Ungleichheit in Karten Wo man in Deutschland gut und gerne lebt - und wo nicht

Mehr als 13 Millionen Deutsche leben in einer strukturschwachen Region. Eine neue Studie zeigt die Lebensqualität in jedem Kreis der Republik - vom Gehalt über die Zu- und Wegzüge bis zur Entfernung zum nächsten Arzt.

SPIEGEL ONLINE/ Friedrich-Ebert-Stiftung

Von und (Grafik)


"Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben", lautete 2017 der CDU-Wahlkampfslogan. Doch dieses eine Deutschland gibt es eigentlich gar nicht. In Wirklichkeit gibt es auf dem Gebiet der Bundesrepublik gleich fünf Deutschlands: In drei davon leben die meisten tatsächlich gut oder zumindest solide und wohl auch gerne. In den beiden anderen hingegen leben zwar ebenfalls viele gern - aber eben häufig nicht gut.

Zu diesem Schluss kommt eine Studie der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung, die dem SPIEGEL vorab vorlag. Im Auftrag der Stiftung haben Experten des Dortmunder Instituts für Landes- und Stadtentwicklungsforschung (ILS) untersucht, wie ungleich die 402 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands sind. Dabei beschränkten sie sich nicht wie üblich auf ein einziges Kriterium wie das Einkommen oder die Altersstruktur. Stattdessen untersuchten sie eine ganze Bandbreite an Kriterien.

Die Forscher fragten unter anderem: Wie viele Arbeitnehmer haben einen Hochschulabschluss? Wie stark verschuldet ist die Kommune - und wie viel investiert sie in Infrastruktur? Wie hoch sind die Einkommen - und die Mieten? Wie viele Alte und Kinder leben von Sozialhilfe? Wie viele Schüler verlassen die Schule ohne Abschluss? Wie nah oder fern ist der nächste Hausarzt? Wo ziehen viele Menschen weg - und wohin? Insgesamt 20 verschiedene Indikatoren haben die ILS-Forscher für den sogenannten Disparitätenbericht aus amtlichen Daten ermittelt und teils eigens berechnet. Ein ähnlich großes und breit angelegtes Bündel an Daten und Fakten hatte die Stiftung vor drei Jahren zum ersten Mal zusammengestellt, ebenfalls geordnet nach Bereichen.

Doch diesmal gehen die Forscher noch einen Schritt weiter. Sie verknüpfen zehn Indikatoren verschiedener Bereiche zu einem einheitlichen Messinstrument - einer Art Schablone. Damit lassen sich charakteristische Ähnlichkeiten bestimmter Kreise und Städte erkennen. Muster, die viel über die aktuelle Lebensqualität sowie die Zukunftsaussichten eines Orts aussagen.

Die Forscher definierten schließlich fünf verschiedene dieser Muster und ordneten jeden Kreis und jede Stadt einem dieser Muster zu - von den dynamisch wachsenden Städten über deren Speckgürtel und der soliden Mitte bis hin zu Städten und Landkreisen in der Strukturkrise. (Hier finden Sie Analysen und Hintergründe der ILS-Forscher zum Bericht.)

Die folgende Karte zeigt diese fünf verschiedenen Deutschlands.

Fünfmal Deutschland

Die Karte macht auf einen Blick deutlich: Gängige Vorstellungen der Art "Reicher Westen, armer Osten" oder "Starke Städte, abgehängtes Land" haben einen wahren Kern - sind aber viel zu einfach für die komplexe Wirklichkeit.

Die folgende Karte zeigt viele Indikatoren, die die Forscher für ihre Einteilung verwendeten - und noch einige weitere aus dem Disparitätenbericht. (Klicken Sie auf die Schalter, um die unterschiedlichen Indikatoren zu sehen.)

Armes Deutschland, reiches Deutschland

Auf der Seite der Friedrich-Ebert-Stiftung finden sich alle Indikatoren in einem interaktiven Tool, bei vielen lässt sich dort zusätzlich die Entwicklung in den vergangenen Jahren betrachten.


So beschreiben die Forscher die fünf Deutschlands:

Die gute Nachricht ist: Fünf von sechs Menschen in Deutschland - nämlich 69,2 von 82,8 Millionen - leben laut der Studie in einer wohlhabenden oder zumindest soliden Region. Das heißt aber auch, dass einer von sechs Menschen - insgesamt 13,5 Millionen - die Probleme einer Strukturkrise in seinem direkten Lebensumfeld erlebt.


Hamburg
imago images / Christian Ohde

Hamburg

(1)
Dynamische Groß- und Mittelstädte
mit Exklusionsgefahr

22,7 Millionen Einwohner
78 Kreise


Typisch: München, Hamburg - aber auch Gera oder Frankfurt an der Oder.

Diese kleinen und großen Metropolen liegen über die ganze Bundesrepublik verstreut - auch im Osten gehören die meisten Stadtkreise dazu. Hier gibt es viele zukunftsträchtige Arbeitsplätze - im Schnitt hat hier mehr als jeder fünfte Beschäftigte einen Hochschulabschluss, die Gehälter sind überdurchschnittlich hoch (im Median 3213 Euro brutto im Monat). Auch die Infrastruktur ist hervorragend: Im Schnitt ist der nächste Hausarzt nur 3,5 Minuten entfernt, 93 Prozent der Haushalte haben Zugang zu schnellem Internet. Die Lebenserwartung von 80,6 Jahren ist ebenfalls überdurchschnittlich. Diese Städte wachsen, im Schnitt ziehen jedes Jahr rund 100 Menschen mehr pro 100.000 Einwohner neu zu als weg.

Gerade hier geht es aber bei Weitem nicht allen gut: Hohe Wohn- und weitere Kosten machen das Leben für Normalverdiener und Familien mit vielen Kindern recht teuer - entsprechend hoch sind Kinder- und Altersarmut. Ob Pflegekräfte oder Handwerker - wer finanziell nicht mehr mithalten kann, ist hier schnell isoliert - oder gar gezwungen, aus der Stadt zu ziehen.


Tutzing (am Starnberger See)
Panthermedia/ imago images

Tutzing (am Starnberger See)

(2)
Starkes (Um-)Land

13,7 Millionen Einwohner
62 Kreise


Typisch: Die Speckgürtel um München, Hamburg, Frankfurt und Stuttgart

Mehr in Ordnung als in diesen Gegenden kann die Welt kaum sein: die höchsten Gehälter (Median 3534 Euro brutto), niedrige Alters- und Kinderarmut (1,9 und 6,2 Prozent), Spitze bei Lebenserwartung (82,0 Jahre) und Wahlbeteiligung (80,2 Prozent) - und das alles ohne den Lärm und Schmutz der Großstadt, dazu noch in schöner Landschaft (Alpenvorland, Schwarzwald, Taunus). Die Infrastruktur ist zwar nicht ganz so exzellent wie in den Metropolen, aber für ländliche Gebiete gut (Hausarzt im Schnitt 4,8 Minuten entfernt, 82 Prozent haben Zugang zu schnellem Internet), auch weil die Schulden der Kommunen niedrig sind (im Schnitt 931 Euro pro Kopf). Kein Wunder, dass immer mehr Menschen hier leben wollen: Jedes Jahr ziehen rund 200 Menschen pro 100.000 Einwohnern mehr auf das starke (Um-)Land als von dort weg. Allerdings bedeutet die hohe Lebensqualität für viele weite Wege zum Arbeitsplatz in der Stadt - was Straßen und Schienen bereits jetzt vielerorts an die Kapazitätsgrenzen bringt.


Celle
Westend61/ imago images

Celle

(3)
Solide Mitte

32,8 Millionen Einwohner
187 Kreise


Typisch: Odenwald, Sauerland, Göttingen

30 Jahre nach dem Mauerfall sind die alten Grenzen immer noch deutlich sichtbar: Die alte Bundesrepublik - ohne weite Teile des reichen Südens und der meisten Großstädte - bildet die solide Mitte Deutschlands. Hier ist alles weitgehend stabil und nahe dem Durchschnitt: Die Armut (Alte: 2,3 Prozent, Kinder: 10,4 Prozent), die Gehälter (Median bei 3183 Euro), die Lebenserwartung (80,6 Jahre), Infrastruktur (Hausarzt im Schnitt 5,7 Minuten entfernt, 77 Prozent haben Zugang zu schnellem Internet), die Wahlbeteiligung (76,6 Prozent). Fort- und Zuzüge halten sich ungefähr die Waage. Nur der Anteil der Akademiker an den Beschäftigten ist mit zehn Prozent deutlich niedriger als im Schnitt - was in der digitalisierten, wissensbasierten Arbeitswelt der Zukunft ein Nachteil werden könnte.


Tessin (Mecklenburg-Vorpommern)
imago images / Fotoagentur Nordlicht

Tessin (Mecklenburg-Vorpommern)

(4)
Ländliche Räume in dauerhafter Strukturkrise

8,1 Millionen Einwohner
53 Kreise


Typisch: Vogtland, Vorpommern-Rügen, Bitterfeld

Das Gegenstück zur westdeutschen soliden Mitte: Das ländliche Ostdeutschland ohne Städte und ohne das Berliner Umland ist immer noch tief in der Strukturkrise. Sehr niedrig sind Akademikerquote (10,5 Prozent) und die Gehälter (Median bei 2464 Euro). Die Infrastruktur ist oft schlecht (im Schnitt 6,8 Minuten zum nächsten Hausarzt, nur 59 Prozent mit Zugang zu schnellem Internet). Wahlbeteiligung und Lebenserwartung sind unterdurchschnittlich (72 Prozent und 79,8 Jahre). Immerhin: Altersarmut ist hier so selten wie in keinem anderen Raumtyp - nur 0,9 Prozent der Senioren beziehen Grundsicherung.
Vielleicht aber am gravierendsten: Die Landflucht ist hier auch nach Jahrzehnten ungebrochen. Jedes Jahr ziehen hier 213 Menschen pro 100.000 Einwohner mehr fort als zu.


Duisburg-Bruckhausen (2012)
imago images

Duisburg-Bruckhausen (2012)

(5)
Städte im dauerhaften Strukturwandel

5,4 Millionen Einwohner
22 Kreise


Typisch: Duisburg, Pirmasens, Dortmund, Trier

Die früheren Boomstädte der westdeutschen Altindustrie stecken tief in der Krise - ob im Ruhrgebiet, an der Saar oder in Rheinland-Pfalz: Mit 250 Menschen pro 100.000 Einwohner ist die Netto-Abwanderung noch höher als im ländlichen Ostdeutschland. Viele Alte und Kinder sind hier arm (5,1 und 27,1 Prozent), die auch dadurch belasteten Kommunen sehr hoch verschuldet (6373 Euro pro Kopf). Arbeitsplätze sind knapp und deutlich seltener mit Akademikern besetzt (13,4 Prozent) als in anderen Großstädten. Lebenserwartung (79,5 Jahre) und Wahlbeteiligung (71,8 Prozent) sind nirgends so niedrig wie hier. Immerhin: Die Versorgung mit Hausärzten (im Schnitt 3,0 Minuten Wegezeit) und schnellem Internet (93,1 Prozent) ist hervorragend.


Einige der vielen gesammelten Kennzahlen verdeutlichen, wie rasant sich arme und reiche Regionen Deutschlands voneinander entfernen - etwa die Höhe der kommunalen Investitionen: Im ohnehin sehr gut situierten Bayern geben Städte und Gemeinden pro Einwohner meist klar mehr als 500 Euro im Jahr dafür aus - in den strukturschwachen, hoch verschuldeten Städten des Ruhrgebiets sind es meist erheblich weniger als 200 Euro.

Beunruhigend ist eine weitere Karte: die der Schulabgänger ohne Abschluss. Sie lässt gerade für die ländlichen Gebiete Ostdeutschlands wenig Gutes erwarten. Sie sind ohnehin stark überaltert. Wenn ein solch hoher Anteil der wenig verbliebenen jungen Menschen noch nicht einmal einen Schulabschluss erreicht - in der Prignitz ist es jeder Siebte - wie sollen dort Arbeitsplätze der Zukunft entstehen? Zumal wenn viele derjenigen, die die Schule mit einem mittleren Abschluss oder dem Abitur verlassen, in eine der dynamisch wachsenden Städte ziehen?

Anteil der Schulabgänger ohne Schulabschluss (2016)

Der Aspekt zeigt auch: Oft gibt es nicht die eine Ursache für ein Problem - etwa lässt sich mangelnder Bildungserfolg nicht ausschließlich mit Kinderarmut erklären. Zwar ist dort, wo viele Kinder von Hartz IV leben müssen, auch meist die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss recht hoch - aber eben nicht überall. In Bottrop etwa leben 20,4 Prozent der Kinder von Hartz IV, dennoch verlassen nur 3,9 Prozent der Schüler die Schule ohne Abschluss. Umgekehrt leben im Landkreis Roth südlich von Nürnberg nur 3,9 Prozent der Kinder in Hartz-IV-Familien - aber 8,8 Prozent erlangen keinen Abschluss.

Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung leitet aus der Vielzahl der Befunde einige politische Forderungen ab: Einerseits sollen Kommunen gestärkt werden. Die hoch verschuldeten sollen etwa einen von Bund und Ländern finanzierten Schuldenschnitt erhalten und im Gegenzug Auflagen einhalten - das erinnert ein wenig an die Griechenland-Rettung. Zudem solle der Bund gerade in der Sozialhilfe mehr Kosten übernehmen, die durch seine Gesetze verursacht werden - so müssen Duisburg oder Gelsenkirchen vergleichsweise sehr viel Geld für die Wohnkosten von Hartz-IV-Beziehern bezahlen. Und nicht zuletzt soll auch die oft kleingesparte Verwaltung in klammen Kommunen verbessert werden, um überhaupt Infrastruktur planen zu können.

Diese politischen Forderungen haben auch einen aktuellen Anlass. Im Juni will die Regierungskommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse" ihren Bericht vorlegen, in dem sie Vorschläge für die Zeit nach dem auslaufenden Solidarpakt Ost macht. Die FES-Studie macht deutlich, wie wichtig eine gezielte Regionalförderung ist.

insgesamt 169 Beiträge
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Seite 1
rat_i 30.04.2019
1. Ah ja.
Die Friedrich Ebert Stiftung mal wieder. Hatte die sich nicht kürzlich erst blamiert mit der eindeutig mit politischer Agenda durchgeführten Studie zu rechten Tendenzen in der Bevölkerung? Ich kann nur empfehlen, die Antwort bzw. Richtigstellung von Sigmar Gabriel zu dem Thema zu lesen.
LJA 30.04.2019
2. Da die
Region Hannover als "dynamische Stadt" eingestuft wird, kann ich die Untersuchung nicht ernst nehmen. Dynamisch ist hier seit vielen Jahren höchstens der Bedeutungsverlust. Wenn die Qualität insgesamt so ist, sollte man die ganze Sache am besten gleich wieder vergessen.
jujo 30.04.2019
3. ...
Was mich nachhaltig frustriert ist, das auf allen Darstellungen welche die Lebensbedingungen farblich in Deutschland zeigen dreißig Jahre nach dem Mauerfall immer noch der Grenzverlauf BRD-DDR zu erkennen ist.
MagittaW 30.04.2019
4. Die Wahlergebnisse der AfD haben Gründe
Nein, es ist eben nicht so, dass die Ostdeutschen dumpfe Rassisten sind, und deshalb AfD wählen! Die AfD wird aus Protest für jahrzehntelanges Politikversagen gewählt! Die Politiker haben ganze Landstriche vernachlässigt und abgeschrieben, keine Schulen, Infrastruktur, Internet Medizin etc... Selbst heute gibt es noch Studien, die empfehlen, die ländlichen Räume aufzugeben, und stattdessen nur noch die Städte zu fördern - weil man nur begrenzt Geld hätte. Da ist die Wut der Betroffenen auf die Politik doch nachvollziehbar, wenn aus allen Kanälen getönt wird: "für Flüchtlinge ist ungegrenzt Geld da". Die Flüchtlinge bekommen Wohnungen etc. in den Städten bezahlt, während die Landbevölkjerung mit ihren Problemen abgeschrieben wird - DAS sind Gründe für die Wut - vor allem eben in Ostdeutschland. Das hat mit Rassismus erst mal wenig zu tun!
harke 30.04.2019
5. Sozialkosten
müssen komplett vom Bund übernommen werden, klamme Kommunen gehören in Zwangsverwaltung, vorrangig unter Aufsicht besserer Kommunen. Am besten wäre es für alle wenn das föderale Prinzip mit den 16 Bundesländern aufgelöst oder zumindest verringert wird. Die Stadtstaaten werden eingegliedert in Niedersachsen, Schleswig Holstein und Brandenburg. Das Saarland fusioniert mit RPL.
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