Müllers Memo Wenn die Maschinenstürmer doch recht behalten

Namhafte Ökonomen prophezeien: Die Digitalisierung wird massiv Arbeitsplätze vernichten - gerade jene der Mittelschicht.
Taxibetrieb in Indien: Fortschritt auch fürs Droschkengewerbe unvermeidlich

Taxibetrieb in Indien: Fortschritt auch fürs Droschkengewerbe unvermeidlich

Foto: © Rupak De Chowdhuri / Reuters/ REUTERS

Gelassenheit herrscht im Lande und bei den Wirtschaftspolitikern. Schließlich läuft der Arbeitsmarkt nach wie vor rund, wie die neuen Zahlen der BA am Donnerstag zeigen dürften. Dass die Digitalisierung dabei ist, den Arbeitsmarkt dramatisch zu verändern - in Deutschland ist das bislang kein großes Thema. Oder nicht mehr, muss man eigentlich sagen, denn unter deutschen Gewerkschaftern herrschte lange die Angst vor dem "Jobkiller Computer". Eine Haltung, die von den vermeintlich aufgeklärteren Zeitgenossen gerne belächelt wurde: Arbeitsplätze, die an der einen Stelle verloren gehen, entstünden bekanntlich an anderer Stelle der Wirtschaft neu, also kein Grund zur Panik.

Dabei zeigen derzeit verschiedene international viel beachtete Studien, dass es keine Kleinigkeit ist, wenn immer größere Teile der Wertschöpfung nicht mehr in der physischen Welt stattfinden, sondern in Form von Daten. So warnt eine Untersuchung der britischen Universität Oxford, knapp die Hälfte aller heutigen Jobs stünden auf dem Spiel. In den kommenden Jahrzehnten würden überwiegend Arbeitsplätze in Transport und Logistik überflüssig, außerdem ein Großteil der Beschäftigten in Büros und Verwaltungen. Die verschärfte Computerisierung des 21. Jahrhunderts werde vor allem gering qualifizierte Niedrigverdiener treffen, aber längst nicht nur sie.

Gefangen in einem "verarmenden Produktivitätswachstum"?

Den bislang noch wohlhabenden Mittelschichten werde die digitale Revolution der Wirtschaft eine "lange Misere" bringen, prophezeien die namhaften US-Ökonomen Jeffrey Sachs und Laurence Kotlikoff in einer anderen Untersuchung. Die Welt sei gefangen in einem "verarmenden Produktivitätswachstum": Die Maschinen werden immer klüger und leistungsfähiger, aber für die Masse der Menschen springe dabei nicht viel heraus. Womöglich, unken die beiden Volkswirte düster, hätten ja die "Ludditen" - die Maschinenstürmer des frühen 19. Jahrhunderts - doch recht gehabt.

Mit gemischten Gefühlen sehen auch Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom Massachusetts Insitute of Technology (MIT) die Digitalisierung. In ihrem Bestseller "The New Machine Age" arbeiten sie zwei Effekte heraus, einen positiven und einen negativen. Den positiven nennen sie "Fülle" ("Bounty"), den negativen "Streuung" ("Spread"). Einerseits steige die Verfügbarkeit von digitalisierbaren Dingen und Diensten dramatisch, bei immer weiter sinkenden Preisen. Andererseits kämen die Erträge der neuen Produktionsweisen nur wenigen zugute, was in einer potenziell extremen Polarisierung von Einkommen und Entfaltungschancen resultiere.

Die Botschaft dieser Studien ist immer die gleiche: Die Digitalisierung mag eine tolle Sache sein für die Verbraucher und für jene Unternehmen, die die neuen Technologien zu nutzen wissen. Aber was aus all den Beschäftigten wird, deren Tätigkeiten von immer schlaueren Maschinen ersetzt werden, ist höchst unklar.

Derzeit steht die Taxibranche im Fokus: Im Zeitalter von Handy und Navi werden die klassischen Fähigkeiten der Taxifahrer (Ortskenntnis) und der Taxizentralen (Kunde und Fahrer auf kurzem Wege zusammenbringen) radikal entwertet. Das bleibt nicht ohne Folgen. Zuerst brachten Apps wie My Taxi die Taxizentralen in Bedrängnis, indem sie eine direkte Verbindung zwischen Fahrer und Fahrgast herstellten. Nun wehrt sich die Branche gegen Uber, einen Dienst, der private PKW-Fahrer und Beförderungswillige verkuppelt.

Das Taxibeispiel illustriert, wie ein altes Gewerbe binnen kurzem in existenzielle Bedrängnis kommen kann. Die "Digitale Agenda" der Bundesregierung jedoch zielt vor allem auf Deutschlands produzierende Unternehmen. Sie könnten davon profitieren, wenn die Maschinen miteinander übers Internet zu kommunizieren begännen ("Industrie 4.0"), wenn Roboter immer flexibler und Autos selbstfahrend werden. Das stimmt. Fraglich ist allerdings, wie viele Leute dann noch in diesen Unternehmen arbeiten werden. Die Industrie ist längst nicht mehr der große Jobmotor im Land. Dass die Zahl der Arbeitsplätze dort seit einem Jahrzehnt weitgehend konstant ist, gilt schon als Erfolg; schließlich ist die Zahl der Produktionsjobs in vielen anderen Ländern stark geschrumpft.

Welches Wissen und welche Fähigkeiten brauchen Menschen, um unter den Bedingungen der digitalen Revolution auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich sein zu können? Wie kann der Staat ihnen mit einer besseren Bildungspolitik und einem Umbau des Sozialstaats helfen? Wie sollte das Steuersystem ausgestaltet sein, um die bevorstehende Entwicklung abfedern zu können? Eine Regierung, die sich eine Digitale Agenda auf die Fahnen schreibt, sollte darauf Antworten suchen - besser früher als später.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der Woche

Montag

DARMSTADT - Agenda - Bundeswirtschaftsminister Gabriel besucht die Software AG und hält eine Ansprache zur Digitalstrategie der Bundesregierung.

Dienstag

NÜRNBERG - Rede und arbeite! - Gabriel und BA-Chef Weise diskutieren über das Thema "Energiewende - Jobmotor oder Jobkiller?"

Frankfurt/München/London etc. - Berichtssaison - Neue Zahlen über den bisherigen Geschäftsverlauf von der Deutschen Bank, von Linde, BP, Pfizer, UBS, Twitter und anderen.

Mittwoch

Washington - Yellen calling - Die US-Notenbank tagt unter Leitung ihrer Chefin Janet Yellen und beschließt, ob sie schneller als geplant aus den Krisenprogrammen aussteigen soll.

Madrid - Aufwärts? - Neue BIP-Zahlen zum zweiten Quartal geben Aufschluss darüber, ob die Rezession in Spanien wirklich überwunden ist.

Wiesbaden - Preisfragen - Deutschlands Statistiker schätzen die Inflationsrate im Juli.

Donnerstag

Nürnberg - Hoffentlich positiv - Neue Arbeitsmarktzahlen von der BA

Brüssel - Deflationsgefahr - Europas Statistiker schätzen die Inflationsrate im Euro-Raum im Juli.

Wolfsburg/München/Essen etc. - Berichtssaison - Neue Zahlen von Volkswagen, Siemens, Evonik, Fresenius, Lufthansa, Air Liquide, Sanofi, Exxon Mobile und anderen.

Freitag

Paris/Luxemburg/Cincinatti - Berichtssaison - Neue Zahlen von Société Générale, ArcelorMittal, Procter & Gamble und anderen.

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