Kritik an Bundesregierung "Arme Familien wurden reicher gerechnet, als sie sind"

Die Bertelsmann-Stiftung stellt die bisherige Armutsberechnung in Deutschland infrage. Denn die basiert auf einer willkürlich gewählten Skala.

Die Bertelsmann-Stiftung meldet einen beachtlichen Befund: "Viele Familien sind ärmer als bislang gedacht", heißt es in einer von der Stiftung finanzierten Studie. Wissenschaftler der Ruhr-Universität-Bochum haben dafür die bislang gängige Berechnung der Armutsrisikoquote unter die Lupe genommen. Ihr Ergebnis: Das Verfahren unterschätzt, wie schwierig die finanzielle Lage von Haushalten mit Kindern ist. "Arme Familien wurden reicher gerechnet, als sie tatsächlich sind", heißt es in der Studie.

In Zahlen heißt das: Die Armutsrisikoquote von Eltern mit Kindern liegt laut Berechnung der Studienautoren knapp drei Prozentpunkte über den bisher ermittelten Werten, wie sie etwa für den Familienreport der Bundesregierung jährlich kalkuliert werden. Nach dieser Berechnung sind 13 Prozent der Paare mit einem Kind armutsgefährdet, 16 Prozent der Familien mit zwei Kindern und 18 Prozent jener mit drei Kindern. Besonders drastisch fällt der Unterschied bei Alleinerziehenden ins Gewicht: Die Armutsgefährdungsquote liegt bei Ein-Eltern-Haushalten mit 68 Prozent rund 20 Prozent höher als in der offiziellen Statistik.

Woher rühren die Abweichungen?

Die Kritik der Studie zielt im Kern auf ein technisches Verfahren mit der staubtrockenen Bezeichnung "Berechnung des Äquivalenzeinkommens". Hintergrund ist die Schwierigkeit, wie Einkommen von Haushalten unterschiedlicher Größe miteinander vergleichbar gemacht werden können.

Dabei wird das Haushaltseinkommen nicht einfach durch die Zahl der Personen in einem Haushalt geteilt. Denn eine Familie mit einem Monatseinkommen von 4000 Euro hat erkennbar einen höheren Lebensstandard als vier Singles mit jeweils 1000 Euro. Ein Grund dafür sind die sogenannten "Haushaltsersparnisse": Die vierköpfige Familie braucht keine vier Badezimmer oder vier Waschmaschinen, und für vier Personen zu kochen bedeutet einen geringeren Aufwand als vier Mal für einen Single zu kochen.

Diese Skaleneffekte werden durch eine Gewichtung abgebildet. Eine alleinstehende Person hat dabei das Gewicht 1, jede weitere Person über 14 Jahren aber das Gewicht 0,5, kleinere Kinder 0,3. Im Falle einer alleinerziehenden Mutter eines Kindergartenkinds mit monatlichen Einkünften von 1950 Euro wird das Einkommen also nicht durch 2 geteilt, sondern durch 1,3. Das Äquivalenzeinkommen des Haushalts beträgt demnach 1500 Euro.

Woher kommen die Äquivalenzgewichte?

Die Gewichtung von Personen über 14 Jahren mit dem Faktor 0,5 und von Kindern mit 0,3 geht auf eine Skala der Industrieländerorganisation OECD zurück. Ihre Verwendung ist nicht vorgeschrieben, hat sich international allerdings eingebürgert. Dabei weist die OECD selbst darauf hin, die Werte seien eine "pragmatische Wahl", dabei aber "willkürlich gesetzt".

Genau dort setzen die Autoren der Bertelsmann-Studie an. Sie argumentieren, die OECD-Skala sei ungeeignet, weil sie alle Haushalte über einen Kamm schere, die Wohlhabenden und die Bedürftigen. Die Wissenschaftler argumentieren hingegen, dass für einen ärmeren Haushalt die finanzielle Belastung durch eine zusätzliche Person im Haushalt ungleich höher sei, als für eine Familie mit hohem Einkommen.

Gemeint ist: Während eine alleinerziehende Mutter in bescheidenen Verhältnissen für ihr Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zusätzliches Zimmer benötigt, muss ein Paar mit 8000 Euro Monatseinkommen nicht zwangsläufig nach der Geburt eines Kindes umziehen, wenn es bereits eine 4-Zimmer-Wohnung bewohnt.

Wie sind die Forscher vorgegangen?

Sie haben sich bemüht, die tatsächlichen Mehrausgaben zu schätzen, die Haushalte mit geringen und höheren Einkommen zu stemmen haben. Dabei stützen sie sich auf Daten, die das Statistische Bundesamt im Rahmen der "Einkommens- und Verbrauchsstichprobe" (EVS) erhebt. Die Teilnehmer dieser Befragung müssen dabei über mehrere Monate auch alle Einnahmen und Ausgaben in einem Haushaltsbuch vermerken.

Daraus leiten die Forscher variable Äquivalenzgewichte ab, um die OECD-Skala zu ersetzen. Ein Beispiel: Das Kind einer Alleinerziehenden mit 1500 Euro Einkommen geht nicht mit den Wert 0,3 in die Berechnung ein, sondern mit 0,5. Steigt das Einkommen eines Ein-Eltern-Haushalts hingegen auf 4000 Euro an, liegt das Gewicht nur noch bei 0,15.

In einem zweiten Schritt wenden die Forscher diese variablen Äquivalenzgewichte auf Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) an. Das Ergebnis ist eine deutlich höhere Armutsrisikoquote, vor allem für Haushalte mit Kindern. Eine weitere Erkenntnis der Daten: Der Anteil der Haushalte mit Kindern an der Gesamtbevölkerung schrumpft deutlich.

Was bezweckt die Bertelsmann-Stiftung?

Die Bertelsmann-Stiftung macht sich seit Langem für eine radikale Neuausrichtung der Familienförderung in Deutschland stark. Vor allem das Kindergeld und seine Erhöhung in den vergangenen Jahren habe nicht dazu geführt, die Lage einkommensschwacher Familien zu verbessern.

Stiftungsvorstand Jörg Dräger plädiert deshalb für die Einführung eines neuen "Teilhabegelds". Es sollte sowohl das Kindergeld als auch die bisherigen Leistungen der Sozialhilfe für Kinder ersetzen und gezielt arme Kinder und Jugendliche erreichen. Anders als das bisherige Kindergeld soll es allerdings nicht mehr unabhängig vom Einkommen an alle Eltern gezahlt werden, sondern nur solchen mit geringem Verdienst. Mit zunehmendem Einkommen soll es "abgeschmolzen" werden.

Wie würde ein "Teilhabegeld" Familienarmut verringern?

Darüber gibt es bislang noch keine Erkenntnisse. Eine Simulation, wie sich der Ersatz des Kindergelds auf die berechneten Armutsrisikoquoten von Familien auswirken würde, haben die Verfasser der Studie nicht durchgeführt. Die Bertelsmann-Stiftung hat allerdings angekündigt, solche Berechnungen in diesem Jahr anzugehen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.