Henrik Müller

Die Folgen des billigen EZB-Geldes Verliehen und verkauft

Die Banken leiden massiv unter den Niedrigzinsen. Geht es so weiter wie bisher, droht eine neue Finanzkrise - aber echte Lösungen fehlen. Auch stellt sich die Frage, wie viel Banking eine Gesellschaft eigentlich braucht.
EZB-Zentrale in Frankfurt

EZB-Zentrale in Frankfurt

Foto: Arne Dedert/ dpa

Die Deutschen haben ihr Urteil gefällt: Mario Draghi ist Schuld. 58 Prozent der Bundesbürger misstrauen der Europäischen Zentralbank (EZB). So schlecht ist das Ansehen der EZB in keinem anderen der großen Länder der Eurozone, wie die letzte Eurobarometer-Umfrage ergeben hat. Viele Banker sehen das ähnlich: Die niedrigen Zinsen machten die Arbeit der Kreditinstitute auf Dauer unmöglich, so der Vorwurf. Wenn es so weitergeht, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die nächste Finanzkrise ausbricht.

Nun geht der EZB-Chef in die Offensive. Montag tritt Draghi im Währungsausschuss des Europaparlaments auf. Mittwoch hält er zunächst eine Rede in Frankfurt, dann besucht er in Berlin den Bundestag und dessen Präsidenten Norbert Lammert.

Bereits in der abgelaufenen Woche machte Draghi bei einer Konferenz deutlich, dass er die Banker selbst in der Pflicht sieht. An der schlechten Ertragslage vieler Kreditinstitute seien nicht nur die niedrigen Zinsen Schuld, sondern auch die Banken selbst: Europa sei "over-banked", es gebe "Überkapazitäten". Manches Geschäftsmodell bedürfe der Überarbeitung.

Austausch von Schuldzuweisungen

Das blame game, der wechselseitige Austausch von Schuldzuweisungen, ist in vollem Gange. In der Tat ist die Lage nicht gerade beruhigend. Das Umfeld für die Banken sei "herausfordernd", urteilt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich  (BIZ).

Es sind gleich mehrere Faktoren, die der europäischen Kreditwirtschaft die Arbeit erschweren: Niedrigstzinsen und Strafgebühren auf Zentralbankeinlagen, strengere Anforderungen durch die Regulierer, schwaches Wirtschaftswachstum sowie die Altlasten aus der Vergangenheit. Die Kurse europäischer Bankaktien sind seit Mitte 2015 immer weiter gefallen. Parallel dazu ist es für Banken relativ teurer geworden, sich Geld zu leihen. Ein Indikator für gestiegene Risiken im Finanzsektor.

Banken verdienen klassischer Weise an der Differenz zwischen kurzfristigen und langfristigen Zinsen. Da diese Differenz inzwischen bei null liegt, versuchen die Institute, anderweitig Geld einzunehmen, zum Beispiel durch höhere Gebühren. Überschüssige Mittel können sie nicht mehr gut verzinst auf dem Notenbankkonto parken, sondern müssen bei der EZB und auf dem Geldmarkt dafür eine Strafgebühr entrichten. Kosten, die sie bislang kaum an Kunden weitergeben.

Kurzfristig haben den Banken die Anleihekäufe der EZB geholfen. Wertpapiere sind im Kurs gestiegen, was die Bankbilanzen tendenziell entlastet. Vor allem wegen solcher einmaligen Sondereffekte sind die operativen Erträge deutscher Institute im vergangenen Jahr leicht gestiegen, wie die Bundesbank ermittelt hat. Im Brot-und-Butter-Geschäft, dem Verwahren und Verleihen von Geld, gingen die Erträge allerdings zurück.

Altlasten aus Boomjahren und Finanzkrise

In Zukunft nehmen die Risiken zu. Altgeschäfte zu höheren Zinsen laufen aus. Neuabschlüsse allerdings werfen kaum noch Geld ab. Sollten die Kurse von Aktien und Anleihen auf breiter Front fallen, etwa weil die Notenbanken nicht bereit sind, die Finanzmärkte immer weiter aufzupumpen, werden bei den Banken Abschreibungen fällig.

Ähnlich schwierig sind die Aussichten für andere Teile des Finanzsektors. Sorgen bereiten den Regulierern zunehmend auch "Schattenbanken". Montag findet dazu in Frankfurt eine Konferenz statt. Je länger die Zinsen im Keller bleiben, desto schwieriger ist es, Geld zu verdienen. Anlagemöglichkeiten sind begrenzt. Ein großer Teil der westlichen Staatsanleihen wirft negative Zinsen ab, auch in Folge der Anleihekäufe von Notenbanken wie der EZB und der Bank of Japan. Inzwischen sind sogar Unternehmen wie Henkel in der Lage, sich zu negativen Zinsen am Kapitalmarkt zu verschulden.

Dazu kommen Probleme aus den Boomjahren und der nachfolgenden tiefen Wirtschaftskrise, die immer noch nicht beseitigt sind: Strafzahlungen an die Behörden, wie die 14 Milliarden Dollar, die das US-Justizministerium von der Deutschen Bank fordert. Italiens Banken sitzen auf einem Pulverfass, gefüllt mit faulen Krediten, weil viele Schuldner in einer seit Jahren schrumpfenden Wirtschaft ihre Verbindlichkeiten nicht bedienen können.

Strengere Anforderungen seitens der Regulierungsbehörden sollen die Banken langfristig krisenresistenter machen. Zunächst aber kosten sie zusätzliches Geld. Immerhin: Die Banken sind inzwischen im Schnitt besser kapitalisiert als beim Ausbruch der Finanzkrise 2008 und nicht mehr so abhängig von kurzfristigen Finanzierungen auf dem Interbankenmarkt. Doch die Abhängigkeit der Eurozonen-Institute von kurzfristiger Finanzierungen ist fast doppelt so hoch wie bei amerikanischen Banken. Das macht sie im Falle einer erneuten Vertrauenskrise anfällig für ein Austrocknen von Liquidität.

Wie viel Banking braucht eine Gesellschaft? Diese Frage ist längst nicht geklärt. Dass es überhaupt zur Finanzkrise von 2008 kam, lag an der übermäßigen Verschuldung der Privatwirtschaft. Gerade die europäischen Banken hatten zu viele Kredite vergeben. Die Folgen dieser Party belasten bis heute das europäische Finanzsystem und die Entwicklung der Realwirtschaft. Dennoch bemüht sich die EZB, die Kreditvergabe anzuregen mit immer neuen Programmen. Der Erfolg ist mäßig.

Draghi meint, Europa brauche deutlich weniger Banken. Gerade größere Unternehmen sollten sich direkt über die Finanzmärkte finanzieren, nicht durch Bankkredite. Ähnlich wie in den USA. Allerdings: Dass auch ein börsenorientiertes Finanzierungsmodell wie das amerikanisches keineswegs sicher ist, hat die letzte Finanzkrise gezeigt.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

MONTAG

Brüssel - Draghi und die Volksvertreter I - Anhörung des EZB-Präsidenten vor dem Wirtschaftsausschuss des Europaparlaments.

Frankfurt - Im Dunkeln - Workshop zu Schattenbanken des Europäischen Ausschusses für Systemrisiken. Mit dabei: EZB-Vize Constancio und Bundesbank-Vize Buch.

London - Beim Ziehen der Bilanz - Rede von EZB-Bankenaufseher Angeloni zum Thema "Stärken und Schwächen europäischer Banken".

Wien - Österreich debattiert - Der Chef der Österreichischen Nationalbank, Nowotny, diskutiert mit Bankern über die Frage "Wozu überhaupt noch Banken?".

München - Deutsche Stimmung I - Neue Zahlen vom Ifo-Geschäftsklimaindex.

Dayton/Ohio - Hillary vs. the Donald - Erste Fernsehdebatte der US-Präsidentschaftskandidaten.

DIENSTAG

Frankfurt - Jede Menge Kohle - Die EZB veröffentlicht neue Zahlen zur Entwicklung der Geldmenge M3. Zuletzt ist sie mit einer Jahresrate von um die fünf Prozent gestiegen.

MITTWOCH

Frankfurt - Draghi spricht - Forschungskonferenz der EZB - zu Beginn redet der Chef.

Berlin - Draghi und die Volksvertreter II - Der EZB-Präsident besucht den Bundestag, spricht mit Parlamentspräsident Lammert und mit den Mitgliedern der Ausschüsse für Europa, Haushalt und Finanzen.

Nürnberg - Deutsche Stimmung II - Neues vom Konsumklima in Deutschland.

DONNERSTAG

Nürnberg - Deutsche Konjunktur I - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht die Arbeitsmarktzahlen für September.

Wiesbaden - Deutsche Konjunktur II - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht die erste Schätzung zur Inflationsrate im September.

Kansas City - Yellen spricht - Zum Abschluss einer Konferenz über "Banking and the Economy" schaltet sich Fed-Chefin Yellen per Video zu.

Brüssel - Euro-Konjunktur I - Neue Zahlen zu Wirtschaftsvertrauen, Geschäftsklima und Verbrauchervertrauen in der Eurozone.

FREITAG

Ljubljana - Wie viel Regulierung soll's denn sein? - Rede von Bundesbank-Vizepräsidentin Buch auf einer Konferenz zur makroprudenziellen Steuerung von Finanzmärkten.

Brüssel - Euro-Konjunktur II - Neue Zahlen zur Inflation und zur Arbeitsmarktentwicklung in der Eurozone.

SAMSTAG

Peking - China-Konjunktur - Veröffentlichung der Einkaufsmanagerindizes für die Industrie und den Dienstleistungssektor in China.

SONNTAG

Budapest - Orban lässt abstimmen - Referendum in Ungarn über die EU-Flüchtlingspolitik.

Zum Autor
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Institut für Journalistik, TU Dortmund

Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für den SPIEGEL gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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