Henrik Müller

Müllers Memo BIP, BIP, hurra!?

Jetzt ist es amtlich: Deutschlands Wirtschaft droht eine Überhitzung. Das sollte die gesamte wirtschaftspolitische Agenda auf den Kopf stellen.
Container im Hamburger Hafen

Container im Hamburger Hafen

Foto: Axel Heimken/ dpa

Es sind eigenartige Zeiten. Eine Million Arbeitsplätze in Deutschland sind unbesetzt; es gebe einfach nicht genug geeignete Bewerber, sagen die Unternehmen. Im Radio, auf Plakaten, im Netz - überall buhlen Firmen um neue Mitarbeiter. Nie seit der Wiedervereinigung war die Nachfrage nach Beschäftigten so groß. Nie war die Arbeitslosenquote so niedrig.

Die ganze Wirtschaft ist in Schwung: Der Bau boomt. Der Export brummt. Viele Deutsche gehen shoppen. Die Stimmung bei den Unternehmen ist rekordverdächtig gut. Dienstag gibt's neue Zahlen zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in der Bundesrepublik, der EU und der Eurozone.

Deutschland stecke in einem Überhitzungsszenario, warnt jetzt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise"). Eine Diagnose, die wir an dieser Stelle schon mehrfach diskutiert haben.

Inzwischen ist der Befund unter Ökonomen fast ein Allgemeinplatz: Deutschlands Wirtschaft ist im Begriff zu überhitzen. Entsprechend sollten sich die wirtschaftspolitischen Prioritäten radikal verändern. Nur im politischen Raum und bei den Gesprächen der schwarz-gelb-grünen Möchtegern-Koalitionäre ist davon kaum die Rede.

Aber irgendetwas fehlt. Dieser Boom weist Eigenartigkeiten auf, die es in früheren Aufschwungphasen nicht gab.

Früher gab's mehr Überschwang

Eigentlich sollte die Inflation jetzt deutlich anziehen. Tut sie aber nicht. Die Konsumentenpreise steigen nur verhalten, ebenso die Löhne. Die Verschuldung der Bürger und Unternehmen hält sich im Rahmen, trotz des starken Anstiegs der Immobilienpreise und der Bautätigkeit. Und obwohl die Zinsen nach wie vor extrem niedrig und die Aussichten glänzend sind - auch im übrigen Euroraum läuft die Konjunktur warm -, investieren die Unternehmen relativ wenig.

Entwicklungen, die insbesondere aus der engen internationalen Verflechtungen herrühren: Offene Grenzen lindern Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. Millionen EU-Bürger sind in den vergangenen Jahren nach Deutschland gekommen. Das begrenzt den Lohnauftrieb. (Achten Sie auf den Beginn der Metall-Tarifverhandlungen in NRW am Donnerstag.) Ähnlich auf den Gütermärkten: Selbst eine übersprudelnde Nachfrage lässt sich aus dem üppigen globalen Warenangebot bedienen. Das begrenzt den Preisauftrieb.

Und was die Investitionen betrifft, so ist die schwache Dynamik in Deutschland auch eine Folge des großen Auslandsengagements; in Relation zum Sozialprodukt liegen die Direktinvestitionen rund 15 Prozent höher als zur Jahrtausendwende. Global agierende deutsche Unternehmen bauen Kapazitäten auf ihren Absatzmärkten aus, wohl auch weil sie befürchten müssen, nicht ewig aus Deutschland heraus exportieren zu können - der globale Protektionismuswahn lässt grüßen.

Der schwache Lohn- und Preisauftrieb und die mauen Investitionen verändern die Wahrnehmung der Konjunktur. Der jetzige Boom fühlt sich nicht an wie ein Boom. Früher gab's mehr Überschwang.

Unternehmen und Staat investieren seit Jahren zu wenig

Auf den ersten Blick mögen auch die deutschen Wachstumszahlen im internationalen Vergleich mickrig erscheinen. China wächst schließlich derzeit mit Raten um sechseinhalb Prozent, die USA mit drei Prozent, Deutschland hingegen nur mit gut zwei Prozent. Überhitzung stellt man sich gemeinhin anders vor. Noch vor zehn oder zwanzig Jahren waren auch hierzulande noch gelegentlich deutlich höhere Wachstumsraten drin.

Aber dies wären schiefe Vergleichsmaßstäbe. Entscheidend für den Befund, dass eine Überhitzung vorliegt, ist die Relation von Nachfrage zu nationalen Produktionsmöglichkeiten. Es kommt also darauf an, wie viel eine Gesellschaft in der Lage ist zu produzieren, und zwar bei normal ausgelasteten Kapazitäten (also ohne Sonderschichten, Überstunden und dergleichen).

Und die Produktionsmöglichkeiten nehmen in Deutschland nur langsam zu. Die heimische Bevölkerung altert und schrumpft perspektivisch; ob wir dauerhaft, wie in den Jahren seit 2010, mit hoher EU-Zuwanderung in den Arbeitsmarkt rechnen können, ist zweifelhaft. Auch der Kapitalstock und die Produktivität nehmen kaum zu, weil Unternehmen und Staat seit Langem wenig investieren.

Nach gängigen Schätzungen kann Deutschlands Wirtschaft daher im längerfristigen Trend nur noch um eineinhalb Prozent jährlich wachsen. Deutlich langsamer etwa als China, wo die Bevölkerungszahl immer noch steigt und wo massiv investiert wird. (China hat seine eigenen Probleme, insbesondere hohe Schulden, aber das ist eine andere Geschichte.)

Die Temperatur steigt - aber niemand weiß, wie hoch sie derzeit ist

Eine Überhitzung liegt demnach vor, wenn das aktuelle Wirtschaftswachstum die dauerhaft zur Verfügung stehenden Produktionsmöglichkeiten übersteigt. Diese Differenz (im Ökonomenjargon "Produktionslücke" genannt) wird in Deutschland immer größer. Umstritten ist nur, wie groß die Produktionslücke derzeit ist.

Schätzungen reichen von knapp über null Prozent des Bruttoinlandsprodukts (EU-Kommission) bis zu drei Prozent (so die OECD); der Sachverständigenrat geht von eineinhalb Prozent aus. Es herrscht also gehörige Unsicherheit darüber, wie stark die Überhitzung ist.

Kein Wunder: Die Zahlen, die man für die Berechnung der Produktionslücke braucht, liegen mit hinreichender Sicherheit erst mit gehöriger Zeitverzögerung vor. So revidieren die Statistiker das Bruttoinlandsprodukt immer wieder im Nachhinein, manchmal noch Jahre später.

Die politischen Folgen dieser Unsicherheit sind gravierend: Finanzpolitiker und Notenbanker steuern im Blindflug durch den Nebel der aktuellen Konjunktur. Sie verfügen zwar über elaborierte Navigationsinstrumente. Aber wo sie sich gerade genau befinden, wissen sie nicht.

Für eine starke Überhitzung spricht die Arbeitskräfteknappheit in Teilen der Wirtschaft. Auch die Immobilienpreise in deutschen Städten gehen durch die Decke; die Bundesbank geht inzwischen von einer Überbewertung von 15 bis 30 Prozent aus. Für eine schwache Erwärmung sprechen der schwache Preis- und Lohnanstieg und die immer noch recht solide Finanzierung der deutschen Wirtschaft.

Es wird immer heißer, der EZB sei Dank

Eines jedoch ist klar: Solange die Europäische Zentralbank nicht entschlossen die Zinsen anhebt - und das ist für die absehbare Zukunft nicht in Sicht - bleibt das Überhitzungsszenario für Deutschland bestehen.

Was also tun?

Erstens, alles vermeiden, was eine weitere Überhitzung befördert. Also: jetzt keine Steuersenkungen, keine groß angelegten Investitionsprogramme. Die schwarze Null im Staatshaushalt - die absurderweise inzwischen den Rang eines deutschen Glaubensbekenntnisses hat - scheint einstweilen ein vernünftiger Kompromiss zwischen den Erfordernissen der Binnenkonjunktur und den hohen außenwirtschaftlichen Überschüssen zu sein.

Zweitens, die Produktionskapazitäten erhöhen. Also: intensivere Bemühungen, Langzeitarbeitslose und Unterbeschäftigte in Jobs zu bringen, womöglich auch mit erhöhten Lohnsubventionen; ein Zuwanderungs- und Integrationsgesetz, das an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts ausgerichtet ist und systematisch kurz- und längerfristigen Engpässen entgegenwirkt.

Um die Produktivität zu erhöhen: mehr Geld für die Bildung. Von der Grundschule bis zur Hochschule gibt die Bundesrepublik nur 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, deutlich weniger als fast alle vergleichbaren OECD-Länder.

Und: mehr Geld für Forschung. So ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) mit einem jährlichen Fördervolumen von drei Milliarden Euro nicht gerade üppig ausgestattet. Schon relativ geringe Aufstockungen könnten enorme Produktivitätsreserven im Wissenschaftsbetrieb freisetzen, ohne die Überhitzung weiter zu befördern.

Drittens, Europa stabilisieren. Solange die Eurozone wacklig bleibt, werden auch Investoren kaum langfristiges Zutrauen in die Entwicklung hierzulande haben. Was für eine dauerhafte Stabilisierung nötig wäre, haben wir an dieser Stelle bereits verschiedentlich diskutiert.

Die realpolitische Debatte hinkt weit dahinter her. (Freitag treffen sich die Staats- und Regierungschefs der EU, um darüber zu beraten, wie sozial Europa sein sollte.)

Eigenartige Zeiten, wie gesagt.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG Manila - Trump im Osten - Gipfeltreffen des Asean-Staatenbundes auf den Philippinen. Sondergast: US-Präsident Trump.

Frankfurt/M. - Banker und so - Beginn der "Euro Finance Week" mit allerlei Prominenz aus der deutschen Finanzszene.

DIENSTAG Wiesbaden/Luxemburg - The heat is on - Neue Schätzungen zum Wirtschaftswachstum in Deutschland, in der Eurozone und in der EU im dritten Quartal von den statistischen Ämtern Deutschlands und der EU.

London - Und raus bis du - Das Gesetzgebungsverfahren um das britische EU-Austrittsgesetz (Withdrawal Bill) geht in die nächste Runde.

London - Das Öl, das Klima, der Strom - Die Internationale Energieagentur (IEA) stellt ihren Weltenergieausblick vor.

Berichtssaison I - Quartalszahlen von Henkel, Vodafone, Infineon, Hapag-Lloyd, HHLA, Nordex.

MITTWOCH Berichtssaison II - Quartalszahlen von Deutsche Euroshop, Leoni.

DONNERSTAG Guangzhou - Wichtigster Markt der Welt - Beginn der chinesischen Automesse Guangzhou Autoshow.

Dortmund - Jede Menge Kohle - Start der Tarifverhandlungen für die Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie in NRW.

FREITAG Göteborg - Das soziale Europa - Sondergipfel der EU-Staats- und Regierungschefs.

Bonn - Resultate? - Abschlusstag der Weltklimakonferenz.

Nürnberg - Nach Seehofer - Beginn des CSU-Parteitags. Die Frage, wie lange Horst Seehofer noch Ministerpräsident und Parteichef bleiben kann, wird thematische Debatten überstrahlen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.