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22. August 2019, 11:09 Uhr

Teilhabeatlas

Boomendes Deutschland - abgehängtes Deutschland

Von und  (Grafik)

Welche deutsche Region bietet ihren Bewohnern Teilhabe - und welche nicht? Eine Studie zeigt Lebensqualität und Zukunftschancen in jedem Kreis der Republik - vom Einkommen bis zur Versorgung mit schnellem Internet.

Wie lebt es sich in Deutschland? Wer diese Frage mit "Im Schnitt ziemlich gut" beantwortet, liegt damit sicherlich nicht falsch. Aber das wird der Vielfalt der Lebensverhältnisse und Möglichkeiten nicht gerecht, die Menschen in diesem Land alltäglich erfahren. Wer also eine angemessene Antwort sucht, muss erst einmal zumindest eine Gegenfrage stellen: "Wo genau in Deutschland meinen Sie denn?"

Denn vom Wohnort hängt vieles ab, worauf der oder die Einzelne angewiesen ist, um seine Möglichkeiten zu entfalten und an der im Schnitt reichen deutschen Gesellschaft teilzuhaben - aber dennoch nur wenig Einfluss hat: Gibt es dort einen Arbeitsplatz mit einem auskömmlichen Lohn - oder eine gute Verkehrsverbindung zu ihm? Liegt die Schule der Kinder in der Nähe? Ist sie gut? Wie weit ist es bis zum Hausarzt, wie weit zum nächsten Supermarkt? Hat meine Gemeinde genug Geld, um Schwimmbad und Jugendtreff zu finanzieren - oder zumindest die Straßen in Schuss zu halten?

Eine Studie des Berlin-Instituts im Auftrag der Wüstenrot-Stiftung verdeutlicht die enormen Unterschiede der Lebensverhältnisse und Zukunftschancen in Deutschland - und wie sich die objektiv messbare Ungleichheit für die Bewohner reicher und abgehängter Regionen ganz subjektiv anfühlt.

Für den "Teilhabeatlas Deutschland" untersuchten die Forscher zuerst, wie erfolgreich - oder eben abgehängt - die 401 Landkreise und kreisfreien Städte jeweils hinsichtlich statistischer Indikatoren sind. So entstand eine auf objektiven Kriterien basierende Karte der Bundesrepublik, die in Wirklichkeit sechs Deutschlands zeigt: von den reichen Großstädten und ihren Speckgürteln bis hin zu abgehängten Regionen auf dem Land.

Zu welchem dieser sechs verschiedenen Deutschlands gehört Ihr Wohnort? Die folgende Karte zeigt es.

Doch zeigt diese Karte wirklich zuverlässig, wo man in Deutschland gut lebt - und wo nicht? Wie empfinden die Menschen vor Ort selbst ihre Lage und ihre Möglichkeiten? Um das herauszufinden, ergänzten die Forscher des Berlin-Instituts ihre Studie mit einem zweiten, subjektiven Teil: Sie fuhren in 15 ausgewählte, auf ihre Art typische Regionen und sprachen mit den Menschen - mit Politikern und Amtsträgern ebenso wie mit ganz normalen Bürgern. Die Auskünfte, die sie dort erhielten, bestätigten zwar viele der objektiven Befunde - lagen aber auch manchmal erstaunlich im Widerspruch zu ihnen. (Hier finden Sie einen ausführlichen Artikel.)

Doch wie bestimmten die Forscher überhaupt, welche Region abgehängt ist oder nicht? Sie beschränkten sich nicht wie viele andere ähnliche Untersuchungen auf ein einziges Kriterium wie das durchschnittliche Einkommen oder die Armutsquote. Vielmehr betrachteten sie insgesamt acht Indikatoren für die wirtschaftliche, die soziale und die Versorgungslage. In einem weiteren Schritt verknüpften sie diese Indikatoren zu einem einheitlichen Messinstrument - einer Schablone, die charakteristische Ähnlichkeiten bestimmter Kreise und Städte erkennbar macht.

Sechs verschiedene dieser Muster identifizierten sie schließlich und ordneten jeden Kreis und jede Stadt einem dieser Muster zu - die Forscher sprechen von sogenannten Clustern. Dabei entschieden sie sich für eine Aufteilung in Stadt und Land, die sie jeweils in drei Cluster einteilten - von wohlhabend und erfolgreich über durchschnittlich zu problembeladen und abgehängt.

Die folgende Karte zeigt die einzelnen Indikatoren. (Tippen Sie auf die Schalter, um sich die verschiedenen Indikatoren anzeigen zu lassen.)

Dieses Vorgehen ähnelt dem der Friedrich-Ebert-Stiftung für ihren im April erschienenen Disparitätenbericht - und kommt in großen Teilen zu ähnlichen Befunden:

Allerdings kommt die Berlin-Stiftung zu einer anderen Einordnung der ostdeutschen Städte: Sie landen mit Ausnahme von Dresden alle in dem städtischen Cluster mit den schlechtesten Teilhabechancen - während die Ebert-Stiftung sie fast ausnahmslos der höchsten Kategorie zurechnete.

Das mag zum einen an einer etwas anderen Auswahl der Indikatoren liegen - vor allem aber scheint es darin begründet zu sein, dass das Berlin-Institut allgemein ein wesentlich größeres Stadt-Land-Gefälle konstatiert: Genau genommen bezeichnet das Berlin-Institut keine einzige Großstadt als "abgehängt", sondern verwendet den Begriff ausschließlich für ländliche Regionen.

Dennoch erscheint es fragwürdig, wenn sich das boomende und optimistische Leipzig im gleichen Cluster befindet wie Gelsenkirchen oder Duisburg. Im Text der Studie weisen aber auch die Forscher des Berlin-Instituts darauf hin, dass die ostdeutschen Städte aufgrund des Zuzugs junger Menschen durchaus Chancen haben, zu den dynamischen und reichen Großstädten des Westens aufzuschließen.

In den abgehängten Regionen befürchten die Forscher allerdings eine fatale Abwärtsspirale: Die schlechte Versorgung mit Geschäften, Arbeitsplätzen, Bildungseinrichtungen und öffentlichem Nahverkehr treibt stets weitere Menschen fort - vor allem die jungen und relativ gut gebildeten. In der Folge müssen die Kommunen die öffentliche Versorgung noch weiter ausdünnen, um sie an die schrumpfende Einwohnerzahl anzupassen und weil ihnen Steuermittel fehlen - was wiederum Menschen aus ihrer eigentlichen Heimat vertreibt.

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