Neuer Datenreport Deutschlands Armut und wie Corona sie verändert

Wer einmal arm wurde, bleibt zunehmend länger arm als in der Vergangenheit. Das zeigt eine neue Datensammlung. Die Coronapandemie droht die Lage benachteiligter Gruppen zu verschärfen.
Menschen warten vor einer Tafel in Schweinfurt

Menschen warten vor einer Tafel in Schweinfurt

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Thomas Lohnes / Getty Images

Deutschlands Armutsproblem hat sich verändert. Lange Jahre, von Beginn der Neunzigerjahre an, stieg in Deutschland die Kluft zwischen Arm und Reich deutlich, danach sank sie wieder leicht: 2018 war fast jeder Sechste (15,8 Prozent) unter der Armutsrisikoschwelle. Ende der Neunzigerjahre waren es knapp elf Prozent. Doch was sich vor allem geändert hat, ist die Struktur der Armut.

»Wir sehen, dass Haushalte, die einmal unter die Armutsgrenze gerutscht sind, immer öfter und auch länger unter der Armutsgrenze verbleiben«, sagt Philip Wotschack, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und einer der Autoren des »Datenreport 2021 – ein Sozialbericht für Deutschland«, der an diesem Mittwoch vorgestellt wird. Von den Menschen, die 2018 in relativer Einkommensarmut lebten, waren demnach 88 Prozent bereits in den vier zurückliegenden Jahren wenigstens einmal von Armut betroffen, knapp 44 Prozent davon waren in dieser Zeit dauerhaft arm.

Armut ist ein relativer Begriff. Als anerkanntes Maß für das Armutsrisiko gilt, ob das Haushaltsnettoeinkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. 2018 lag diese Schwelle etwa bei 1040 Euro monatlich bei einem Ein-Personen-Haushalt und für Alleinerziehende mit einem Kind bei 1352 Euro.

Der Datenreport wird seit 1983 in etwa zweijährigem Abstand gemeinsam vom WZB, dem Statistischen Bundesamt und dem Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung herausgegeben, beteiligt ist auch das Sozio-ökonomische Panel des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Der Datenreport zeichnet ein umfassendes Bild der Lebensverhältnisse in Deutschland, aber auch der subjektiven Einstellungen, Bewertungen und Werte der Bürger, er verbindet die Daten der amtlichen Statistik mit den Ergebnissen der Sozialforschung.

Nur jeder Zweite findet seinen Bruttolohn gerecht

Am höchsten ist das Armutsrisiko demnach bei Alleinerziehenden (41 Prozent), Menschen mit Hauptschulabschluss ohne Berufsabschluss (35 Prozent) oder mit direktem Migrationshintergrund (29 Prozent), die also selbst eingewandert sind. Strukturschwache Gebiete im Westen weisen ebenso ein erhöhtes Armutsrisiko aus wie noch immer Ostdeutschland, auch 30 Jahre nach der Einheit.

Das Ungerechtigkeitsgefühl bei der Einkommensschere hat zugenommen. Nur knapp die Hälfte der Bevölkerung empfindet den eigenen Bruttolohn als gerecht. Mittlerweile befürworten fast 75 Prozent der Westdeutschen, dass sich der Staat für den Abbau von Einkommensunterschieden einsetzen soll. 2002 war es noch weniger als die Hälfte. In Ostdeutschland sind es rund 80 Prozent.

Corona und die Folgen

Immer wieder beleuchtet der Datenreport auch aktuelle Schwerpunkte. 2016 waren es Migration und Flucht, 2018 die Lebenssituation von Kindern in Deutschland. In diesem Jahr sind es die Folgen von Corona. Die Ergebnisse erfassen vor allem die Situation im ersten Shutdown bis in den Sommer 2020.

Zwar verzeichneten in dieser ersten Phase höhere Einkommensgruppen häufiger Einkommenseinbußen. Doch für die betroffenen Menschen mit Niedrigeinkommen waren die finanziellen Folgen härter. In Befragungen berichteten 17 Prozent der angelernten und ungelernten Arbeiterinnen und Arbeiter und knapp 14 Prozent der einfachen Angestellten, von finanziellen Schwierigkeiten und Risiken betroffen zu sein oder davon auszugehen, dass dies in den kommenden zwölf Monaten passieren könnte.

In Facharbeiter-, Meister- und qualifizierten Angestelltenberufen waren es nur neun Prozent. Am stärksten betroffen waren Alleinerziehende (25 Prozent) und Selbstständige (20 Prozent). Menschen mit Migrationshintergrund (15 Prozent) erzählten fast doppelt so häufig von finanziellen Schwierigkeiten wie Menschen ohne diesen Hintergrund (acht Prozent).

Zudem wurden Beschäftigte in den untersten Einkommensgruppen im ersten Shutdown öfter arbeitslos und von ihrer Arbeit freigestellt, zugleich waren sie seltener in der Lage, im Homeoffice zu arbeiten.