Angebliches Interesse des US-Präsidenten Kann man Grönland einfach kaufen?

Donald Trump soll mit dem Gedanken spielen, Grönland zu erwerben. Berichte dazu sorgen in Dänemark für Unruhe. Wirtschaftlich und strategisch ist die weltgrößte Insel von enormer Bedeutung.

STEVE MORGAN / GREENPEACE /DPA

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Die Empörung in Kopenhagen war groß. Das "Wall Street Journal" sowie mehrere US-Nachrichtenagenturen hatten unter Berufung auf Insider berichtet, Donald Trump erwäge, Grönland zu kaufen. Die Insel gehört zu Dänemark.

Der frühere dänische Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen nannte die Idee einen Aprilscherz - "nur komplett aus der Saison". Der sozialistische Außenpolitiker Karsten Hønge sagte dem Sender Danmarks Radio: "Weder Grönland, Lolland, Bornholm noch andere Teile der Reichsgemeinschaft stehen zum Verkauf."

Donald Trumps mutmaßliche Erwägungen haben auch einen ernsten Kern. Rein theoretisch könnte Grönland nämlich tatsächlich irgendwann amerikanisch geprägt werden. Doch Trumps Immobilienmaklerattitüde könnte für diesen seit 150 Jahren immer mal wieder geäußerten Wunsch der USA zum Problem werden. Darum geht es:


Könnte Trump Grönland einfach von Dänemark kaufen?


Nein. Die Zeiten sind vorbei, in denen die einstige Kolonialmacht Landesteile und Bürger verkaufen kann - wie Anfang des 20. Jahrhunderts Dänisch-Westindien an die USA. Grönland gehört zwar genauso wie die Färöer noch zur Reichsgemeinschaft. Und in zentralen Bereichen wie Währung, Polizei, Verteidigung oder Justiz hat auch heute das Folketing in Kopenhagen, in dem immer zwei grönländische Abgeordnete sitzen, viel zu sagen. Nicht zuletzt, weil Grönland ökonomisch bislang von Dänemark abhängig ist. Allerdings bestimmt das Parlament in Nuuk die Insel seit 2009 in weiten Teilen selbst. Innenpolitisch hatte Grönland bereits seit 1979 weitgehende Autonomie - und trat 1985 nach einer Volksabstimmung aus der EU aus.

Fische im Hafen von Nuuk: Wirtschaftlich von Dänemark abhängig
Leiff Josefsen / AFP

Fische im Hafen von Nuuk: Wirtschaftlich von Dänemark abhängig

"Grönland hat eine Selbstverwaltungsordnung erhalten, nach der es ein selbstständiger Staat werden kann, wenn die Bevölkerung sich das wünscht", sagte der Politikwissenschaftler Mikkel Vedby Rasmussen von der Kopenhagener Universität dem SPIEGEL. Die meisten der knapp 60.000 Menschen und politischen Parteien auf der weltweit größten Insel sehen das auch als ihr Ziel an. Die Frage ist nur, ob in 10, 20 oder 100 Jahren - und ob Dänemark dann weiter für Schulen und Polizisten bezahlen soll. "Wenn sie das irgendwann machen, haben sie natürlich die Möglichkeit, sich den USA anzuschließen und eine Art Puerto Rico zu werden", sagt Rasmussen. Für wahrscheinlich hält er das jedoch nicht. "Sie könnten auch ganz selbstständig werden oder sich mit Kanada zusammentun."


Warum ist Grönland für die USA interessant?


Für die USA ist Grönland aus wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Gründen bedeutsam. Ökonomisch geht es zum einen um Schifffahrtsverbindungen wie die Nordwestpassage, die den Seeweg von der US-Ostküste nach Asien stark verkürzen kann. Zum anderen um Rohstoffe, die unter dem Eis schlummern - und das durch höhere Durchschnittstemperaturen taut.

Arktis von oben: Grönland hat eine geostrategisch wichtige Lage

Arktis von oben: Grönland hat eine geostrategisch wichtige Lage

Dass der Abbau von unter anderem Öl, Kohle, Zink, Kupfer, Uran, aber auch Sand bislang noch nicht fortgeschritten ist, liegt vor allem daran, dass er sehr teuer ist. "Die Förderung von Erzen oder Öl rechnet sich einfach noch nicht", erklärt Rasmussen. Es gehe um das Potenzial. Bis das gehoben werden könne, müsse das Eis verschwinden - und Fachkräfte müssten sich ansiedeln.

Strategisch ist das US-Interesse dem Forscher zufolge also sinnvoll: "Wenn man etwa nicht so abhängig von seltenen Erden aus China sein will, dann gibt es viele davon auf Grönland." Selbst wenn der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum auf dem Nachrichtendienst Twitter scherzte, wenn Trump Grönland kaufen wolle, sollten wir uns Bermuda sichern.

Aus sicherheitspolitischen Gründen ist Grönland für die USA seit Jahrzehnten ebenfalls von Bedeutung - nicht zuletzt während des Kalten Krieges wegen seiner geostrategisch wichtigen Lage auf dem Weg in die Sowjetunion. In Thule befindet sich seit den Fünfzigerjahren eine Basis des US-Militärs. Immer wieder musste sich die dänische Regierung daher in der Grönland-Frage gegen US-Präsidenten behaupten.

Harry Truman bot Dänemark 1946 etwa 100 Millionen Dollar für die Insel. Zuletzt, so Politologe Rasmussen, sah sich der sozialdemokratische Ministerpräsident Jens Otto Krag Ende der Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre mit Übernahmeversuchen konfrontiert, nachdem er sich gegen US-Atomwaffen in Thule ausgesprochen hatte.

US-Air-Base in Thule: Streit über Atomwaffen auf Grönland
Mario Tama/Getty Images/AFP

US-Air-Base in Thule: Streit über Atomwaffen auf Grönland

Die sicherheitspolitische Stellung hat dem Forscher zufolge auch Auswirkungen auf eine mögliche Unabhängigkeit Grönlands: "Die einzige Unabhängigkeit, an die ich nicht glaube, ist eine Unabhängigkeit vollkommen ohne die USA." Denn in Washington betrachte man Grönland weiterhin als Teil der eigenen Sicherheitsarchitektur. "Egal welche Regierung in Nuuk sitzt, sie wird mit den USA auskommen müssen."

Zuletzt war der Ton der USA, die über Alaska bereits Zugang zum Nordpolarmeer haben, in der Arktispolitik rauer geworden. Auf einer Tagung des Arktischen Rats im Frühjahr hatte Außenminister Mike Pompeo auch China davor gewarnt, sich in dem Gebiet breitzumachen - und sprach von einem "Muster aggressiver Verhaltensweisen".


Welche Folgen hat die Kaufdebatte?


Im Wettlauf mit den anderen Anrainerstaaten Norwegen, Russland, Kanada und Dänemark versuchen die USA seit Jahren, ein gutes Verhältnis zur 2.180.000 Quadratkilometer großen Insel aufzubauen. Das Land, das sich selbst einst aus Kolonien bildete, zeigte sich zuletzt als enger Partner Grönlands. Wenn Trump die Insel nun aber bloß als etwas betrachten sollte, das man einfach kaufen kann, dürfte es schwierig für ihn werden, diese Rolle beizubehalten, sagt Rasmussen. Über den genauen Wert Grönlands mag er gar nicht erst spekulieren - auch aus Respekt vor Land und Leuten.

Entsprechend kritisch wurden die Berichte über den Kaufwunsch auch in Grönland aufgefasst. Außenministerin Ane Lone Bagger sagte der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir sind offen für Geschäfte, aber wir stehen nicht zum Verkauf." Aaja Chemnitz Larsen, die als sozialistische Abgeordnete für Grönland im Kopenhagener Parlament sitzt, sagte: "Ich bin sicher, dass eine Mehrheit in Grönland glaubt, dass es langfristig besser ist, eine Beziehung zu Dänemark zu haben als zu den Vereinigten Staaten." Bei zunehmendem US-Einfluss in Grönland wäre auch der Sozialstaat in Gefahr.

Hafen von Nuuk: "Wir sind offen für Geschäfte, aber wir stehen nicht zum Verkauf."
Mads Pihl/Visit Greenland / DPA

Hafen von Nuuk: "Wir sind offen für Geschäfte, aber wir stehen nicht zum Verkauf."

Selbst wenn laut "Wall Street Journal" einige Trump-Berater nur von einer "flüchtigen Faszination" des Präsidenten ausgingen, könnten die Berichte über die Gedankenspiele den Beziehungen also Schaden zufügen. Politologe Rasmussen: "Wenn man Geopolitik als Matador-Spiel begreift, dann war das ein unkluger Zug."

Eine offizielle Reaktion Dänemarks und der USA zur Kaufdebatte steht zwar noch aus. Bis zum Staatsbesuch Trumps am 2. und 3. September in Kopenhagen könnte die Grönland-Frage aber wieder zu einem wichtigen Thema zwischen beiden Ländern werden.



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hm2013_3 16.08.2019
1. es wurde neulich in einer TV-Sendung ausgerechnet
wieviel die Erde wert ist. Es war echt faszinierend. Alles wurde bewertet von Bodenschätzen bis zu den Bäumen. Daraus kann man auch durchaus ableiten, wieviel ein Land oder eine Insel wert ist. Ich würde mich nicht wundern, wenn eine solche Liste schon existiert und Deutschland dabei unter den besten zehn Ländern ist.
doctoronsen 16.08.2019
2. Der weltbeste Dealmaker hat wieder zugeschlagen
Und noch ein Nagel in den Sarg der außenpolitischen Führungsrolle. Der weltbeste Dealmaker hat wieder zugeschlagen. Trump ist das wandelnde Peter-Prinzip.
frankfurtbeat 16.08.2019
3. wenn ...
wenn die Dänen clever sind strben sie max eine Vermietung unter strengen Auflagen zu hohen Kosten an. Trump und kaufen ... Umweltauflagen, Auflagen zu Waffen, Ressourcen mit sofortigem Kündigungsrecht und Strafzahlngen in exorbitanter Höhe bei Zuwiderhandeln.Damit kann man die Rentenkasse schön auffüllen und das Land bleibt im Besitz Dänemarks ... Wenn es für die USA so interessant ist dann gehen die drauf ein ...
richey_edwards 16.08.2019
4. So oder so, wenn das Eis weniger wird
können endlich die Bodenschätze gehoben werden. Ein sehr positiver Effekt einer Erwärmung.
gigi76 16.08.2019
5. Grönland ist bereits weitgehend unabhängig
Wenn die USA Grönland einen Deal anbieten und auch militärische Sicherheitsgarantien aussprechen, warum sollte sich die Bevölkerung dort nicht entscheiden, sich als 52. Bundesstaat den USA anzuschliessen. Wie die Geschichte zeigt, gibt es keine Ewigkeitsgarantie.
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