Ein Tag als DHL-Zusteller Wenn der Paketbote vergeblich klingelt

Das ist so nervig: Paketzusteller klingeln nicht, sondern werfen einfach nur Benachrichtigungen in den Briefkasten. Moment, stimmt das wirklich? Ein Selbstversuch als DHL-Bote.

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DHL-Depot Hamburg-Altona
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DHL-Depot Hamburg-Altona

Beim ersten Konflikt ist es halb zwölf. "Hey, wartet mal!" Ein junger Typ mit Skateboard in der Hand sieht die DHL-Uniform und die Chance, sich endlich zu beschweren. Seine Pakete kämen nicht an, sondern nur Benachrichtigungen. Kein Wunder: Altbau, vierter Stock, oft große Pakete. Natürlich bringt es keinen Spaß, die Lieferungen dort hochzuschleppen, räumt der Mann ein, aber er wolle sich nicht veräppeln lassen - seine Frau sei wegen des Babys so gut wie immer zu Hause.

Erfolg hat er nicht. Der Zusteller fragt nach, an welchem Tag das Paket nicht gekommen sei, erklärt, dass montags und samstags andere Kollegen seine Tour fahren. "Sie kennen mich doch. Sie wissen, dass ich immer klingele."

Es scheint, als würde jeder, wirklich jeder diese Situation kennen: Man wartet zu Hause auf ein Paket, traut sich kaum die Musik aufzudrehen, um ja nicht das Klingeln des Zustellers zu überhören - und findet später eine Karte im Briefkasten, man möge sein Paket bitte bei der nächsten Postfiliale auflesen. Die ist natürlich zehn Kilometer weit weg und der früheste Abholtermin ist morgen, wenn man wieder arbeiten muss.

Wer macht das denn? Sich den Weg in die oberen Stockwerke sparen, Benachrichtigungen einwerfen, die Pakete gleich in die Postfiliale fahren? Faule oder überforderte Zusteller? Das wollte ich mir genauer anschauen - und die Gelegenheit dazu ist derzeit gut: DHL sucht Mitarbeiter, steht auf einem Flugblatt, das in meinem Briefkasten steckte. Ich habe mich also als Paketzusteller im Depot Hamburg-Altona beworben.

Leeres Depot nach dem Einladen der Pakete
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Leeres Depot nach dem Einladen der Pakete

Nach einem kurzen Vorstellungsgespräch wird eine Art Schnuppertag vereinbart, ein Tag als Begleitung für einen echten Paketboten, damit beide Seiten entscheiden können, ob man sich längerfristig bindet.

Bis zur Festanstellung dauert es. Neue Mitarbeiter werden zunächst für einen Monat befristet angestellt, dann gibt es die nächste Befristung für drei Monate und dann weitere sechs Monate. Was dann passiert? "Wir nutzen die gesetzlichen Möglichkeiten aus", sagt der Depotleiter den Neuankömmlingen, "aber wir haben kein Interesse daran, Leute einzuarbeiten und dann wieder rauszuwerfen."

Bleibt also Hoffnung für uns. Zu fünft sitzen wir am Morgen im Büro des Chefs, über dessen Kopf hängt der Motivationsspruch "Get ready to be strong. Be great. Be amazing". Zwei von uns haben einen Schnuppertag, zwei beginnen ihre zweiwöchige Einarbeitung und ein junger Mann beginnt die Ausbildung zur "Fachkraft für Kurier-, Express- und Postdienstleistungen".

Verlangt wird: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, wenige Ausfälle

"DHL wächst kontinuierlich, die Paketmenge steigt jedes Jahr um acht bis zehn Prozent und dementsprechend mehr Leute brauchen wir auch", erklärt der Chef. Soll heißen: Unser potenzieller neuer Job ist zukunftssicher - die Zahl der Stellen bei DHL Delivery soll von jetzt gut 9000 auf 20.000 in vier Jahren steigen. "Was wir verlangen: Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit, wenige Ausfälle."

Paketwagen
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Die Posttochter muss sich beweisen. Erst vor gut einem Jahr wurde sie als DHL Delivery GmbH mit 49 regionalen Tochtergesellschaften der Deutschen Post gegründet, das Management wollte "mehr Flexibilität", um besser gegen die Konkurrenz bestehen zu können, die geringere Löhne zahlt.

Der Widerstand der Gewerkschaft war enorm: Wochenlang streikten sie gegen die Verlagerung der Jobs in die Billigtochter - ohne Erfolg. Jetzt werden die Zusteller nach dem Speditions- und Logistiktarifvertrag bezahlt und verdienen rund ein Drittel weniger als bei der Deutschen Post, dafür sollen die Jobs nach einigen Teilzeitverträgen in eine Festanstellung münden. In Hamburg-Altona ist das ein Stundenlohn von 11,99 Euro, auch für Überstunden. Bei einer regulären Arbeitszeit von 38,5 Stunden pro Woche kommt man auf gut 2000 Euro brutto im Monat.

Arbeitsbeginn ist 7.45 Uhr. In den Hallen 3A, B, C und D stehen Dutzende Gitterrollwagen, wie man sie aus Supermärkten kennt, vollgepackt mit Paketen - von der kleinen Versandtasche bis zum kartonbraunen Monolithen mit der Maximalgröße 120 x 60 x 60 cm. Hier wird noch per Hand gearbeitet - andere Niederlassungen sind schon automatisiert. In der Halle grüßt man sich; mal mehr, mal weniger herzlich, fast ausschließlich mit Akzent.

Zeitvorgabe: rund zweieinhalb Minuten pro Paket

150 Pakete sind so etwas wie die Untergrenze pro Zusteller und Tour, es können auch mal deutlich mehr als 200 Stück sein. Die Sendungen sind grob vorsortiert, die erste Aufgabe der Zusteller ist es, die Pakete für ihre Tour herauszusuchen - die Ladung von ein bis zwei solcher Schiebewagen sortieren die Paketzusteller in ihre Autos. Jeder hat dafür sein eigenes System; nach Straßen natürlich, zusätzlich geordnet nach jenen Hausnummern, die sich gemeinsam beliefern lassen.

Einladen nach System
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Einladen nach System

Die gelben DHL-Wagen stehen mit den Heckklappen an den Toren zur Halle, immer ein Tor, ein Wagen. Zwischen 9 und 10 Uhr fahren die meisten vom Hof. "Endlich allein", sagt Hadi, "mein" Paketbote von der Endstelle 42. Das genießen alle an diesem Job: den größten Teil des Tages selbstbestimmt herumfahren, ohne dass Vorgesetzte oder unangenehme Kollegen stören.

Was dagegen nervt: In jedem Haus müssen wir Treppen hoch. "15 Kilo habe ich in den ersten sechs Wochen verloren", erzählt mir Hadi, der in Wirklichkeit anders heißt. An den Sprechanlagen ruft er jedes Mal "Deutsche Post!" - aus gutem Grund: "Wenn ich DHL sage, dann versteht das keiner, bei 'Deutsche Post' machen sie sofort auf."

Trotz seiner Knieprobleme sprintet er die Stockwerke mit den Paketen im Arm hoch, die Zeit ist knapp. Wir haben 156 Pakete im Wagen, rein rechnerisch bleiben uns ungefähr zweieinhalb Minuten pro Paket Zeit.

Die erste Stunde geht schnell vorbei. Erstaunlich viele Menschen öffnen die Tür auch um elf Uhr noch in Unterhose, im Schlafanzug oder Bademantel. Alle sind freundlich. Dann ist der Empfänger nicht da, auch keiner der zahlreichen Nachbarn öffnet die Tür. Die beiden größten und schwersten Lieferungen (Großpackungen Tierfutter) können nicht in den vierten Stock geliefert werden - ich atme auf, auch wenn wir die erste Benachrichtigung an die Haustür kleben müssen.

Pünktlich Feierabend? So gut wie nie

Klingelt jeder Zusteller alle Nachbarn durch, um ein Paket auszuliefern, frage ich meinen potenziellen neuen Kollegen. "Ich weiß es nicht. Ich glaube, es sind meine jungen Kollegen, die häufig nur eine Benachrichtigung einwerfen." Die sogenannte Benachrichtigungsquote ist für DHL enorm wichtig. Nach dem Boten selbst ist sie die wichtigste Stellschraube für die Zufriedenheit der Kunden. Das gilt zwar für alle Paketdienste, von GLS über DPD, TNT und Hermes bis UPS, aber DHL gilt bei vielen als besonders unzuverlässig - was einerseits überrascht, denn auf unserer Tour sehen wir viele Benachrichtigungen der Konkurrenz an Empfänger, für die auch wir Pakete haben. Wir aber geben sie bei den Nachbarn ab.

Paketzustellung in Hamburg-Eimsbüttel
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Paketzustellung in Hamburg-Eimsbüttel

Andererseits hat DHL einen Marktanteil von um die 44 Prozent - mehr Sendungen, mehr Zettel im Briefkasten. Und das Unternehmen arbeitet an der Benachrichtigungsquote: Im Depot liegen Listen aus, in denen jeder die Entwicklung für jede Tour einsehen kann. Steigende Quoten sind rot markiert (Anmerkung: "Es gibt Gesprächsbedarf"), sinkende grün (Anmerkung: "Gute Entwicklung. Weiter so!").

Schafft man die Zustellung überhaupt in der vorgegebenen Zeit? "Pünktlich komme ich selten raus", sagt Hadi. Schon die Pause lässt er ausfallen, sein Mittagessen besteht aus einem kurzen Snack im Auto. Der Druck ist hoch, auch wenn er sich bei vielen Kunden Zeit nimmt, vor allem für die alten Leute hat er immer ein paar freundliche Worte. Sobald es aber vor der Tür länger dauert und er den achten Klingelknopf drückt, werde ich nervös.

Schließlich sind wir mit der Tour fertig und müssen nur noch die vier Sendungen, die wir nicht abgeben konnten, zur nächsten Postfiliale fahren. Allerdings fahren wir noch eine kleine Schleife, sagt Hadi. "Ich schaue noch mal, ob die Dame jetzt vielleicht zu Hause ist. Sonst muss sie die schweren Pakete selbst abholen und in den vierten Stock schleppen, das schafft sie kaum."

Der Umweg ist vergeblich, die Empfängerin ist immer noch nicht da. Gegen 17.30 fahren wir wieder auf den Hof des Depots. Die Bilanz: 152 Pakete ausgeliefert, vier Leute aus dem Bett, einen aus der Dusche geholt und ein Baby aus dem Mittagschlaf geweckt. Jetzt müssen wir jene Sendungen wieder ausladen, die wir aus mehreren Paketshops abgeholt haben. Immerhin: Wir haben alles geschafft. Andere Zusteller kommen mit bis zu hundert Paketen zurück, die sie am nächsten Tag ausliefern müssen.

Zum Feierabend muss jeder Fahrer eintragen, wie viele Pakete er ausgeliefert hat und wie viele Benachrichtigungen abgegeben wurden. "Und, kommst du morgen wieder?", fragt mich mein Begleiter.

Nein, das werde ich nicht. Aber ich werde die Paketboten, die bei mir klingeln, noch freundlicher begrüßen. Und mich nicht mehr so sehr über Benachrichtigungszettel ärgern.

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insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
globalundnichtanders 08.07.2016
1.
"Das ist so nervig: Paketzusteller klingeln nicht, sondern werfen einfach nur Benachrichtigungen in den Briefkasten. Moment, stimmt das wirklich?" Natürlich stimmt das. Und manchmal werfen sie noch nicht einmal eine Karte ein sondern geben das Päckchen einfach beim nächsten Schreibwarenladen ab, der nebenbei Post spielt. Da muss man dann auf gut Glück hinfahren oder das Päckchen geht kommentarlos wieder zurück an den Absender. Ansonsten beliebt sind nach Rauch stinkende Pakete, aufgerissene Pakete und vollkommen zusammengestauchte Pakete. Schuhabdrücke auf den Paketen habe ich auch schon erlebt...
tweakimp 08.07.2016
2. Und nun?
Die Benachrichtigungsquote ist anscheinend so hoch, weil die Angestellten unter Zeitdruck stehen. Dafür kann ich als Kunde auch nichts. Wenn ich zu Hause bin, kann ich doch annehmen, das zumindest bei mir geklingelt wird? Nein, stattdessen wird über den Zeitdruck das erhöhte Aufgebot erst auf den untersten Arbeiter und damit dann auf schlechteren Service abgewälzt.
Lektorat Berlin 08.07.2016
3. Moment, stimmt das wirklich?
Bei uns (Berlin-Schöneberg), 3.Stock, Altbau, Fahrstuhl nur mit Schlüssel, stimmt es DEFINITIV! Nur in SEHR seltenen Ausnahmefällen begibt sich ein Zusteller tatsächlich einmal in den 3.Stock. Standard ist das "konnte-leider-nicht-zugestellt-werden"-Kärtchen am Tag NACH der avisierten Lieferung. Und das, obgleich bei uns IMMER jemand zuhause ist. Unsere Nachbarin auf demselben Stockwerk (ebenfalls IMMER zuhause) ist gehbehindert und körperlich gar nicht in der Lage, sich ihre Pakete selbst von der Post abzuholen; deshalb hat sie (die auch, wie ich, im Medienbereich tätig ist) richtig ein Fass aufgemacht, ist im Rahmen einer Reportage über die DHL-Presse gegangen und hat über die _betrügerische_ Weise, Entgelt (Porto) zu nehmen, die mit dem Entgelt vergütete Leistung (Lieferung!) aber nicht zu erbringen, berichtet - aber: alles für die Katz. Wer hier im Zustellbezirk nicht maximal im Hochparterre wohnt, hat keine Chance, von der DHL tatsächlich seine Zustellung zu erhalten, auch nicht per sog. 2.-Zustellung. Und eine Beschwerde wird nach 4 Wochen (!) mit einem Standardtextbaustein beantwortet. Ein SKANDAL, die absolute Frechheit! Einzige Notlösung: Wo immer ein Onlne-Anbieter mehrere Logistik-Unternehmen zur Auswahl bietet: den jeweils anderen als DHL nehmen.
Katzenkönig 08.07.2016
4. Paketzusteller? - Sicher kein Traumberuf...
Ich, aus meiner bescheidenen Erfahrung heraus, kann nur sagen, dass ich in den letzten Jahren keine große Not mit der Paketzustellung habe. Bisher ist immer alles eingetroffen, meist pünktlich, und ansonsten doch im vorgegebenen Zeitfenster. (Falls doch einmal etwas auf dem Postweg verloren ging, ist bisher immer alles reibungslos erstattet worden...) Meine Paketabholstellen liegen in nächster, bis näherer Umgebung. Man sollte einfach zur Kenntnis nehmen, dass es dem Zeitgeschehen geschuldet ist, - und man davon ausgeht, - dass jedwede Bestellung, Lieferung, umgehend und fast sofort zu erscheinen habe! Nun, die meisten werden sich erinnern, es gab auch andere Zeiten, wo man wochenlang auf irgendein Paket warten musste... Also anbetracht der Tatsache, was man als pseudoselbstständiger, oder doch zumindest nicht reich entlohnter Paketzusteller verdient, zolle ich den Herren meinen Respekt!
Bobby Shaftoe 08.07.2016
5.
Besonders spaßig: Mit der Zustellungskarte zur Postfiliale latschen und sich den Spruch anhören müssen: "Ihr Paket ist nicht da, der Fahrer hat es heute nicht mehr geschafft". Nicht mehr geschafft? Das weiß ich bis heute nicht. Ich kann nur mutmaßen: Heckenschützen, Riesenloch in der Straße, Milzbrand oder Tank leer.
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