Bevölkerungsentwicklung Wo Deutschland am schnellsten altert

Der demografische Wandel in Deutschland trifft vor allem ländliche Regionen hart. In einigen Städten dagegen verjüngt sich die Bevölkerung. Wie es in Ihrer Heimat aussieht, zeigt die interaktive Grafik.

Rentner in Baden-Württemberg
Getty Images/Westend61

Rentner in Baden-Württemberg


Eigentlich ist die Statistik eindeutig: Deutschland wird deutlich älter - und ist es bereits geworden. Lag das mittlere Alter 1995 noch bei knapp 40 Jahren, betrug es 2017 bereits mehr als 44 Jahre. Für einen Zeitraum von rund zwei Jahrzehnten ist das ein beachtlicher Anstieg.

Doch ist diese Alterung der Gesellschaft auch im Alltag bemerkbar? Stellte man diese Frage Menschen quer durch Deutschland, fielen die Antworten sehr unterschiedlich aus: In Hamburg, Köln oder München würden Alteingesessene wohl eher davon erzählen, wie voll ihre Stadt inzwischen geworden ist - aber älter? Nein. In Suhl im Süden Thüringens hingegen könnten die Bewohner davon berichten, wie leer ihre Stadt inzwischen erscheint - und wie sehr ältere Menschen nun das Stadtbild prägen anstatt Familien mit Kindern wie früher.

Tatsächlich verläuft die demografische Entwicklung in Deutschland extrem unterschiedlich. Frankfurt am Main zum Beispiel ist seit 1995 nicht nur um rund 100.000 Einwohner auf nun knapp 750.000 gewachsen - die Bankenmetropole ist im Mittel sogar jünger geworden. Suhl hingegen ist im selben Zeitraum drastisch von 54.000 auf 35.000 Einwohner geschrumpft und im Mittel um mehr als elf Jahre älter geworden: Wer in Suhl knapp über 50 Jahre ist, befindet sich inzwischen genau in der Mitte der Altersstruktur. 1995 war man das dort noch mit knapp 39 Jahren.

Auswertung für alle Kreise Deutschlands

Und wie ist die Entwicklung dort, wo Sie wohnen? Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) hat Daten des Statistischen Bundesamts nun in einer interaktiven Grafik so aufbereitet, dass sich die aktuelle Situation und Entwicklung seit 1995 in jedem der 401 Kreise Deutschlands nicht nur anschaulich nachvollziehen, sondern auch vergleichen lässt - sowohl mit der in Gesamtdeutschland als auch mit der in jedem anderen beliebigen Kreis.

In den beiden Auswahlfeldern können Sie Ihren Kreis auch per Tastatureingabe suchen; in der Zeitleiste können Sie ein beliebiges Jahr wählen oder mit dem Start-Knopf die Entwicklung als Animation ansehen.

Die interaktive Grafik macht deutlich: Der demografische Wandel ist zwar auch ein großes Thema für die Bundespolitik - etwa wenn es darum geht, die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung auf eine Zukunft einzustellen, in der sich das Verhältnis zwischen Leistungsempfängern und Beitragszahlern drastisch verschieben wird. Eine Aufgabe, die nicht einfach, aber lösbar ist. Vor allem aber erfordert der demografische Wandel erhebliche Anstrengungen auf regionaler und lokaler Ebene - und zwar sehr unterschiedliche, schreiben die IW-Forscher.

Gleicht die Altersstruktur Deutschlands grafisch dargestellt insgesamt noch einem ausgefransten Tannenbaum, ist es in Suhl, Dessau oder dem Spree-Neiße-Kreis eher ein Laubbaum: relativ wenige Menschen in den Altersgruppen bis 45, deutlich mehr in denen darüber. Hier wie in den meisten anderen ländlichen Gebieten Ostdeutschlands, aber auch im Westen des Saarlands oder in Krefeld wird der Bedarf an Pflege deutlich steigen - angesichts der Altersstruktur stellt sich die Frage, wie dafür unter den wenigen Jungen genügend Pflegekräfte für die vielen Alten rekrutiert werden können.

Im Video: Pflegenotstand in Deutschland - Und wer betreut Sie später?

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In diesen schrumpfenden, alternden Regionen werden aber nicht nur Pflegende, sondern auch andere Fachkräfte zum knappen Gut. Bereits jetzt herrscht etwa in der Gegend um Suhl nahezu Vollbeschäftigung, sodass Firmen sich einiges einfallen lassen müssen, um überhaupt noch Arbeitskräfte zu gewinnen. Diese anzulocken, wird für Bürgermeister und Landräte nicht einfach, zumal die Kosten für Verwaltung und Versorgung pro Kopf tendenziell steigen, wenn die Einwohnerzahl sinkt: Abwasserkanäle zu sanieren, wird nicht dadurch billiger, dass weniger Haushalte daran angeschlossen sind. Verkehrsbetriebe machen umso höhere Defizite, je weniger Menschen Bus fahren.

München boomt

In München hingegen stellen die Altersgruppen von 25 bis 35 Jahren die größten Anteile an der Bevölkerung, Menschen in der Familiengründungsphase also. Bereits in den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kinder dort deutlich gestiegen und wird es voraussichtlich weiter tun - in einer seit der Jahrtausendwende um 250.000 Einwohner gewachsenen Stadt. Dort werden ähnlich wie in allen deutschen Metropolen dringend mehr Kindergärten, Schulen und Studienplätze benötigt, um der Demografie gerecht zu werden. Auch der öffentliche Nahverkehr muss deutlich ausgebaut werden.

Diese sehr unterschiedlichen Herausforderungen sind auch Folge starker Wanderungsbewegungen - sowohl innerhalb Deutschlands als auch aus dem Ausland. Die IW-Forscher konstatieren dabei für die 71 Großstädte eine deutlich andere Entwicklung als für die 330 ländlichen Kreise: Waren Stadtbewohner Mitte der Neunzigerjahre mit rund 40,7 Jahren im Mittel noch mehr als ein Jahr älter als Landbewohner, sind sie nun um mehr als zwei Jahre jünger. Seit 2008 stagniert das mittlere Alter in den Städten bei etwas unter 43 Jahren, während es auf dem Land fast stetig weiter steigt - nur der massive Flüchtlingszuzug 2015 hat diesen Trend kurz unterbrochen.

Anmerkung der Redaktion: Für Göttingen (für die Jahre 1995 bis 2015) und Aachen (für die Jahre 1995 bis 2008) waren die Daten fehlerhaft - laut Auskunft des IW Köln lag das an einer fehlerhaften Zusammenführung der zugrundeliegenden Daten. Der Fehler ist behoben, das interaktive Tool ist korrigiert.



insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
mikesch0815 04.03.2019
1. Prima!
Alle werden alle junge Hippster, strömen in die coolen Städte und jammern über steigende Mieten... logische Konsequenz, richtig?
heidelbeere0815 04.03.2019
2. München
Naja, aus München zieht man im allgemeinen weg, wenn man Kinder hat. Keine Wohnungen, kaufen unmöglich. Krippenplatz bekommt man auch nicht. Und dann der ganze Dreck von den vielen Autos. Wir fühlen uns sehr wohl in Mühldorf und wir pendeln auch nicht!
three-horses 04.03.2019
3. Eine echte Überraschung.
"interaktive Grafik"...und wo bitte zeigt die "interaktive Grafik" ein demografisches Wandel? Bis 65 Jahre alles normal. Bis 70 Jahre wo man bis 71 schufften soll, auch nicht viel mehr. Und dann geht es rapide ab. Also nix ewig leben. Ein Dilema sind Menschen ab 45 Jahre die keine Arbeit mehr finden. Also sicher kein demografisches Wandel. Eher ein Unwille seitens der Regierung und der Arbeitgeber. Ein echt mieses Konstrukt von Desinformation.
gluonball 04.03.2019
4.
Alle strömen zur Arbeit. Ich wohne nun auch 600 km weit weg von meinem Geburtsort. Einfach weil mir eben dort Arbeit angeboten wurde. Man kann natürlich auch arbeitslos in der Region bleiben.
kalsu 04.03.2019
5. Sinnlose Überschrift
Wer denkt sich bei SPON eigentlich solchen Mist aus. Alles altert überall gleich! Täglich um einen Tag, Stündlich um ein Stunde, minütlich um eine Minute. Natürlich wird der Altersdurchschnitt der Menschen in der Provinz schneller höher - die Jungen wandern in die Städte, die umliegenden (Schlaf)-Dörfer werden in größter Städte eingemeindet.
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