Betagte Sozialhilfeempfänger "Die Altersarmut wird weiter steigen"

So viele deutsche Rentner wie noch nie sind auf Sozialhilfe angewiesen. Nach Ansicht des Armutsexperten Heinz-Herbert Noll ist das Teil eines längerfristigen Trends - und könnte zu einem Comeback der gesetzlichen Rentenversicherung führen.
Suppenküche in Hannover: Die Rentenreform zeigt ihre Wirkung

Suppenküche in Hannover: Die Rentenreform zeigt ihre Wirkung

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der Empfänger von Grundsicherung im Alter ist laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Ist das eine längerfristige Entwicklung?

Noll: Ja, allerdings sind das absolute Zahlen, in denen sich vor allem die Alterung der Bevölkerung zeigt. Die Quote der Grundsicherungsbezieher ist im Vergleich zum Vorjahr nur minimal gestiegen. Zudem zeigen die Zahlen nur, wer Anspruch auf Grundsicherung hat und diesen auch nutzt. Gerade ältere Menschen scheinen diesen Anspruch aus Unkenntnis oder Scham oft nicht wahrzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich die Altersarmut besser messen?

Noll: Wir haben untersucht, wie hoch der Anteil der älteren Menschen ist, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens beträgt. Gemessen an dieser Quote hat die Altersarmut in den vergangenen Jahren zugenommen und wird weiter steigen. Insgesamt liegt die Armutsquote bei Alten schon jetzt leicht über dem Bevölkerungsdurchschnitt.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Noll: Die Zahl der Niedrigverdiener ist gestiegen, die Erwerbsbiografien ändern sich, und die Rentenkürzungen zeigen ihre Wirkung.

SPIEGEL ONLNE: Derzeit beziehen deutlich mehr Alte im Westen als in Ostdeutschland Grundsicherung. Spiegelt das die Altersarmut insgesamt?

Noll: Nach unseren Berechnungen sind die Unterschiede nicht so groß. Bei Alten im Westen liegt die Einkommensarmut demnach bei 15,8 Prozent, im Osten bei 13,6. Bei Frauen liegen die Quoten mit 17,6 Prozent im Westen und 17,1 Prozent im Osten sogar noch enger zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch kamen auch Sie zum Ergebnis, dass bislang Frauen in Westdeutschland besonders stark betroffen sind. Wie kommt das?

Noll: Das liegt vor allem daran, dass ostdeutsche Frauen häufiger erwerbstätig waren. Dennoch dürfte das Armutsrisiko im Osten in Zukunft besonders stark steigen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Noll: Weil die Bevölkerung hier im Gegensatz zum Westen fast ausschließlich von der gesetzlichen Rente abhängig ist. Außerdem gibt es im Westen viel mehr Pensionäre - und deren mittlere Einkommen sind fast doppelt so hoch wie bei Rentnern.

SPIEGEL ONLINE: Wäre ein Mindestlohn, wie ihn Union und SPD verhandeln, ein wirksames Mittel gegen Altersarmut?

Noll: Grundsätzlich ja. Außerdem spricht vieles dafür, das gesetzliche Rentensystem wieder zu stärken und einen Teil der Kürzungen hier zurückzunehmen.

SPIEGEL ONLINE: Aber können wir uns das leisten?

Noll: Auch die Zuschüsse zu kapitalfinanzierten Modellen wie der Riester-Rente kosten viel Geld. Und die Begeisterung dafür hat durch die Finanzkrise ja deutlich nachgelassen.

Das Interview führte David Böcking