Trumps Aussagen im Faktencheck Ist Deutschland ein "Gefangener Russlands"?

Deutschland zahlt Abermilliarden für Energie aus Russland und wird von Moskau kontrolliert, verbreitet US-Präsident Donald Trump. Doch was ist an der Kritik dran? Ein Faktencheck.
Donald Trump

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Foto: Bernd von Jutrczenka/ dpa

Das Frühstück mit dem Nato-Chef hatte kaum begonnen, da startete Donald Trump seine neueste Attacke auf Deutschland. Ein "Gefangener Russlands" sei die Bundesrepublik, behauptete der US-Präsident in einer minutenlangen Tirade: wegen ihrer Abhängigkeit von russischen Energielieferungen. Und weil er seine Sätze so gut fand, twitterte Trump sie dann auch gleich.

Aber hängt Deutschland wirklich so stark am russischen Erdöl und Erdgas, wie Trump behauptet?

Seine Aussagen im Faktencheck.

1. Milliarden für Öl und Gas aus Russland

"Deutschland macht ein gewaltiges Öl- und Gasgeschäft mit Russland. Deutschland bezahlt Milliarden und Milliarden im Jahr an Russland [...] Der frühere Kanzler von Deutschland ist der Chef der Pipelinegesellschaft, die das Gas liefert."

Die Bundesrepublik hat 2017 laut Statistischem Bundesamt für 19,8 Milliarden Euro Erdöl und Erdgas aus Russland eingeführt. Wertmäßig waren das 35 Prozent von allen Importen dieser beiden Energieträger.

Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßt Ex-Kanzler Gerhard Schröder (Archivbild)

Russlands Präsident Wladimir Putin begrüßt Ex-Kanzler Gerhard Schröder (Archivbild)

Foto: Alexei Druzhinin / dpa

Altbundeskanzler Gerhard Schröder ist Vorsitzender des Aktionärsausschusses von Nord Stream. Die Gesellschaft, deren Mehrheitseigentümer der russische Staatsmonopolist Gazprom mit 51 Prozent ist, betreibt die Ostsee-Pipeline. Diese ist allerdings nicht die einzige Leitung, durch die Deutschland Erdgas bezieht. Durch andere Pipelines kommt unter anderem Gas aus Norwegen, den Niederlanden und auch aus Russland in die Bundesrepublik. Aber im Großen und Ganzen stimmt Trumps Aussage.

Video: Schlagabtausch zwischen Trump und Merkel

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2. Deutschland verdoppelt seine Gaseinfuhr aus Russland

"Letztlich wird Deutschland fast 70 Prozent seines Landes von Russland kontrolliert haben mit Erdgas."

Trump will damit wohl sagen, dass künftig fast 70 Prozent des hierzulande verbrauchten Erdgases aus Russland kommen werden. Zurzeit liegt dieser Anteil laut Bundeswirtschaftsministerium bei etwa 38 Prozent. Mit seiner Vorhersage spielt Trump auf die heftig umstrittene Pipeline Nord Stream 2 an. Das Projekt, dessen Bauarbeiten in deutschen Gewässern bereits begonnen haben, soll ähnliche Mengen Gas wie die erste Ostsee-Pipeline transportieren können. Osteuropäische Staaten wie die Ukraine oder Polen haben große Vorbehalte, da sie umgangen werden, Transiteinnahmen verlieren oder im Krisenfall von der Versorgung abgeschnitten werden könnten. Auch die USA bekämpfen das Projekt - unter anderem, weil sie im großen Stil verflüssigtes Erdgas (LNG) aus den eigenen Vorkommen nach Europa verkaufen wollen.

Bagger arbeiten im Greifswalder Bodden am Unterwassergraben der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2 (Mai 2018)

Bagger arbeiten im Greifswalder Bodden am Unterwassergraben der neuen Ostseepipeline Nord Stream 2 (Mai 2018)

Foto: Stefan Sauer/ dpa

Der Brennstoff aus Nord Stream 2 ist aber längst nicht nur für Deutschland gedacht, sondern auch für andere mittel- und westeuropäische Länder. Das Gas von Nord Stream 1 etwa wird zu einem bedeutenden Teil durchgeleitet: etwa nach Frankreich oder Tschechien.

Die Bundesregierung hat kein Interesse daran, dass sich der Anteil der russischen Gasimporte in Zukunft fast verdoppelt. Ihr Ziel ist es, die Lieferungen zu diversifizieren. Im Koalitionsvertrag legt sich Schwarz-Rot fest, die Einfuhr von verflüssigtem Erdgas (LNG) über Schiffe voranzutreiben. Im Gespräch ist unter anderem, den Bau eines Anlande-Terminals an der Nordseeküste zu unterstützen. Auch über andere europäische Staaten können sich die deutschen Importeure Gas beschaffen.

"Die Erdgas-Infrastruktur wurde so umgebaut, dass Gas in beide Richtungen fließen kann, also auch von West nach Ost - dies ist besonders wichtig für einige Länder in Mittel- und Osteuropa", sagt Stefan Kapferer, Chef des Bundesverbandes der Deutschen Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). Und schließlich hat sich Deutschlands zweitwichtigster Lieferant Norwegen festgelegt, man werde noch jahrzehntelang Pipeline-Gas nach Mitteleuropa liefern. Dass die Bundesrepublik künftig mehr als zwei Drittel seines Erdgases aus Russland bezieht, ist daher eine mehr als gewagte Prognose von Trump.

3. Russland kontrolliert den deutschen Energiesektor

"Deutschland ist total kontrolliert von Russland, denn sie werden 60 bis 70 Prozent ihrer Energie von Russland und einer neuen Pipeline kriegen."

Energie ist mehr als nur Erdgas. Dieses macht nur knapp ein Viertel des gesamten deutschen Energieverbrauchs aus. Erneuerbare Energien, Kernenergie und Braunkohle haben zusammen einen Anteil von rund 40 Prozent - und hier kommt wenig bis gar nichts aus Russland. Je schneller die Energiewende voranschreitet (schon jetzt erzeugen regenerative Technologien 36 Prozent des deutschen Stroms), desto geringer wird diese Abhängigkeit.

Wichtigster einzelner Energieträger für Deutschland ist Erdöl. Hier ist Russland zurzeit der wichtigste Lieferant - aber nur einer von 23 verschiedenen Staaten, die den Stoff nach Deutschland exportieren. Für Öl, das oft mit Schiffen transportiert wird, gibt es internationale Börsen. Deutsche Importeure könnten es einfach anderswo auf dem Weltmarkt einkaufen. Ähnliches gilt für die Steinkohle: den dritten Brennstoff, der zurzeit zu einem bedeutenden Teil aus Russland kommt. Auch hier gibt es alternative Lieferanten.

Insgesamt haben russische Erdgas-, Öl- und Kohlelieferungen nach unseren Berechnungen einen Anteil von knapp 25 Prozent am deutschen Primärenergieverbrauch. Das ist beträchtlich. Aber "total kontrolliert" von Russland ist Deutschland deswegen noch lange nicht. Und wird es auch nicht sein.

4. Abhängigkeit = Geiselhaft

"Deutschland ist Gefangener Russlands"

Für Russland ist Deutschland als Handelspartner wichtiger als andersherum. Von allen deutschen Importen kamen 2017 nur drei Prozent aus Russland - und lediglich zwei Prozent der Exporte gehen in Putins Reich. Für die Russen war die Bundesrepublik mit einem Anteil von 8,6 Prozent ihres gesamten Außenhandels der zweitwichtigste Partner hinter China. Und mehr als zwei Drittel der russischen Exporte nach Deutschland waren Erdgas, Öl und Steinkohle.

Russland ist auf den Abnehmer Deutschland angewiesen. Die Deutschen benötigten die Russen vor allem als Lieferanten für Erdgas. Aber auch da ginge es längere Zeit ohne. Dank vieler Speicher und der verbesserten innereuropäischen Anbindungen könnte die Bundesrepublik laut einer Simulation des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln ein Totalembargo mindestens fünf Monate lang ohne Versorgungsengpässe überstehen.

Den Russen würde es also schwerfallen, Deutschland in Geiselhaft zu nehmen.