Binnenmigration Die Landflucht der jungen Deutschen

Wer jung ist, zieht in die Stadt. Auf dem Land bleiben oft die Alten zurück. Eine Studie zeigt, wie die Binnenmigration Deutschland verändert - und welche Ursachen sie hat.

Fußgängerzone in München: Nur die jungen Deutschen ziehen häufiger in die großen Metropolen als aus ihnen heraus
Ralph Peters / imago images

Fußgängerzone in München: Nur die jungen Deutschen ziehen häufiger in die großen Metropolen als aus ihnen heraus

Von


Das Land überaltert, die Städte bleiben jung: Was auf den ersten Blick wie eine Binsenweisheit klingt, ist in Wirklichkeit eine relativ neue Entwicklung. Bis Mitte der Nullerjahre war die Landbevölkerung im Mittel sogar jünger als die Einwohner von Städten. Inzwischen verhält es sich genau umgekehrt - und der Gegensatz vergrößert sich rapide. Denn junge Erwachsene ziehen massenhaft vom Land in die Stadt, während Ältere und Alte aus der Stadt aufs Land ziehen.

Das ist eines der Ergebnisse einer Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, die dem SPIEGEL vorab vorlag. Dafür untersuchten die Forscher für jeden der mehr als 400 deutschen Landkreise die Binnenmigration verschiedener Altersgruppen der Jahre 2008 bis 2014, also die Umzüge innerhalb Deutschlands über Landkreisgrenzen hinweg. Dabei analysierten sie nicht nur den Umfang der Binnenmigration - sondern auch die Faktoren, die beeinflussen, ob und wohin jemand umzieht.

Demnach verschärft sich die demografische Ungleichheit in Deutschland durch die Umzugsentscheidungen erheblich. Das wird bereits am Wanderungssaldo aller erwachsenen Deutschen gleich welchen Alters deutlich: Unter dem Strich zogen in den sieben betrachteten Jahren 250.000 Deutsche mehr in die Städte als von dort fortzogen - entsprechend hoch war der Verlust für den ländlichen Raum. (Die Forscher betrachteten tatsächlich ausschließlich die Umzüge deutscher Staatsbürger innerhalb des Bundesgebiets, um die Effekte der Zuwanderung aus dem Ausland auszuschließen - in dem Zeitraum etwa wegen der Eurokrise und der Flucht vor Bürgerkriegen.)

Noch deutlicher wird das Problem, wenn man das Alter der Binnenmigranten berücksichtigt: Bei den 18- bis 29-Jährigen zogen sogar fast 460.000 Deutsche mehr in die Städte als von dort fort. Die Deutschen ab 30 Jahren zogen dagegen unter dem Strich häufiger von der Stadt aufs Land - was zwar einerseits den Gesamtverlust an Landbevölkerung begrenzte, andererseits aber die Kluft in der Altersstruktur noch verstärkte.

In der folgenden Karte können Sie für jeden Landkreis in Deutschland ablesen, wie stark sich die Zu- oder Abwanderung auswirkt - für alle Erwachsenen oder nach Altersgruppen getrennt. Grundlage ist die Gesamtbevölkerung (inklusive ausländischer Staatsangehöriger) in der jeweiligen Altersgruppe im Jahr 2008.

Verlierer und Gewinner

*bezogen auf jeweilige Bevölkerungsgruppe im Jahr 2008; Landkreise in den Grenzen von Dezember 2008; nur Personen mit deutscher Staatsbürgerschaft; Daten für Landkreis Göttingen wurden wegen Verzerrungen durch das Grenzdurchgangslager Friedland nicht berücksichtigt

Allgemein stellen die jungen Erwachsenen unter 30 Jahren mit 43 Prozent den mit Abstand größten Anteil aller Binnenmigranten, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung beträgt im Vergleich dazu nur 14 Prozent. Dass gerade sie in so großer Zahl umziehen - und das so oft in Städte - liegt zu einem großen Teil schlicht daran, dass dort die Universitäten sind. Und offenbar bleiben viele von ihnen auch nach Ende des Studiums dort.

Doch welche weiteren Faktoren beeinflussen die Entscheidung über einen Umzug je nach Alter und in welchem Ausmaß? Dafür bezogen die Forscher Daten über Arbeitslosigkeit, Lohnhöhe und Wohnkosten in ihre Untersuchung ein. Demnach ist der Arbeitsmarkt einer Region von hoher Bedeutung:

  • Die Lohnhöhe spielt eine wichtige Rolle - allerdings nur bei den unter 50-Jährigen: Wo die Bezahlung gut ist, wandern relativ wenige von ihnen ab und relativ viele zu - während umgekehrt hohe Abwanderung dort herrscht, wo niedrige Löhne gezahlt werden.
  • Die Arbeitslosigkeit ist ebenfalls ein wichtiger Faktor für junge Leute - interessanterweise aber vor allem für die Entscheidung, einen Ort zu verlassen: Wo sie hoch ist, wandern viele ab. Hingegen ist der Zusammenhang zwischen niedriger Arbeitslosigkeit und hoher Zuwanderung statistisch wesentlich geringer. Bei den über 50-Jährigen spielt dieser Faktor so gut wie keine Rolle mehr.
  • Die Wohnkosten haben hingegen einen relativ geringen Einfluss auf die Binnenmigration. Am auffälligsten ist hier noch der Einfluss auf die Gruppe der 30- bis 49-Jährigen - die Lebensphase also, in der oft mehr Wohnraum für die wachsende Familie benötigt wird. Bei ihnen steigt mit dem Preisniveau auch die Abwanderung deutlich.

Wie sehr die durch diese Faktoren getriebene Binnenmigration bereits zur demografischen Ungleichheit in Deutschland geführt hat, machen folgende Karten deutlich. Sie zeigen für jeden Landkreis den Anteil einer Altersgruppe an der jeweiligen Gesamtbevölkerung im Jahr 2014:

*im Jahr 2014; Daten für Landkreis Göttingen wurden wegen Verzerrungen durch das Grenzdurchgangslager Friedland nicht berücksichtigt

Wie extrem die Binnenmigration wirken kann, wird auch an einzelnen Beispielen deutlich - etwa am Landkreis Bautzen, der im Jahr 2008 noch 46.420 Einwohner im Alter von 18 bis 29 Jahren hatte. Binnen sieben Jahren verließen unter dem Strich 10.924 Deutsche in dieser Altersgruppe den Landkreis - rechnerisch fast ein Viertel wanderte also aus. In einigen ostdeutschen Landkreisen war die Abwanderung der Jungen sogar noch höher, aber auch im schleswig-holsteinischen Plön.

Auf der anderen Seite stehen Millionenstädte wie München oder Hamburg: In die bayerische Landeshauptstadt zogen von 2008 bis 2014 unter dem Strich viele junge Erwachsene bis 29 Jahre mehr zu als fort - der Wanderungssaldo in dieser Altersgruppe betrug 33,6 Prozent bezogen auf die Zahl der Menschen in dem Alter, die im Jahr 2008 bereits dort lebten. In Hamburg lag die entsprechende Kennzahl bei 24,5 Prozent.

Die RWI-Studie zeigt: Diese drastische Verschärfung der demografischen Ungleichheit lässt sich wohl am besten mit genügend Arbeitsplätzen in den Abwanderungsregionen stoppen - und zwar mit gut bezahlten Arbeitsplätzen.

Mehr zum Thema


insgesamt 146 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thoms1957 24.10.2019
1. Studiumpräferenz und Landwirtschaftsdesaster
Studieren kann man im wesentlichen nur in den Städten. Und derzeit setzen junge Menschen vor allem auf das Studium zur beruflichen Bildung. Auf dem platten Land hat die Politik des Wachsen oder Weichen in Verbindung mit fehlgeleiteten Subventionen dazu geführt, dass es in dem Bereich kaum noch Arbeitsplätze gibt, dass die Landwirtschaft einen schlechten Ruf hat und in Konsequenz kaum noch eine Perspektive für junge Menschen darstellt. Die Politik muss die Weichen entsprechend umstellen, aber selbst dann, wird es Jahre dauern, diesen Trend umzukehren.
Roedi 24.10.2019
2. Kinder
Wie sieht es denn mit dem Anteil der Kinder aus? Es werden hier nur Erwachsene, also ab dem Alter von 18, bedacht. Ich bin als junger Erwachsener auch in die Stadt gezogen. Uni, Kneipen, Doscotheken usw.. Als immer noch junger Erwachsener mit ca. 33 bin ich aus der Stadt geflüchtet. Nicht mehr so viel Interesse an Party, die Stadt zudem zu laut, zu dreckig, muffig und eng. Und der Hauptgrund die Stadt zu verlassen ... Ich bin Vater geworden. Damit wollte ich meinen Kindern eine Kindheit draußen ermöglichen. "Geh mal in die Fußgängerzone spielen!" wollte ich ihnen nicht sagen. Der ländliche Vorort, in dem ich mir nun ein Häuschen geleistet habe, ist voll von Mittdreißigern mit Kindern. Soviel Kinder sieht man in der Stadt kaum.
max-mustermann 24.10.2019
3.
"Diese drastische Verschärfung der demografischen Ungleichheit lässt sich wohl am besten mit genügend Arbeitsplätzen in den Abwanderungsregionen stoppen - und zwar mit gut bezahlten Arbeitsplätzen." Genau das ist das Problem im Niedriglohnparadies Deutschland, aber die Firmen schreien halt lieber Tag ein Tag aus Fachkräftemangel statt einfach ordentliche Löhne zu zahlen. Auch sonst sind die Zahlen nicht wirklich überraschend, das vor allem die 20-30 Jährige in die Stadt ziehen liegt vor allem daran das in diesem Alter die meisten studieren und das kann mann auf dem Lande halt nicht. Nach dem Studium zieht es dann einen Teil wieder zurück in die Heimat und der größere Teil hat sich an das Leben in der Stadt gewöhnt und bleibt eben dort. Alles keine wirklichen Überaschungen in diesem Artikel.
Schnullerbacke 24.10.2019
4. Na ich weiß nicht...
Das Städte für junge Menschen attraktiver sind ist doch klar. Wer studieren will muss in die Städte und das das oft nur mit finanzieller Unterstützung der Eltern (auf dem Land) möglich ist dürfte auch klar sein. Worin besteht die Attraktivität der Großstädte für jüngere Menschen neben Arbeitsplätzen deren gutes Gehalt oft dann durch höhere Lebenshaltungskosten aufgefressen wird? Shopping, Party, Essen gehen....Dinge ich als Zugehöriger der älteren Generation nicht mehr in dem Maße brauche oder vermisse. Für mich sind Besuche in den Städten wichtig aber leben dort, in keinem Fall. Zumindest in Städten über 80.000 Einwohner.
buffbuff 24.10.2019
5. nachdem jetzt ...
gefühlt 80 prozent der schüler abi machen und jeder davon dann studieren gehen kann, passiert das eben auch. die kids gehen ein jahr nach australien und sonstwo chillen und schreiben sich dann irgendwo ein. früher waren es vlt. 10 bis 20 prozent der schüler, die abi machten und davon gingen dann vlt. zwei drittel studieren und vlt. ein drittel auch weiter weg. heute sind die möglichkeiten ganz andere. das führt zu landflucht, weil wenn man einmal das stadtleben angefangen hat, zu geniessen, geht man frühestens mit familie und kindern wieder in landnähe. und jobs für studierte gibt es auf dem land eben auch immer weniger. schulen schliessen, also weniger lehrer, krankenhäuser werden dicht gemacht, also weniger ärzte usw. usw.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.