Trump, Brexit, Italien Wie der Irrsinn unser Geld bedroht

Ob in Amerika oder Europa: Die Politik wird unberechenbar - und die Notenbanken sind der letzte Hort der Vernunft. Wie lange können sie den Laden noch zusammenhalten?

Theresa May, Donald Trump
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Theresa May, Donald Trump

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Manchmal scheint es, als seien Amerikas Notenbanker die einzigen Erwachsenen in der amerikanischen Politarena. Der Washingtoner Zirkus mag immer absurdere Züge annehmen - mit Donald Trump in einer Doppelrolle als Zeremonienmeister und Pausenclown. Diverse Akteure präsentieren sich dem verblüfften Publikum mit erstaunlichem Dilettantismus. Nur bei der Notenbank Federal Reserve (Fed) sitzen noch Leute, die ihr Handwerk verstehen.

Fed-Chefin Janet Yellen bemüht sich fast schon demonstrativ, stoische Vernunft auszustrahlen. Wenn sie und die übrige Führungsriege der Fed sich öffentlich äußern, dann reden sie über Zahlen und Fakten, und wenn sie etwas nicht wissen oder nicht verstehen, dann machen sie daraus keinen Hehl, sondern formulieren auch öffentlich Zweifel.

Die Fed ist, so gesehen, das Gegenteil des Weißen Hauses in seinem gegenwärtigen Zustand.

Am Mittwoch wird die Fed über ihren weiteren Kurs entscheiden. Es gilt als ausgemacht, dass sie die Leitzinsen ein weiteres Mal anheben wird. Außerdem dürften die Geldhüter konkretisieren, wie sie die Billionen Dollar von Wertpapieren, die sie im Zuge der Krise aufgekauft haben, in den kommenden Jahren wieder abzustoßen gedenken.

Das mag langweilig klingen. Aber es gibt gegenwärtig wohl kein wichtigeres Ereignis für die Wirtschaftsentwicklung.

Ohne vernünftige Notenbanken hätten wir die nächste Finanzkrise

Während die klassische Politik vielerorts unberechenbar geworden ist, halten die großen Notenbanken den Laden noch zusammen. Das gilt nicht nur für die USA, sondern auch für Europa: Die Europäische Zentralbank (EZB) steuert unter Mario Draghi unbeirrbar ihren Kurs, ebenso die Bank von England unter Mark Carney, die am Donnerstag über ihr weiteres Vorgehen befindet.

Da mag Großbritannien keine klare Parlamentsmehrheit mehr zusammenbringen und mit einer extrem schwachen neuen Regierung in die folgenschweren Brexit-Verhandlungen starten. Da mag in Italien der Irrsinn eine Mehrheit haben, die den drittgrößten Euro-Staat aus der Währungsunion katapultieren könnte - in Umfragen kommen gegenwärtig Beppe Grillos "Fünf Sterne", Silvio Berlusconis "Forza Italia" und die rechte "Lega Nord" auf zusammen 56 Prozent der Stimmen. Die Notenbanken halten gegen, wahren die Stabilität und beruhigen die Börsen.

Immer noch sind Yellen, Draghi und Co. die wichtigsten Akteure auf den Finanzmärkten. Ohne sie hätte der anschwellende Lärm der politischen Verwerfungen wohl längst die nächste Finanzkrise ausgelöst.

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Was die Fed als Nächstes tut, hat deshalb kaum zu überschätzende Bedeutung für die Weltwirtschaft. Als wichtigste Notenbank der Welt managt sie die meistgenutzte internationale Währung, den US-Dollar. Und da die USA im Konjunkturzyklus deutlich weiter fortgeschritten sind als die anderen großen Volkswirtschaften, hat das, was Janet Yellen tut oder unterlässt, sagt oder verschweigt, Vorbildcharakter für andere Notenbanken.

Vier Lehren lassen sich aus den bisherigen Erfahrungen der US-Notenbank ziehen:

  • Erstens, von einer Normalisierung der Geldpolitik kann noch längst keine Rede sein. Obwohl die Konjunktur in den USA weiter ist, dürfte die Fed auch diese Woche wieder die Leitzinsen um nur einen Viertel Prozentpunkt anheben, auf einen Zielwert von dann 1 bis 1,25 Prozent, weniger als die Inflationsrate. Der reale Zins - nach Berücksichtigung der Preissteigerungen - bleibt also negativ. Und Geld sehr billig.
  • Zweitens, der Ausstieg aus dem Krisenmodus vollzieht sich extrem langsam. Bereits seit 2009 debattieren die Notenbanker darüber, wie ein Einstieg in den Ausstieg aus den Krisenmaßnahmen gelingen kann. Doch nach wie vor sind sie davon weit entfernt. Vor mehr als vier Jahren hat die Fed angekündigt, ihre Anleihekäufe zurückzufahren. Es dauerte lange, bis sie tatsächlich so weit war. Die erste Zinserhöhung ließ noch länger auf sich warten. Die weiteren Zinsschritte verlaufen in Zeitlupe. Das heißt: Wenn sich die EZB die Fed zum Vorbild nimmt, wird es in Europa ähnlich langsam gehen. Und Draghi hat gerade erst angedeutet, die Anleihekäufe zurückzufahren.
  • Drittens, Notenbanken agieren in einem Umfeld, das sie nicht mehr richtig verstehen. Ökonomische Mechanismen, die früher als Gesetzmäßigkeit angesehen wurden, gelten nicht mehr. So bleiben zum Beispiel selbst bei guter Konjunkturlage die Investitionen schwach. Wenn Firmen investieren, dann überwiegend, um bestehende Kapazitäten zu erneuern, nicht, um neue schaffen. Das hat die OECD gerade auf Basis von Unternehmensumfragen herausgefunden. Solides Wachstum sieht anders aus. Warum ist das so? Weil viele Unternehmen immer noch zu hoch verschuldet sind? Oder weil sie lieber an den aufgepumpten Finanzmärkten zocken, als in Maschinen, Software oder Gebäude zu investieren?
    Auch auf den Arbeitsmärkten hat sich offenkundig Fundamentales verändert. So ist die Arbeitslosenquote in den USA inzwischen so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Damals sorgte die Knappheit an Arbeitskräften für kräftige Lohnsteigerungen: Durchschnittliche Zuschläge zwischen acht und zehn Prozent waren für die Beschäftigten drin. Auch jetzt herrscht nach gängiger Definition in den USA Vollbeschäftigung. Doch die nominalen Lohnsteigerungen bleiben verhalten: unter drei Prozent. Woran liegt das? Haben die Beschäftigten den Schock der Krise ab 2008 nicht verwunden und halten sich lieber mit Lohnforderungen zurück, als ihren Job zu riskieren? Sind es technologische Umwälzungen (Digitalisierung, Roboterisierung), die die Löhne drücken? Oder die Globalisierung? Viele Hypothesen schwirren durch die Debatte. Doch es gibt gegenwärtig wenig Gewissheiten darüber, was eigentlich wirklich los mit der Wirtschaft.
  • Viertens, die Inflation kommt nicht richtig in Gang. Nach traditionellem Konjunkturmuster müssten die Konsumentenpreise in den USA längst schneller steigen. Doch stattdessen ist der Indikator, den die Fed besonders intensiv beobachtet ("Deflator des privaten Konsums"), in den vergangenen drei Monaten gesunken, wie die Ökonomen des Bankhauses J. Safra Sarasin vorrechnen. Gegenwärtig legen die Verbraucherpreise nur mit einer Jahresrate von 1,5 Prozent zu. Deutlich langsamer als jene zwei Prozent, die die Fed als Ziel anstrebt. Nur einmal seit April 2012 erreichte der Indikator eine Steigerungsrate von über zwei Prozent. Warum ist die Preisdynamik eigentlich so schwach? Beobachten die Notenbanken die falschen Indikatoren? Sollten sie eher auf Immobilienpreise und Börsenkurse achten, die die Geldpolitik ja ebenfalls beeinflusst, als auf die Preise von Gütern und Dienstleistungen? Und ist das Zwei-Prozent-Ziel eigentlich noch eine sinnvolle Norm für die angestrebte Inflationsrate? Fragen über Fragen. Die Debatte läuft. Definitive Antworten gibt es nicht.

So erfolgreich die Notenbanken gegenwärtig dabei sind, den Irrsinn populistischer Politik einzuhegen und von den Finanzmärkten fernzuhalten, so ungewiss ist, ob ihnen dies auch auf Dauer gelingt. Denn einerseits können auch Notenbanken in einen Strudel geraten; Trump kann kommendes Jahr, wenn Yellens Amtszeit endet, die Fed-Führung austauschen.

Andererseits kann die Politik für Notenbanken unlösbare Situationen schaffen. Sollte etwa in Italien eine demokratisch gewählte Regierung den Ausstieg aus der Währungsunion beschließen, wären der EZB rechtlich die Hände gebunden. Draghi darf vielleicht eingreifen, wenn Spekulanten ein Land aus der Währungsunion drängen wollen. Aber nicht, wenn der politische Wille fehlt, ein Land im Euro zu halten. Eine Staatspleite wäre dann kaum noch abwendbar.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

Berlin - Out of Africa - Die OECD stellt ihren "African Economic Outlook 2017" vor. Mit dabei: Ruandas Präsident Kagame und DIHK-Hauptgeschäftsführer Wansleben.

Ludwigshafen - Null, Eins, Null - Beginn des Digital-Gipfels 2017 (bis Dienstag). Mit den Bundesministern Zypries (Wirtschaft), Wanka (Forschung), de Maizière (Innen) und Gröhe (Gesundheit).

DIENSTAG

London - Brexit-Folgen - Großbritanniens Statistiker melden neue Zahlen zu den Verbraucherpreisen. Zuletzt war die Inflationsrate recht hoch, auch weil das Pfund schwach ist.

Mannheim - Deutschland-Test - Das ZEW veröffentlicht seinen Indikator zu Konjunkturerwartungen.

MITTWOCH

Washington- Event der Woche - Zinsentscheid des Offenmarktausschusses der Federal Reserve Bank (Fed).

Frankfurt am Main - Nachdenken über Geld - Symposium der Bundesbank über "Grenzen der Zentralbanken". Mit dabei: Bundesbank-Chef Weidmann und IWF-Direktorin Lagarde.

DONNERTAG

London - Carney und die Brexit-Sorgen - Die Bank von England entscheidet über ihren weiteren Kurs.

Luxemburg - Immer wieder Griechenland - Einigen sich die Euro-Finanzminister auf die nächste Zahlung an Athen?

FREITAG

Luxemburg - Euro-Check - Treffen der EU-Finanzminister. Unter anderem geht es darum, die länderspezifischen Vorgaben für die Wirtschaftspolitik zu beschließen.

Tokio - Weiter auf Vollgaskurs? - Geldpolitische Kursbestimmung der Bank von Japan.

SONNTAG

Paris - Noch ein Sieg für Macron? - Zweite Runde der Parlamentswahlen in Frankreich.



insgesamt 145 Beiträge
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Seite 1
Denkt mal selber nach 11.06.2017
1. Die Vernunft des Henrik Müller
Ein Mann, der für den wirtschaftlichen Irsinn steht und uns allsontaglich zeigt, dass er entweder von Wirtschaft nicht versteht oder aber ganz bewusst Falschaussagen trifft. Das sich so jemand über den Irsinn anderer aufregt bringt eine gewisse Ironie mit sich. Aber wo er Recht hat hat er recht, die Notenbanken tun als einzige Instituotionen Ihren Job, auch die EZB und versuchen alles, was in ihrerer Macht steht. Die wird aber trotzdem scheitern, wenn die Politik (vor allem die deutsche) nicht endlich bregreift, dass der Exportwahnsinn gestoppt werden muss.
i.dietz 11.06.2017
2. kesse These
Notenbanken und Vernunft !
ronald1952 11.06.2017
3. Wenn es Knallt, dann Knallt es
halt, bzw es wird kanllen müssen denn so wie bisher kann und wird es nicht wieter gehen können. Von wegen ungezügeltes Wachstum das gibt es schon lange nicht mehr und mäßigen Wachstum auch nicht. Dazu noch die nicht erneuerbaren Recourcen, jeder der 1 und 1 zusammen zählen kann weis was früher oder später auf uns zu kommen wird! Auch diese Destruktive Geldpolitik kann so nicht weiterlaufen und die Bankenregulierung muss noch viel tiefgreifender sein als bisher. Man darf diesen Herrschaften keine Spielraum geben damit Sie Zocken können und damit unser aller Geld verbrennen.Im Grunde müssten wir alle ein paar Schritte zurück gehen und etwas langsamer machen auch und gerade mit unseren Recourcen und unsere Welt denn wir haben nur diese eine.Aber welcher Menschen hätte schon jemals genug Verstand bewiesen all diese Dinge zu Regeln? schönen Tag noch,
brooklyner 11.06.2017
4.
Hehe, gut erkannt. Dann liegen ja vielleicht die Leue, die seit Jahren auf die wahren Herren der Fed hinweisen, doch nicht so falsch? Jetzt müssen die Warburgs und Konsorten die Maske ein kleines Bisschen fallen lassen, weil sie gepennt haben, als Trump an die Macht kam. Sie wurden wohl etwas zu selbstgerecht und dekadent.
saftfrucht 11.06.2017
5. Die Höhe
Sinnvolle Beiträge erwarte ich schon gar nicht mehr, wenn ich den Namen Henrik Müller lese. Aber die NOTENBANKEN (ausgerechnet die, die uns durch ihre Politik kalt enteignen) als letzten Hort der Vernunft zu bezeichnen, das ist einfach nur die absolute Höhe und der Gipfel der Dummheit. Glückwunsch, Müller.
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