DIW-Studie Forscher erwarten Wachstumsschub durch Wärmedämmung

Die EU-Kommission will beim Klimaschutz sparen, die Wirtschaftsforscher des DIW halten mit einer Studie dagegen: Höhere Investitionen in Energieeffizienz und Gebäudesanierung würden Verbrauchern und Staat unterm Strich sogar Milliarden bringen - und Arbeitsplätze schaffen.
Wärmedämmung eines Daches in Köln: Ein Prozent mehr Wirtschaftsleistung

Wärmedämmung eines Daches in Köln: Ein Prozent mehr Wirtschaftsleistung

Foto: Oliver Berg/ picture alliance / dpa

Hamburg - So etwas nennt man eine klassische Win-Win-Situation: Jeder Euro, der zusätzlich dafür ausgegeben wird, Energie effizienter zu nutzen, käme nicht nur dem Weltklima zugute - sondern brächte auch mehr Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze. Das ist das Ergebnis einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die SPIEGEL ONLINE exklusiv vorab vorliegt.

Demnach könnten in Deutschland bereits im Jahr 2020 das Wirtschaftswachstum um ein halbes Prozent und die Zahl der Arbeitsplätze um 30.000 höher liegen, wenn lediglich die von der Bundesregierung gesetzten Einsparziele erreicht würden. Bis zum Jahr 2050 würden diese positiven Effekte noch deutlich stärker hervortreten.

Die Studie erscheint zu einem brisanten Zeitpunkt: An diesem Mittwoch stellt die EU-Kommission ihr Konzept für die Klimapolitik bis zum Jahr 2030 vor - und wird dabei einem Entwurf zufolge zahlreiche Klimaschutzziele über Bord werden. Die Kommission könnte demnach vorschlagen, den Kohlendioxid-Ausstoß nur um 35 Prozent im Vergleich zum Jahr 1990 zu senken. Deutschland hingegen fordert eine Reduktion um 40 Prozent. Und weitere Ziele will sich die Kommission offenbar gar nicht mehr setzen, etwa für den Ausbau der erneuerbaren Energien - oder eben für die Steigerung der Energieeffizienz.

Doch nicht nur die EU, auch Deutschland schwächelt beim Energiesparen. Eigentlich hatte sich die Bundesregierung im Jahr 2010 ambitionierte Ziele für den effizienteren Einsatz von Strom, Gas, Benzin, Kohle und Co. gesetzt. Um 2,1 Prozent sollte die Energieproduktivität jedes Jahr steigen, so steht es im Energiekonzept aus dem Jahr 2010. Doch seit der Jahrtausendwende liegt die durchschnittliche Steigerung mit lediglich 1,3 Prozent klar darunter. Besonders groß ist die Diskrepanz bei der energetischen Gebäudesanierung. Eigentlich sollten jedes Jahr zwei Prozent des Gebäudebestands mit neuen Fenstern, besserer Dämmung oder einer modernen Heizung ausgestattet werden, doch derzeit ist es mit nur einem Prozent gerade mal die Hälfte.

46,5 Milliarden Euro Einsparungen in einem Jahr

"Wir brauchen auch auf der EU-Ebene konkrete Ziele, um die Potentiale bei der Energieeffizienz zu heben", sagt Claudia Kemfert, Energieexpertin des DIW. Bislang habe das auch die Bundesregierung verhindert. "Und diese Ziele müssen in Deutschland dann auch umgesetzt werden", ergänzt Kemfert. Dafür müsse die Bundesregierung unter anderem die finanziellen Anreize zur Gebäudesanierung verbessern, etwa durch Förderprogramme der staatlichen KfW-Bank.

Würden die selbstgesteckten Ziele eingehalten, könnte Deutschland demnach allein im Jahr 2050 bei den Energiekosten 46,5 Milliarden Euro mehr sparen, als wenn es bei der derzeitigen Sanierungsrate bliebe - bezogen auf die Preise des Jahres 2000. Mit 32 Milliarden Euro würde der Löwenanteil davon durch die Gebäudesanierung erreicht. Den Rest trügen Effizienzsteigerungen in Wirtschaft und Verwaltung bei, etwa durch modernere Maschinen - hierbei würden die Einsparungen bei den Energiekosten die Investitionen bereits kurzfristig übertreffen.

Im Fall der Gebäudesanierung würde das dagegen etwas länger dauern, dann aber extrem rentabel werden: Noch im Jahr 2020 stünden höheren Einsparungen von 3,8 Milliarden Euro um 7,4 Milliarden Euro höhere Investitionen als bei den derzeitigen Sanierungsraten gegenüber. Im Jahr 2030 würden Mieter und Eigentümer allerdings schon 11,1 Milliarden Euro mehr an Energiekosten sparen, aber nur neun Milliarden Euro mehr investieren müssen.

Im Jahr 2050 lägen die höheren Einsparungen dann bereits um 18 Milliarden Euro über den höheren Investitionskosten - ein Effekt, der die volkswirtschaftliche Rendite jedes Jahr stärker anwachsen ließe.

Fünf Prozent weniger Kohlendioxid

Im Gegensatz zu anderen bisherigen Studien zu energetischen Sanierungen stellten die DIW-Forscher den Investitionen aber nicht lediglich die Einsparungen bei den Energiekosten gegenüber, sondern wählten einen makroökonomischen Ansatz: Dabei betrachteten sie unter anderem die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Für das Jahr 2020 prognostizieren die Forscher in einem mittleren Szenario 30.000 zusätzliche Arbeitsplätze, hauptsächlich in Handwerks- und Zulieferbetrieben, für das Jahr 2030 bereits 66.000.

Zusätzlich berücksichtigten die Forscher auch Verstärkereffekte. So kann etwa jeder zusätzliche Beschäftigte selbst mehr Geld ausgeben und kurbelt die Wirtschaft weiter an - ebenso das Sanierungsbauunternehmen, das zum Beispiel in neue Maschinen oder Fahrzeuge investiert.

Weil die Verbraucher unter anderem weniger für Energie bezahlen müssten, würden sie zudem bereits im Jahr 2020 um 0,3 Prozent mehr Geld für den privaten Konsum ausgeben, als wenn die Sanierungsrate auf dem derzeitigen Stand bliebe - und das, obwohl sie in der Regel die Kosten dafür selbst tragen müssen, ob Eigentümer oder Vermieter.

Nicht zuletzt würde natürlich auch die Umwelt profitieren: Schon 2020 würde Deutschland 45 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger in die Luft blasen - vor zwei Jahren hätte das einer Einsparung von fünf Prozent entsprochen.