Deutschlands Schulden Juncker lästert über Merkels Minus

Deutschland präsentiert sich in der Schuldenkrise als Musterschüler. Doch so toll wirtschaften Merkel und Co. nicht, rügt Euro-Gruppen-Chef Juncker. Berlins Verbindlichkeiten seien zu hoch - und die Deutschen sollten sich mit guten Ratschlägen zurückhalten.
Deutschland-Kritiker Juncker: "So ist das aber nicht"

Deutschland-Kritiker Juncker: "So ist das aber nicht"

Foto: RAFAEL MARCHANTE/ REUTERS

Hamburg - Jean-Claude Juncker ist bekannt dafür, gelegentlich Klartext zu sprechen - auch gegenüber Deutschland. Mal nannte der Premierminister von Luxemburg Absprachen zwischen deutscher und französischer Regierung in der Euro-Krise "schlicht unmöglich", mal bescheinigte er dem Krisenmanagement unter Führung der beiden Länder eine "desaströse" Außenwirkung. Im SPIEGEL kritisierte Juncker zudem kürzlich, das Organisationstempo von Berlin sei "langsamer als in den anderen Hauptstädten".

Nun hat Juncker wieder zugeschlagen: In einem Interview mit dem Bonner "General-Anzeiger" rief er die Deutschen in der Diskussion über die Schuldenkrise zur Zurückhaltung auf. Die deutsche Debatte sei zum Teil störend, sagte der Chef der Euro-Gruppe laut einer Vorabmeldung.

Mit Blick auf die Haushaltssituation sagte er: "Ich halte die Höhe der deutschen Schulden für besorgniserregend." Juncker verwies darauf, dass Deutschland mit einer Staatsverschuldung von mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich höhere Verbindlichkeiten habe als Spanien, das auf rund 60 Prozent kommt. Nur wolle das keiner wissen, sagte Juncker. "Es erscheint bequemer, zu sagen, die Menschen im Süden wären faul, und die Deutschen würden malochen. So ist das aber nicht."

Damit dürfte der luxemburgische Premier auch auf eine Äußerung von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) angespielt haben. Bei einem Auftritt vor Parteifreunden hatten sie im Mai den Südeuropäern indirekt unterstellt, zu viel Urlaub zu machen. "Wir können nicht eine Währung haben und der eine kriegt ganz viel Urlaub und der andere ganz wenig. Das geht auf Dauer auch nicht zusammen."

Finanzmärkte bleiben unruhig

Am Dienstag hatte auch Unionsfraktionschef Volker Kauder auf dem CDU-Parteitag in Leipzig deutliche Kritik an anderen Euro-Ländern geübt. Er warf den übrigen Mitgliedern der Währungsunion vor, sie hätten die Bedeutung von Haushaltsdisziplin lange nicht verstanden. Erst Angela Merkel habe diese europaweit durchgesetzt. "Jetzt auf einmal wird in Europa Deutsch gesprochen", sagte Kauder.

Während Länder wie Spanien und Italien sich derzeit nur zu stark erhöhten Zinsen Geld leihen können, sinken die Zinssätze für deutsche Staatsanleihen immer weiter. Zwar überschreitet auch der Schuldenstand der Bundesrepublik deutlich die Maastricht-Grenze von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung. Außerdem brachen Deutschland und Frankreich 2002 als erste Länder das Neuverschuldungslimit von drei Prozent.

Deutschland hat jedoch im Vergleich zu Ländern wie Griechenland oder Portugal eine deutlich leistungsfähigere Wirtschaft. Dadurch steigen die Chancen, Schulden zu reduzieren oder zumindest nicht weiter wachsen zu lassen.

Nach zum Teil dramatischen Zinsanstiegen für südeuropäische Staatsanleihen am Dienstag beruhigten sich die Finanzmärkte am Mittwoch wieder etwas, blieben aber weiterhin nervös. Die Risikoaufschläge für italienische Staatsanleihen stiegen kurzzeitig über die kritische Zinsmarke von sieben Prozent. Sie eröffneten mit 7,13 Prozent, bevor sie auf 6,82 Prozent zurückfielen. Spanische Anleihen stiegen auf 6,33 Prozent und gaben dann auf 6,25 Prozent nach. Händlern zufolge kaufte die EZB italienische, spanische und portugiesische Staatsanleihen, um die Zinsen zu drücken.

Auch an den Börsen blieb die Stimmung verhalten. Der Dax   ging am Mittwoch nach einer Berg- und Talfahrt mit einem Minus von 0,3 aus dem Handel. Der MDax   mittelgroßer Werte sank um 0,4 Prozent, der Technologieindex TecDax   stieg um knapp 0,4 Prozent. Der Leitindex in Paris kletterte ebenfalls, während der Londoner FTSE 100  -Index etwas tiefer endete. In den USA verlor der Dow Jones   1,6 Prozent. Der Index der Technologiebörse Nasdaq gab um 1,7 Prozent nach.

dab/dpa-AFX/Reuters/dapd
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