung, dass das Auseinanderdriften heute zugleich weniger durch staatliche Transfers kompensiert wird, als dass das früher der Fall war - eine Spätfolge der Reformpanik in Deutschland; als das Land nach Diagnose der Ökonomiepäpste angeblich an zu viel Gerechtigkeit zugrunde zu gehen drohte.

Kaum etwas spaltet die Deutschen so wie die Frage, ob die Deutschen gespalten sind - zwischen denen, die schon das Nachdenken darüber als Genörgel empfinden. Und denen, die alles irgendwie ungerecht finden. Dabei gibt es Mittel, das Phänomen nüchtern zu erfassen.

Wie unterschiedlich sich Einkommen entwickeln, leiten Experten aus großen Umfragen und Statistiken ab, in Deutschland vor allem aus denen des Sozio-oekonomischen Panels, das vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin geführt wird. Und es gibt auch eine ziemlich unbestrittene Maßeinheit, mit der sich das Ausmaß des Auseinanderdriftens in einer (wenn auch abstrakten) Zahl auf den Punkt bringen sowie im Zeitablauf und über Grenzen hinweg vergleichen lässt - den Gini-Koeffizienten, der jedem Ökonomie-Studenten in frühen Semestern begegnet: so eine Art kollektiver Body-Mass-Index fürs finanzielle In-die-Breite-Gehen der Nation. Der Gini-Koeffizient liegt bei null, wenn alle Mitglieder einer Gesellschaft gleich viel verdienen; bekommt ein Mitglied hingegen das gesamte Einkommen, beträgt er eins.

Wie es um Deutschland steht, hat der weltweit renommierte Ungleichheitsforscher Branko Milanovic kürzlich ausgewertet. Der Index ist 2015 wieder gestiegen, dem aktuellsten Jahr der Erhebungen. Nimmt man die alleinigen (Netto-)Einkommen zum Maßstab, die am Markt und ohne Einrechnung des Zugriffs durch den Fiskus erzielt werden, liegt der Abstand zwischen Reich und Arm jetzt sogar so hoch wie noch nie in der Bundesrepublik - nachdem er ums Jahr 2010 herum für kurze Zeit geringer geworden war. Die Ungleichheit ist heute also größer als vor dem Aufschwung. Nach Milanovics Berechnung liegen Besser- und Schlechter-Verdienende in Deutschland sogar weiter auseinander als in den USA.

Im Diagramm entsprechen die blauen Linien diesem sogenannten Markt-Einkommen.

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Vom Aufschwung profitieren jene, die schon vorher gut verdienten

Was dahintersteckt, ist zu erahnen. Einiges spricht dafür, dass vom Aufschwung vor allem jene profitiert haben, die schon vorher relativ gut verdienten. Weil sie als Hochqualifizierte bei Konzernen arbeiten, die schon deshalb die Gehälter erhöhen, weil es allmählich an Fachkräften mangelt. Oder weil sie Immobilieneigentum besitzen und die Mieten, die sie dafür kassieren, in den vergangenen Jahren viel stärker gestiegen sind als etwa, sagen wir, das schöne Gehalt einer Friseurin. Dazu kommt, dass es immer noch viele Langzeitarbeitslose gibt. Und es doch nicht so einfach ist, Leute, die ewig in Wackeljobs arbeiten, in eine gut bezahlte Daueranstellung zu bringen.

Immerhin ist den Deutschen zu Reformzeiten mal das (mehr oder weniger explizite) Versprechen gemacht worden, dass sie zwar zur Besserung der Wirtschaftslage auf dies und das verzichten müssen - die bessere Konjunktur am Ende aber bei irgendwie allen finanziell ankommen wird.

Da hilft auch der Verweis nur bedingt, dass ja in Deutschland der Sozialstaat prima funktioniert - und allzu große Einkommensgefälle ausgleicht. Zwar bestätigen auch Milanovics neue Rechnungen: Nach Steuern und Transfers liegen die tatsächlich verfügbaren Einkommen in Deutschland nach wie vor weniger stark auseinander als etwa in den USA (anders als bei den Markteinkommen - siehe oben. Im Diagramm sind das die grünen Linien.) Nur gilt das seit der Jahrtausendwende immer weniger.

Bis etwa ins Jahr 2000 wurde der drastische Anstieg der Abstände zwischen den Einkommen im Grunde vollständig dadurch ausgeglichen, dass die Top-Verdiener mehr Steuern zahlten und Geld zu denen transferiert wurde, die zu den Verlierern zählten. Das weit moderatere Gefälle bei den verfügbaren Einkommen blieb trotz zunehmender Kluft am Markt in etwa gleich, so Milanovic. Vorbei: Seit 2000 nimmt der Abstand zwischen den verfügbaren Einkommen ähnlich stark zu, wenn die Einkommen - vor Umverteilung - auseinandergehen. Ausgleich kaputt.

Deutschland erlebt ein atemberaubendes Auseinanderdriften der Einkommen

Ein Grund dürften die Steuerreformen seit Ende der Neunzigerjahre sein, sagt Charlotte Bartels, Ungleichheitsexpertin beim DIW. Damals wurden Spitzensteuersätze gesenkt und obere Einkommen vor allem entlastet. Und danach auch die eine oder andere Sozialleistung gekürzt. Werbeslogan: Agenda 2010. Sie erinnern sich. Mit dem - damals gewollten - Ergebnis, dass es weniger Umverteilung gibt. Weil die angeblich zu teuer war - und die (vermeintlichen) Leistungsträger vom Arbeiten abhalten.

Jetzt steht Deutschland da, erlebt ein immer atemberaubenderes Auseinanderdriften der Einkommen - und wundert sich, warum so viele Leute irgendwie nicht zufrieden sind. Obwohl wir so einen tollen Aufschwung haben. Kein gutes Omen, wenn sich im nächsten Abschwung bemerkbar zu machen droht, dass der alte Gassenhauer vom Wohlstand für alle selbst in relativ guten Zeiten so wenig realisiert wurde - und gleichzeitig die alten erprobt-deutschen Mechanismen nicht mehr wie früher wirken, wonach in solchen Fällen stets staatlich für hinreichend Ausgleich gesorgt wird. Viel Spaß.

Was dann droht, lässt sich in Ländern schon jetzt beobachten, die wie die USA oder Großbritannien gesellschaftlich tief gespalten sind. Und wo Politiker immer dachten, dass sie so einen Ausgleich fürs Auseinanderdriften von Einkommen nicht bräuchten. Wehret den Trump-Fällen.