Einkommensgewinne seit 1991 Gutverdiener hängen den Rest Deutschlands ab

Vom Aufschwung der vergangenen Jahre haben vor allem diejenigen profitiert, die ohnehin schon ein hohes Einkommen beziehen. Das zeigt eine neue Untersuchung. Und: Die Ungleichheit wächst auch zwischen den Generationen.

Alex Kraus / Bloomberg via Getty Images

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Die positive Nachricht vorweg: Die Haushaltseinkommen in Deutschland wachsen. Das Plus lag nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) im Jahr 2016 real - also bereits bereinigt um alle Preisanstiege - bei durchschnittlich 2,7 Prozent (hier geht es zu der Studie). Das ist das höchste Plus seit 15 Jahren und hat zu tun mit der lange Jahre guten Konjunktur und einem Rekordstand der Beschäftigung: Weil Arbeitskräfte knapp werden, können Beschäftigte in der Tendenz mehr von ihren Arbeitgebern verlangen.

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Die Daten stammen aus der jährlichen Auswertung des "Sozio-ökonomischen Panels" (SOEP). An dieser detaillierten Befragung nehmen jedes Jahr etwa 15.000 Haushalte mit 30.000 Personen teil. Deshalb lässt sich anhand der Daten auch nachvollziehen, wie stark die Haushaltseinkommen in Deutschland seit der Wiedervereinigung insgesamt gestiegen sind: nämlich um insgesamt 18 Prozent, wiederum nach Bereinigung um alle Preisanstiege in den vergangenen 25 Jahren. Es geht Bürgern in Deutschland also besser als 1991, sie können sich deutlich mehr leisten. Jedenfalls im Durchschnitt.

Erklärung zur Grafik: Für das Medianeinkommen werden alle Haushalte in eine reichere und eine ärmere Hälfte geteilt, das Einkommen der Haushalte genau in der Mitte bezeichnet dann den Median. Dieser Indikator liefert andere Ergebnisse als das Durchschnittseinkommen, das anfällig für Ausreißer nach oben ist.


Und das ist der Knackpunkt. Die DIW-Untersuchung zeigt, wie unterschiedlich stark sich diese Zuwächse über die verschiedenen Bevölkerungsgruppen verteilen. Die Einkünfte hoher Einkommensgruppen sind etwa stark überproportional gewachsen. Das DIW spricht bei dieser Gruppe vom "10. Dezil", gemeint sind damit die zehn Prozent der Haushalte in Deutschland mit den höchsten verfügbaren Einkommen. Ihre Einkünfte sind von 1991 bis 2016 um 35 Prozent gestiegen, also fast doppelt so stark wie im Schnitt.

Die DIW-Forscher sprechen von einer sich vor allem "seit der Jahrtausendwende öffnenden Schere". Denn für alle anderen Einkommensklassen gilt: Die Zuwächse fallen deutlich geringer aus. Beim "9. Dezil" - also den "zweitreichsten zehn Prozent" - liegt das Plus immerhin noch bei 19 Prozent. Erheblich schlechter hingegen haben sich die Realeinkommen von Haushalten mit geringen Einkünften entwickelt. Für das "2. Dezil", also die Gruppe der zweitärmsten zehn Prozent hat sich die Lage mit einem Plus von gerade einmal zwei Prozent im Vergleich zu 1991 kaum verbessert.

Die ärmsten Haushalte (1. Dezil) sind unter dem Strich sogar noch etwas ärmer geworden, als sie es ohnehin schon waren. Das hat auch etwas mit Zuwanderung zu tun, schreiben die Forscher um DIW-Ökonom Markus Grabka: Schon bis 1994 sanken die Realeinkommen deutlich, das lag damals am Zuzug vieler Aussiedler aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich ab 2010: Die Realeinkommen im 1. Dezil sind seitdem um neun Prozent gesunken, das DIW stellt das in einen Zusammenhang mit dem Zuzug von 3,3 Millionen Ausländern in den vergangenen Jahren.

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Wichtig dabei ist: Dieser Rückgang ergibt sich nicht dadurch, dass durch den Zuzug von Migranten etwa Löhne gedrückt würden. Die Einkommen der "ärmsten zehn Prozent" sinken im Schnitt, weil eine große Menge noch ärmerer Menschen hinzustößt. Viele Zuwanderer fangen in den ersten Monaten und Jahren nach ihrer Ankunft sprichwörtlich bei null an: in der Regel ohne Job und dadurch bedingt mit niedrigen Einkünften. Sie bilden dann oft die ärmste Gruppe, während die bis dahin Ärmsten zumindest teilweise eine Stufe höher rutschen werden.

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Geringe Arbeitslosigkeit vertreibt wirtschaftliche Sorgen

Die anhaltend gute Lage am Arbeitsmarkt - gepaart mit den zuletzt stärker anziehenden Reallöhnen - führt indes dazu, dass sich Haushalte in Deutschland weniger Gedanken über ihre eigene wirtschaftliche Lage machen als vor zehn Jahren. Im Jahr 2006 gaben bei der SOEP-Befragung 27,7 Prozent an, sich "große Sorgen" zu machen. 2016 waren es hingegen 15 Prozent.

Allerdings zeigen die Daten auch: Arbeit schützt nicht (mehr) vor Armut. Das DIW hat eine "Niedrigeinkommensquote" berechnet. Sie gibt den Anteil der Haushalte an, denen weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung stehen, also jenes Einkommens, das genau in der Mitte liegt, wenn man die Summe aller Haushalte in zwei Hälften teilt.

Diese Kennzahl wird häufig auch als Armutsrisikoquote bezeichnet. Die Daten zeigen: Seit der Jahrtausendwende steigt dieser Indikator nicht nur für Haushalte ohne Erwerbstätige (also beispielsweise Hartz-IV-Empfänger) an, sondern auch für Mehrpersonenhaushalte mit einem Verdiener. Ihr Armutsrisiko hat sich in dieser Gruppe seit den Neunzigerjahren auf 30 Prozent verdoppelt, also etwa bei Familien mit Kindern, bei denen ein Elternteil zu Hause bleibt.

Und: Im Vergleich zu den Neunzigerjahren läuft der jüngere Teil der Bevölkerung deutlich öfter Gefahr, in prekäre Verhältnisse abzurutschen. Die Armutsrisikoquote von Kindern unter zehn Jahren hat sich seit 1996 fast verdoppelt, fast jedes vierte Kind wächst damit heute in einem armen Haushalt auf. Ähnlich drastisch fällt der Anstieg bei der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen (von 10,6 auf 22,4 Prozent) und bei den 35- bis 44-Jährigen (von 7,5 auf 15,7 Prozent) aus.

Marcel Kusch / DPA

Dafür gibt es laut DIW mehrere Ursachen: Immer mehr Schulabgänger entscheiden sich für ein Hochschulstudium und treten später ins Berufsleben ein. Während des Studiums haben sie aber nur wenig Geld. Auch die Phase der Familiengründung verschiebt sich in spätere Lebensjahre. Hinzu kommt: Viele Berufseinsteiger landen im Niedriglohnsektor, der auf neun Millionen Personen angewachsen ist.

Das bleibt nicht ohne Folgen angesichts der immer weiter steigenden Mieten: In vielen Städten ist die Armutsquote überproportional gestiegen. "Es gibt immer mehr Personen mit Niedrigeinkommen, aber gleichzeitig fehlt es an bezahlbarem Wohnraum", sagt Studienautor Grabka. Die Politik müsse dagegen etwas tun - zum Beispiel "durch mehr Sozialbauten."

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unllenker 07.05.2019
1. Oder
Einfach mal die Löhne erhöhen?
dancar 07.05.2019
2. teilweise sind die Ursachen hausgemacht
wenn man Löhne und Gehälter prozentual (= exponentiell) erhöht, sollte man sich nicht wundern, dass die Schere immer weiter auseinander geht; dies ist simple Zinzeszinsrechnung. Es will nur niemand in den Gewerkschaften und Parteien verstehen, dass nur eine identische absolute Erhöhung quasi für alle ERA-Stufen, z. B. EUR 100,- im Monat zusätzlich für ALLE, die Schere nicht mehr weiter auseinander gehen lassen würde. Diese Maßnahme wäre auch nicht ungerecht, da die unterschiedlichen Leistungen und somit Vergütungen bereits in den ERA Stufen hinterlegt sind. Aktuell wachsen die hohen Gehälter immer schneller an - wegen Erhöhung mit Prozentsätzen.
ollimorp 07.05.2019
3. So so, die "Gut"-Verdiener..
.. hängen den Rest von Deutschland ab. Werden "wir" "Gutverdiener", die wie ich z.B. trotzdem kein Wohneigentum besitzen, jetzt also auch schon von der Mittelschicht herausgenommen und in einen Topf mit (Spitzen-) Managern geworfen?
Cannonier 07.05.2019
4. Schönes Symbolbild
Es gibt kein exklusives Recht auf einen Ferrari. Also entweder enteignen oder sharen. Ihr Reichen habt die Wahl :) So stellt sich die SPON Redaktion das doch sicher vor, angesichts der reisserischen Ueberschrift. Auf in den Klassenkampf! Die denkfaulen Leistungsverweigerer können es nicht ertragen wenn jemand Geld tatsächlich für seine Arbeitsleistung verdient. Weshalb sollte ein Sozialpädagogik-Studienabbrecher und Klangschalentherapeut weniger verdienen als ein Zahnarzt oder Kryptologe? Das ist ungerecht.
Cannonier 07.05.2019
5. Schönes Symbolbild
Es gibt kein exklusives Recht auf einen Ferrari. Also entweder enteignen oder sharen. Ihr Reichen habt die Wahl :) So stellt sich die SPON Redaktion das doch sicher vor, angesichts der reisserischen Ueberschrift. Auf in den Klassenkampf! Die denkfaulen Leistungsverweigerer können es nicht ertragen wenn jemand Geld tatsächlich für seine Arbeitsleistung verdient. Weshalb sollte ein Sozialpädagogik-Studienabbrecher und Klangschalentherapeut weniger verdienen als ein Zahnarzt oder Kryptologe? Das ist ungerecht.
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