Unternehmensberater Staat zahlt jährlich drei Milliarden Euro für Berater

Ohne Unternehmensberater geht fast nichts mehr in Deutschland: Von der Asylpolitik bis zur Straßenmaut bestimmen McKinsey, Roland Berger & Co. mit, wie wir leben. Der Staat wird immer abhängiger.

Uwe Anspach/DPA


Überall in den Berliner Ministerien bietet sich derzeit ein ähnliches Bild: Männer in teuren Anzügen und Frauen in teuren Kostümen huschen bis spät in die Nacht über die Linoleumgänge, die Laptops voller Powerpoint-Präsentationen mit Empfehlungen für Beamte und mit Ideen für Minister. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte bei SPIEGEL+.)

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Heft 5/2019
Wie sich der deutsche Staat globalen Beraterfirmen ausliefert

Im Innenministerium planen sie, wie Deutschland online geht, im Verkehrsministerium, wie Straßenmaut kassiert wird, im Bundesamt für Migration, wie Asylbewerber verwaltet werden.

Insgesamt gibt der Staat inzwischen jährlich rund drei Milliarden Euro für Unternehmensberater aus, schätzt Dietmar Fink, Professor für Unternehmensberatung und -entwicklung an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Allein in den vergangenen sieben bis acht Jahren habe sich das Gesamtvolumen ungefähr verdoppelt, berichtet der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe. Die Zahl deckt sich mit den internen Schätzungen der großen Beraterfirmen.

Berater vor allem in IT-Projekten

Wie viel Geld allein die Bundesregierung für McKinsey, Roland Berger & Co. ausgibt, ist unbekannt. Ein verlässlicher offizieller Überblick fehlt. Nach Recherchen des SPIEGEL lässt sich die Bundesregierung umfassend von Beratungsfirmen unterstützen und gibt dafür immense Summen aus, insbesondere bei ihren Digitalisierungsprojekten.

Alleine 47 Millionen Euro wurden an Consultingfirmen gezahlt, um der Regierung dabei zu helfen, bis 2022 ein Onlinebürgerportal mit 575 Verwaltungsleistungen aufzubauen. Knapp 20 Millionen Euro erhält die McKinsey-Tochter Orphoz für Beratungsleistungen rund um das sogenannte Onlinezugangsgesetz. Und für die Modernisierung der Bundesnetze flossen in den Jahren 2016 und 2017 laut Bundesinnenministerium bereits mehr als 36 Millionen Euro an Beratungsfirmen.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sieht den Einsatz von Beratern insgesamt kritisch, verteidigt aber ihren Einsatz in Sachen Digitalisierung. Gerade in IT-Projekten sei der Einsatz von Externen oft sinnvoll, da es sich um zeitlich befristete Aufgaben in spezialisierten Bereichen handele, sagt Seehofer dem SPIEGEL.

"Das System ist pervertiert", sagt ein früherer Berater

Experten könnten die Arbeit von Beamten und der Verwaltung jedoch immer nur ergänzen. "Im BMI werden derzeit viele neue Stellen geschaffen, etwa im Bereich Digitales. Das geschieht auch, damit wir die vor uns liegenden Aufgaben möglichst aus eigener Kraft bewältigen können."

Äußerst kritisch bewerten selbst führende ehemalige Berater die zunehmende Abhängigkeit des Staates: "Die Verwaltung wurde kaputtgespart, die ministerielle Seele ist weg", sagt Markus Klimmer, er hat in Deutschland für McKinsey einst das Geschäft mit der öffentlichen Hand ("Public Sector") maßgeblich aufgebaut. Der Politik bleibe kaum noch eine andere Wahl, als sich auf Berater zu verlassen. "Das System ist pervertiert", so Klimmer. "Das Public-Sector-Geschäft ist so groß geworden, dass es die Hasardeure anzieht."

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ts

insgesamt 207 Beiträge
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Seite 1
aufderuhr 25.01.2019
1. Da wunder ich mich dann nicht mehr
Ganz grosses Kino. Da lassen wir die Gesetze von solchen Unternehmen gestalten. Mich würde es schon interessieren, was die alles im Detail so vorbereitet haben.
static_noise 25.01.2019
2.
Selber IT Berater, aber selbstständig. Das Problem ist die komplette Inkompetenz der Entscheidender. Die kaufen dann nen Stab Berate über Company X weil die denen das Blaue vom Himmel verspricht. Da man aber keine eigene Kompetenz hat ist auch keiner da das Versprochene zu hinterfragen. Dann nimmt das Unglück seinen Lauf: Unklare Anforderungen führen zu fehlerhaften Entscheidungen und Designs, die wieder 'korrigiert' werden müssen, was wiedrr mehr Geld kostet. Da keiner zugeben will, dass das Projekt seit Anbeginn "schlingert" wird das ganze blumig umschrieben, je höher der Entscheider in der Hirarchie umso geringer das konkrete Fachwissen. Man muss ja nur 'managen' oder modernen 'alignen' und (wieder) steuern, das klingt lebensnäher. Blinde führen Lahme...
ludwig49 25.01.2019
3. Im Prinzip...
...könnte man also auf Politiker verzichten und direkt Unternehmensberater wählen. Was läuft schief? Womöglich liegt es daran, daß Ministerämter beliebig austauschbar sind. Vom Familien- ins Verteidigungsministerium. Ahnungslos, planlos, hilflos. Ein ideales Spielfeld für Berater.
Allezy 25.01.2019
4. Es gibt nur 2 Gruende fuer den Einsatz von Unternehmensberatern
1. Sie sollen das aufschreiben was das Management eh schon beschlossen hat. 2. Das Management hat zwar noch nichts beschlossen, will aber die Verantwortung fuer das was kommt auf jeden Fall abwaelzen. Fehlende/Vorhandene Kompetenz ist jedenfalls nie der Grund. Korruption dann manchmal noch eher/zusaetzlich.
fvaderno 25.01.2019
5. Zu was benötigen wir eigentlich noch Politiker?
Wählen wir denn nicht eine Partei, dass Stellen für politische Entscheidungen mit kompetenten Leute besetzt? Zudem haben für alle Entscheidungsträger einen teils gigantischen Apparat von lebenslänglich angestellten Beamten, die beraten sowie Entscheidungen sollen? Wenn wir nur noch von irgendwelchen kommerziellen Beratern regiert werden, dann hätten wir eigentlich das Recht, diese selbst zu wählen. Aber Letzteres ist überhaupt nicht nötig, denn wir Bürger sind an kompetenten Politikern interessiert, die sich nicht angstvoll um eigene Entscheidungen drücken.
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