US-Umweltaufseher zu VW "Die Ausrede, dass die Führungsspitze nichts gewusst hat, ist sehr schwach"

Der Amerikaner Alberto Ayala hat den Dieselskandal einst mit aufgedeckt. Gegenüber dem SPIEGEL kritisiert der ehemalige Vizechef der US-Umweltbehörde, wie VW sich gegen die jüngsten Vorwürfe wehrt.

Alberto Ayala (Archivbild): Der Aufdecker hat große Zweifel
Uli Deck/ / picture alliance

Alberto Ayala (Archivbild): Der Aufdecker hat große Zweifel

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Im Verfahren gegen hochrangige VW-Manager meldet sich der Mann zu Wort, der den Dieselskandal einst mit enthüllt hat. Alberto Ayala, ehemaliger Vizechef der kalifornischen Umweltbehörde Carb, bezeichnet die Verteidigungslinie des Volkswagen-Konzerns als "lächerlich".

Die deutschen Strafverfolger haben an diesem Dienstag Anklage gegen VW-Chef Herbert Diess, seinen Vorvorgänger Martin Winterkorn sowie gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch erhoben. Der Vorwurf lautet, die drei Manager hätten VW-Aktionäre zu spät über den Dieselbetrug und die deshalb drohenden Milliardenstrafen informiert.

Alle drei Beschuldigten bestreiten das: Ihnen sei bis Ende September 2015 nicht bewusst gewesen, dass der Konzern in den USA Autos mit manipulierten Motoren verkauft und so gegen Gesetze verstoßen habe. Auch hätten sie nicht geahnt, dass die US-Behörden monatelang getäuscht worden seien - und deshalb entsprechend harte Strafen verhängen würden. Deshalb, so die Argumentation der VW-Juristen, sei eine Pflichtmitteilung an die Aktionäre nicht nötig gewesen. (Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick lesen Sie hier.)

Ayala kann diese Argumentation nicht nachvollziehen. "Die Ausrede, dass die Führungsspitze nichts gewusst hat, ist sehr schwach", sagte Ayala auf Anfrage des SPIEGEL. Die VW-Mitarbeiter, die ihn damals getäuscht hätten, hätten im Austausch mit der VW-Zentrale in Wolfsburg gestanden. Sie seien nach seiner Kenntnis für das, was sie taten, autorisiert gewesen.

Bei Abgastests in den USA waren bereits 2014 merkwürdige Abweichungen bei VW-Dieselautos aufgefallen: Die Fahrzeuge waren nur auf dem Prüfstand so sauber wie versprochen. Auf der Straße stießen sie jedoch ein Vielfaches der erlaubten Stickoxidmenge aus. Die Umweltbehörde stellte VW-Manager daraufhin in den USA zur Rede, erhielt aber über Monate hinweg nur irreführende Antworten.

"Es gibt keinen Paradigmenwechsel"

Erst Ende August 2015 gestand ein VW-Mitarbeiter dem damaligen Behördenvize Ayala, dass eine unzulässige Abschalteinrichtung der Grund für die mysteriösen Abgaswerte sei. Ayala war darüber sehr erbost. "Ihr habt uns getäuscht", sagte er laut Aussage des VW-Mitarbeiters. Er kündigte an, eine "hässliche Presseerklärung" zu schreiben. "Das wird euch eine Menge Geld kosten, und ihr geht besser nicht dagegen vor." Der VW-Mitarbeiter habe dieses Gespräch nicht für sich behalten, so Ayala. Er habe die drastischen Worte notiert und umgehend per E-Mail nach Wolfsburg geschickt. Die Aktionäre wurden über die drohenden Geldstrafen jedoch erst ungefähr einen Monat später informiert, nachdem die US-Umweltbehörden die Dieselaffäre publik gemacht hatten.

Das Argument des Autoherstellers, das harte Vorgehen der US-Behörden bedeute einen "Paradigmenwechsel", will Ayala nicht gelten lassen. "Es gibt keinen Paradigmenwechsel in der Art und Weise, wie wir den Fall behandelt haben", sagt Ayala. Die Carb habe sich im Fall Volkswagen strikt an das gängige Prozedere gehalten. Der historische Präzedenzfall bestehe nicht darin, wie die Behörden auf VW reagiert hätten, sondern darin, "wie ungeheuerlich deren Verstöße waren und wie sie uns, unseren guten Willen zur Zusammenarbeit und unser System ausgenutzt haben."

  • Lesen Sie hier mehr über die Rolle von Ayala bei der Aufklärung des Dieselskandals
  • Ayala ist mittlerweile Chef der Behörde für Luftqualität in Sacramento. Er hatte in der Vergangenheit bereits gegenüber den US-Behörden ausgesagt, die ebenfalls in der Dieselaffäre ermitteln. Es ist nicht auszuschließen, dass auch die Staatsanwaltschaft Braunschweig ihn als Zeugen anhört, sollte es tatsächlich zu einer Verhandlung wegen Marktmanipulation kommen.

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    chico 76 24.09.2019
    1. Das hat es schon öfter gegeben,
    dass die etwas unteren Ebenen eines Grosskonzerns die oberste Ebene nicht informiert hat , um sie vor möglichen Konsequenzen zu schützen.
    ernemann7b 24.09.2019
    2. Warum
    soll über diesen Artikel noch diskutiert werden? Die amerikanischen VW-Käufer sind entschädigt worden. Hier in Deutschland wird alles getan, daß die geschädigten, und damit betrogenen Kunden so schnell kein Geld bekommen. So what?
    syracusa 24.09.2019
    3.
    "Die Ausrede, dass die Führungsspitze nichts gewusst hat, ist sehr schwach" Es ist beim Betrugsverdacht immer das große Problem, dass man dem Betrüger den Betrug auch nachweisen muss. Wer ein Perpetuum Mobile verkauft, wird in aller Regel ein Betrüger sein. Aber er wird sich halt immer darauf rausreden, selbst an dessen Wirksamkeit geglaubt zu haben. Und das zu widerlegen ist nicht leicht. Ginge es vor Gericht nicht um Beweise, sondern nur um Plausibilität, dann hätten Betrüger es deutlich schwerer. Ich wünsche den Staatsanwälten im Kampf gegen die Betrüger bei VW & Co viel Erfolg! ...
    dirkcoe 24.09.2019
    4. Natürlich ist das lächerlich
    In einem Konzern wie VW wird nicht einmal die Farbe des Toilettenpapiers gewechselt - ohne Zustimmung des Vorstandes. Und da sollen jetzt ein paar durchgeknallte Ingenieure in eigener Herrlichkeit entschieden haben, wir starten einen Massenbetrug? Wer daran glaubt, der hat auch Angst von der Scheibe zu fallen, die unsere Erde dann ist.
    interessierter10 24.09.2019
    5. Selbstverständlich haben sie alles gewusst.
    Das ist wohl auch dem letzten Trottel klar. Allerdings handeln die Manager ganz im Sinne des Neoliberalismus: Maximales Gewinnstreben gepaart mit maximalem Egoismus. Moral gar Ethik ist nur für Looser. Dieses Leitbild wurde uns seit den 80iger Jahren gepredigt und die FDP lebt diese Ideologie mit Lindner in der Idealbesetzung in der heutigen Zeit weiter. Die Manager sind nur Ausdruck und Kind dieser perversen Gesellschaftseinstellung und sind sich garantiert keiner Schuld bewusst.
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