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26. Juli 2018, 09:59 Uhr

Reaktionen auf Treffen von Juncker und Trump

"Kein richtiger Deal"

Beim Treffen mit EU-Chef Juncker machte der US-Präsident überraschend Zugeständnisse. Doch was ist von den Verhandlungsergebnissen zu halten? Die Reaktionen aus Wirtschaft und Politik im Überblick.

EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker hat sich in Washington mit US-Präsident Donald Trump in Grundsatzfragen im Handelsstreit geeinigt. Juncker zufolge wollen die EU und die USA vorerst darauf verzichten, neue Zölle einzuführen. Auch mögliche hohe US-Zölle auf Autos sind nach Auffassung der EU vorerst vom Tisch.

Mit dieser überraschenden Wende im Handelsstreit hat niemand gerechnet. Aber wie ist die Einigung zu bewerten? Die Reaktionen von Politikern und Ökonomen auf die Kehrtwende im Überblick:

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Verabredungen zwischen Trump und Juncker begrüßt. Die stellvertretenden Regierungssprecherin Ulrike Demmer erklärte auf Twitter: "Die Bundesregierung begrüßt die Verabredung zu einem konstruktiven Vorgehen beim Handel. Die EU-Kommission kann weiter auf unsere Unterstützung zählen."

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich zufrieden: "Es ist gut, dass nicht nur die Autozölle vom Tisch sind, sondern dass wir auch verabredet haben, gemeinsam gegen unfaire Handelspraktiken und für eine Reform der WTO zu arbeiten."

"Die Verständigung zwischen Trump und Juncker ist sehr erfreulich und eine wichtige Grundlage für die weiteren Verhandlungen", sagte CDU -Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer dem SPIEGEL. "Wenn Trump jetzt von einer neuen Phase in den Beziehungen zwischen den USA und der EU spricht, dann kann man das nur begrüßen und unterstützen." Kramp-Karrenbauer sagte weiter: "Die EU hat Geschlossenheit bewiesen und die hat sich ausgezahlt."

Auch der Wirtschaftssachverständige Peter Bofinger bewertete den Ausgang der Handelsgespräche positiv. Statt sich wechselseitig das Leben schwerzumachen, bewege man sich nun daraufhin, alle Zölle zwischen der EU und den USA abzuschaffen, sagte Bofinger im Deutschlandfunk. "Ob das Bestand hat, das wird wahrscheinlich keiner mit Sicherheit sagen können", fügte er angesprochen auf die Unberechenbarkeit Trumps hinzu.

BDI-Präsident Dieter Kempf sprach von einem "wichtigen Zeichen der Entspannung in den belasteten Beziehungen". Die Zollspirale im transatlantischen Handel scheine vorerst gestoppt zu sein. Zugleich mahnte Kempf, jetzt müssten "den Worten aber auch Taten folgen". Der BDI begrüßte unter anderem, dass im Streit um die US-Strafzölle auf Stahl und Aluminium, aber auch bei angedrohten Autozöllen eine Lösung gefunden werden solle. Auch der angestrebte Abbau aller Industriezölle werde vom Verband "ausdrücklich" unterstützt.

Eric Schweitzer, Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), beurteilt das Verhandlungsergebnis deutlich zurückhaltender: "Es bleibt eine gehörige Portion Skepsis. Von Verhandlungen auf Augenhöhe sind wir noch entfernt." Auch seien "die ungerechtfertigten Autozölle" noch nicht endgültig vom Tisch.

Der EU-Handelspolitiker Bernd Lange hält den europäisch-amerikanischen Handelskompromiss gar für substanzlos. "Das war kein Erfolg, was Herr Juncker dort erreicht hat", sagte der SPD-Politiker. Er warf Juncker vor, Trump einseitig entgegengekommen zu sein. "Die Drohkulisse bleibt bestehen", sagte Lange im Deutschlandfunk. Darüber hinaus habe Juncker auch nicht erreicht, dass die von den USA verhängten Zölle auf Stahl und Aluminium zurückgenommen werden.

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, sagte zum Ausgang des Treffens: "Es ist noch kein richtiger Deal. Aber es ist ein Schritt weg vom Abgrund."

Die weltweiten Finanzmärkte reagierten positiv auf die Entschärfung des Handelsstreits: Der US-amerikanische Leitindex Dow Jones stieg nach der gemeinsamen Pressekonferenz von Juncker und Trump um 0,7 Prozent. Der deutsche Leitindex Dax stieg an diesem Donnerstag um 1,35 Prozent auf 12.749 Punkte. Da die bedrohlichen Autozölle zunächst abgewendet scheinen, schwächen sich die Konjunktursorgen der Investoren etwas ab.

Auch der Preis für Soja verteuerte sich: Der Terminkontrakt stieg um 2,2 Prozent auf 8,80 Dollar je Scheffel. Der Grund: Der Vereinbarung zufolge sollen die Europäer unter anderem mehr Soja aus den USA importieren. Die Aussicht auf eine steigende Nachfrage treibt deshalb den Preis in die Höhe.

hej/Reuters/AFP

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