Studie zur "Generation Mitte" Deutschlands Angst vor dem Abstieg

Den Deutschen geht es materiell so gut wie selten zuvor. Und doch glauben laut einer neuen Studie sehr viele Menschen, dass es mit der Wirtschaft bald bergab geht. Die Verunsicherung ist offenbar riesig.

Schaut man auf die nackten Wirtschaftsdaten, geht es den Deutschen ziemlich gut: Nachdem die Konjunktur in Deutschland viele Jahre lang brummte, ist die Arbeitslosigkeit niedrig und die meisten Menschen spüren den langen Aufschwung auch persönlich in ihrem Geldbeutel. Und doch herrscht in der Mitte der Gesellschaft offenbar große Verunsicherung, wie eine neue Allensbach-Studie zeigt, die im Auftrag des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) erstellt wurde.

Denn eine Mehrheit der sogenannten Generation Mitte sieht erhebliche Risiken für die deutsche Wirtschaft. 41 Prozent der 30- bis 59-Jährigen glauben, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Jahren eher zurückfällt. Nur knapp ein Viertel der Befragten geht davon aus, dass die deutsche Wirtschaft ihre starke Position verteidigen kann.

Die "Generation Mitte" umfasst bundesweit etwa 35 Millionen Menschen. Auf sie entfallen 70 Prozent der Erwerbstätigen und mehr als 80 Prozent der steuerpflichtigen Einkünfte. Es handelt sich damit um die "Leistungsträger unserer Gesellschaft", wie es in der Studie heißt, die jedes Jahr durchgeführt wird.

Bemerkenswert: Vor allem unter Gutverdienern dieser Generation ist der Anteil derer, die glauben, dass Deutschland zurückfällt, sehr hoch: 44 Prozent von ihnen gehen davon aus, dass es mit der Wirtschaft bald bergab gehen könnte.

An der persönlichen Situation kann der Pessimismus der Deutschen laut den Allensbach-Daten aber nicht liegen. Denn die befragten Bürger sind mit ihrer momentanen wirtschaftlichen Lage zufriedener denn je: 44 Prozent der "Generation Mitte" geht es heute besser als vor fünf Jahren, nur 16 Prozent schlechter.

Im Jahr 2019 hat sich die wirtschaftliche Situation der Deutschen im Vergleich zum Vorjahr sogar noch einmal verbessert. Vor allem in Ostdeutschland fällt die Bilanz positiv aus: Hier sagen 46 Prozent, dass es ihnen besser geht als vor fünf Jahren, nur 11 Prozent konstatieren eine Verschlechterung.

Warum also der düstere Blick in die Zukunft?

Als größte Risiken nennen die Befragten unter anderem den Fachkräftemangel und die Politik des amerikanischen Präsidenten. Auf Platz drei folgt die Sorge, dass Deutschland bei wichtigen technologischen Entwicklungen den Anschluss verpassen könnte. Knapp die Hälfte nennt den Klimawandel als negativen Wirtschaftsfaktor. Trotz der guten ökonomischen Entwicklung zeigen die Allensbach-Daten also, dass eine tiefgreifende Verunsicherung breite Teile der Bevölkerung erfasst hat.

Wachsende Aggressivität im Stadtverkehr

Auch die gesellschaftliche Entwicklung im Allgemeinen sorgt offenbar für Unbehagen in der Bevölkerung. Für die Hälfte der Befragten überwiegen im Rückblick auf die vergangenen Jahre gar die negativen gesellschaftlichen Veränderungen, nur 16 Prozent sehen überwiegend positive Entwicklungen.

Diese Veränderungen spüren die Menschen in ihrem Alltag: Vier von fünf Befragten konstatieren eine zunehmende Aggressivität im gesellschaftlichen Umgang. "Aggressivität und Egoismus, immer weniger Respekt und auch eine wachsende Fremdenfeindlichkeit bereiten der mittleren Generation Sorgen", sagt Allensbach-Geschäftsführerin Renate Köcher.

Konkret erleben diese Aggressivität 90 Prozent der "Generation Mitte" nach eigenen Angaben im Straßenverkehr. Mit rücksichtslosem und aggressivem Verhalten sehen sich zudem viele Befragte auf öffentlichen Plätzen (59 Prozent) und in öffentlichen Verkehrsmitteln (51 Prozent), aber auch im Internet (54 Prozent) konfrontiert.

Der Blickwinkel der "Generation Mitte" auf die deutsche Gesellschaft ist in Ost- und Westdeutschland grundsätzlich sehr ähnlich. Es gibt aber einige bemerkenswerte Ausnahmen: So sind 55 Prozent der Ostdeutschen der Ansicht, dass es in Deutschland eine große Rolle spielt, ob man aus Ost- oder Westdeutschland stammt. Von den westdeutschen Befragten sagen dies nur 35 Prozent.

Die regionale Herkunft ist damit für die 30- bis 59-Jährigen in Ostdeutschland ein wichtigeres Unterscheidungsmerkmal als der Bildungsabschluss (46 Prozent Zustimmung) und annähernd so bedeutsam wie Eigentum und Besitz (58 Prozent).

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