Verschwörungstheorien Bilderberg - das Kartell der Macht

Wenn Macht und Geld im Spiel sind, kennt die Phantasie keine Grenzen. SPIEGEL ONLINE präsentiert die schrägsten Verschwörungstheorien der Wirtschaft. Diesmal: Wie die globale Elite bei den geheimen Bilderberg-Konferenzen die Welt unter sich aufteilt.
Bilderberg-Konferenzort St. Moritz (2011): Hier kuschelt die Weltelite

Bilderberg-Konferenzort St. Moritz (2011): Hier kuschelt die Weltelite

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Die Theorie

Jedes Jahr treffen sich die Mächtigsten der Mächtigen irgendwo auf der Welt in einem Luxushotel an einem abgeschiedenen Ort, um drei Tage lang die Welt untereinander aufzuteilen - auf der Bilderberg-Konferenz. Das illustre Teilnehmerfeld besteht aus aktuellen und früheren Staatschefs, Diplomaten, Konzernchefs, Militärs, Adligen, Intellektuellen und einigen Journalisten.

Es war der polnische Politikberater Józef Retinger, der nach dem Zweiten Weltkrieg seine Verbindungen in die Politik und in die Wirtschaft nutzte, um eine geheime transatlantische Konferenz zu gründen. Über die CIA wurde sogar der US-Präsident kontaktiert, auch der Milliardär David Rockefeller war dabei.

Die Teilnehmer mussten demnach "einflussreich und allgemein respektiert sein sowie über Spezialwissen oder reichlich Erfahrung" verfügen, um durch ihre "persönlichen Kontakte und ihren Einfluss in nationalen wie internationalen Kreisen den von Bilderberg gesetzten Zielen" zu genügen. Die Vorbereitungen dauerten bis 1954, dann lud Prinz Bernhard der Niederlande in sein Hotel de Bilderberg in Oosterbeek ein. Daher der Name.

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Bis heute sind die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Tagungsort strikt und diskret. Journalisten, die versuchten, sich im Tagungshotel einzumieten oder über die Konferenz zu schreiben, berichten von abgehörten Mobiltelefonen, gelöschten Digitalfotos und Einschüchterungsversuchen.

Was genau die Teilnehmer im Kaminzimmer, an der Bar oder in der Sauna auskungeln ist nicht klar, für Liebhaber der Verschwörung gibt es aber eine Reihe von Indizien: So hat sich die illustre Runde der Theorie zufolge schon im vergangenen Jahr auf den damaligen Konferenzteilnehmer Peer Steinbrück (SPD) als nächsten deutschen Kanzler festgelegt - schließlich wird das immer dort entschieden: Angela Merkel wurde 2005 eingeladen, und ein paar Monate später war sie die mächtigste Frau Deutschlands.

Helmut Kohl war 1980 dabei und wurde zwei Jahre später zum Kanzler gekürt, Helmut Schmidt konnte seine Bilderberg-Teilnahme 1973 schon ein Jahr später mit der Kanzlerschaft krönen. Dass die nächste Bundesregierung eine rot-grüne Koalition sein wird, ist - so glaubt es die wachsende Gemeinde der Verschwörungstheoretiker - übrigens auch schon festgelegt: Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin nahm in diesem Jahr an der Konferenz teil.

Was steckt dahinter?

Schwer zu sagen, weil Teilnehmer in der Regel nicht über die Konferenz sprechen. Sicher ist: Die Geheimhaltung bei Bilderberg-Treffen ist nicht strenger als bei vielen anderen Konferenzen. Es gilt die sogenannte Chatham House Rule, derzufolge die Teilnehmer die Informationen zwar verwenden, aber die Aussagen nicht mit bestimmten Anwesenden verknüpfen dürfen - ähnlich wie bei einem Hintergrundgespräch von Politikern oder Wirtschaftsgrößen mit Journalisten.

Matthias Naß, Internationaler Korrespondent der Wochenzeitung "Die Zeit", schlägt als Mitglied im Lenkungsausschuss von Bilderberg seit Jahren Teilnehmer vor und setzt die Themen mit. Die SPIEGEL-ONLINE-Anfrage lässt ihn aufseufzen: "Es ist alles ein ausgemachter Blödsinn, was sich um die Bilderberg-Konferenz rankt." Die Wirklichkeit gebe für Verschwörungstheorien nicht viel her.

Verwirrend sind dagegen die Antworten anderer deutscher Teilnehmer der Bilderberg-Konferenz 2012: Roland Koch (Ex-Ministerpräsident von Hessen, jetzt Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger) lässt ausrichten, er habe "nicht die Absicht, sich zu dieser Thematik zu äußern". Ein Sprecher von Josef Ackermann (Ex-Deutsche-Bank-Chef) bittet um Verständnis, "dass sich Herr Ackermann zu solchem Weltverschwörungs-Unsinn nicht (mehr) äußern will". Wolfgang Reitzle (Chef des Dax-Konzerns Linde AG) reagiert knapp mit "kein Kommentar möglich". Spätestens hier wird der geübte Verschwörungstheoretiker hellhörig: Warum ist kein Kommentar "möglich"? Hätte er gerne etwas gesagt, wird aber gezwungen, zu schweigen?

Selbst jene, die ein wenig ausführlicher antworten, lassen viele Fragen unbeantwortet - und viel Raum für Spekulationen. Wolfgang Ischinger zum Beispiel, früher Diplomat und Vorsitzender der nicht minder verschwörungstauglichen Münchner Sicherheitskonferenz, heute für die Allianz-Versicherung tätig: "Es gibt keine Geheimnisse", schreibt Ischinger und verweist auf die Internetseite der Konferenz . Dass dort an einer Weltdiktatur gearbeitet wird, verneint Ischinger, während er auf die Frage, wer das Wort auf dieser verschwiegenen Versammlung führt, eine sibyllinische Antwort gibt: "Bei Bilderberg hat der etwas zu sagen, der etwas zu sagen hat."

Selbst Jürgen Trittin, der von der Geheimkonferenz sogar twitterte, erklärt nichtssagend: "Auf diesen Konferenzen geht es um einen offenen Austausch zu aktuellen Themen von der Euro-Krise bis zur Sorge um den Verlust demokratischer Handlungsmöglichkeiten. Damit unterscheiden sich Bilderberg-Konferenzen nicht von anderen Formaten, in denen sich Think-Tanks, Politiker und Unternehmen treffen." Sogar ihm, dem Grünen, sei zugehört worden.

Keine Antwort gibt es auf die Frage: Bedeutet es für das Geschehen in Politik und Wirtschaft weltweit wirklich so wenig, wenn 120 der vielleicht mächtigsten Politiker und Manager miteinander an der Bar oder in der Sauna sitzen, Verständnis füreinander aufbringen und wenigstens für ein Wochenende einen Konsens herstellen?

Und wenn es doch wahr wäre?

Wenn es doch wahr wäre, dann gäbe es beispielsweise in der Euro-Krise viel weniger Reibereien und dramatisches Gipfeltheater. Griechenland wäre längst klammheimlich gerettet oder unter den angrenzenden Ländern aufgeteilt worden. Wenn es wirklich wahr wäre, dann hätte auch EADS-Chef Thomas "Tom" Enders als Mitglied im Lenkungsausschuss der Bilderberg-Konferenz die Fusion seines Konzerns mit dem britischen Konkurrenten BAE Systems bei dem illustren Treffen schon vorab geklärt, statt kläglich an den Widerständen der Politik zu scheitern.

Und wenn es wirklich wahr wäre, dann hätte die eigentliche Konferenz zur Weltverschwörung ihren Sinn verloren. Jedes Jahr treffen sich die Mächtigen der Welt nämlich tatsächlich an einem abgeschiedenen Ort, um über die Geschicke von Millionen Menschen und Milliarden Dollar zu bestimmen - mitten in den Schweizer Alpen, in dem kleinen Örtchen Davos. Auf dem Weltwirtschaftsforum.

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch "Das Glühbirnenkomplott".

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