Handelskrieg mit China Trumps eingebildete Stärke

US-Präsident Donald Trump fühlt sich im Handelskrieg mit China überlegen. Und er hat gute Argumente dafür. Doch wenn es wirklich ernst wird, könnte Peking die ultimative Finanzwaffe einsetzen.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: John Minchillo/ AP

Es klingt wie eine chinesische Glückszahl: Exakt 333 Produkte aus Amerika stehen auf der Liste, die die chinesische Regierung am Mittwoch vorgelegt hat. Doch die Botschaft, die mit der Dreifachzahl verbunden ist, ist keine der Freude, sondern eine Kriegserklärung.

Auf 333 US-Waren, darunter Fischmehl, Fahrräder, Altpapier und Autos, im Wert von 16 Milliarden Dollar wird China demnächst Zölle von 25 Prozent erheben. Die Führung in Peking macht damit ihre Ankündigung wahr, die von US-Präsident Donald Trump verhängten Importbeschränkungen "im gleichen Umfang und mit gleicher Stärke" zu vergelten.

Während Trump mit den Europäern einen vorläufigen Waffenstillstand geschlossen hat, schaukelt sich der Handelskrieg zwischen den beiden größten Volkswirtschaften der Welt von Woche zu Woche hoch. Mit drastischen US-Einfuhrzöllen auf Waschmaschinen und Solaranlagen aus Asien hatte es begonnen, es folgten die Abgaben auf Stahl und Aluminium, und schließlich hat sich die Regierung Trump diese Woche neben wichtigen Industrieprodukten auch Selfiesticks, TV-Fernbedienungen und Gitarrenpedale aus China vorgeknöpft.

Auf mehr als 50 Milliarden Dollar jährlich addiert sich das betroffene Handelsvolumen inzwischen. Und der US-Präsident hat schon klargemacht, dass die Eskalation für ihn damit erst begonnen hat. Er droht, die gesamten Exporte Chinas in die USA im Umfang von 505 Milliarden Dollar pro Jahr zu besteuern. Und statt von zehn Prozent Zoll redet er nun von 25 Prozent.

Weder die Proteste der amerikanischen Wirtschaft gegen den Protektionismus, der ihre Lieferketten durcheinanderbringt, noch die wachsende Panik unter den Landwirten, die auf ihren Sojabohnen, Cranberrys und Kirschen sitzen bleiben, können Trump bisher stoppen. China sei "böse", twitterte der Präsident, weil es sich an den Bauern räche, "die ich liebe und respektiere". Aber der Versuch, ihn damit zum Einlenken zu zwingen, werde fehlschlagen.

Chinas gigantische Schuldenblase

Tatsächlich kann sich Trump in dem Konflikt als der Stärkere fühlen. China exportiert beinahe viermal so viel in die USA, wie es von dort importiert. 2017 verkauften die Chinesen ihrem wichtigsten Handelspartner Produkte im Wert von 505 Milliarden Dollar, kauften aber nur für 130 Milliarden Dollar ein.

Schon rein rechnerisch kann Peking die US-Zölle deshalb nicht in gleichem Umfang kontern. Dazu kommt, dass die ökonomische Ausgangsposition der USA derzeit so gut ist wie lange nicht. Im zweiten Quartal 2018 wuchs das Bruttoinlandsprodukt mit einer Jahresrate von mehr als vier Prozent. Manches kleinere Unternehmen dürfte der Zollkrieg des Präsidenten die Existenz kosten - makroökonomisch jedoch schlagen die Folgen allenfalls hinter dem Komma durch. Noch jedenfalls.

Hafen in der chinesischen Stadt Zhangjiagang

Hafen in der chinesischen Stadt Zhangjiagang

Foto: JOHANNES EISELE/ AFP

Folgen für das Wirtschaftswachstum seien bislang "nicht messbar", tönt Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow. Ein ähnliches Fazit ziehen auch unabhängige Experten: Die Gefahren für die globale Wirtschaft sind groß, die tatsächlichen Auswirkungen noch gering. Entsprechend unbeeindruckt zeigen sich die Börsianer: Der S&P-500-Index hat rund 1,3 Billionen Dollar an Wert gewonnen, seit Trump im Frühjahr inoffiziell den Handelskrieg erklärt hat.

China dagegen hat ein akutes konjunkturelles Problem: Das Wirtschaftswachstum hat sich verlangsamt, und das Land hat seit der Finanzkrise eine gigantische Schuldenblase aufgebaut. Einen Einbruch der Exporte kann Präsident Xi Jinping derzeit überhaupt nicht gebrauchen - er benötigt daher eine Einigung im Handelsstreit. So kalkuliert jedenfalls die Trump-Regierung. "Sie (die Chinesen) sind diejenigen mit der lausigen Wirtschaft", spottet Kudlow. "Schauen Sie sich deren Aktienmarkt an. Oder ihre Währung. Sie, nicht wir, stecken in Schwierigkeiten. Uns geht es großartig."

"China hat ein viel größeres Waffenarsenal als die USA"

Ob Trumps Poker-Gebaren sich auszahlt, ist dennoch fraglich. Die Verhandlungen stocken, schon weil niemand außer dem Mann im Weißen Haus Prokura hat. Die Führung in Peking hat signalisiert, dass sie zu Zugeständnissen bereit ist, nicht aber zur totalen Kapitulation, die Trump verlangt.

Und wenn es zur großen Schlacht kommt, ist das Land besser gerüstet, als es auf den ersten Blick scheint. "China verfügt über ein viel größeres Waffenarsenal als die USA", sagte Kristina Hooper, Chefanalystin der Investmentgesellschaft Invesco, dem Sender CNBC. "Zölle sind da nur die Spitze des Eisbergs."

China könnte der US-Wirtschaft über verschiedene Wege massiv zusetzen:

  • Einfachstes Mittel, um die amerikanischen Strafzölle zu kontern, wäre die Abwertung der eigenen Währung. Denn während die Zölle chinesische Waren für amerikanische Konsumenten verteuern, kann ein Kursverfall des Yuan diesen Effekt ausgleichen. Tatsächlich ist der Yuan Anfang August auf ein 14-Monats-Tief gefallen. Nach Ansicht von Beobachtern steckte dahinter zwar kein gezieltes Manöver der Chinesen - doch sie haben sich auch nicht aktiv gegen den Preisverfall gestemmt.
  • Ganz ohne offizielle Ankündigung kann Peking zudem Unternehmen das Geschäft mit bürokratischen Schikanen verleiden. Der amerikanische Chiphersteller Qualcomm   hat das erlebt. Die Wettbewerbsaufsicht zog die Prüfung der Qualcomm-Fusion mit dem Konkurrenten NXP so lange hin, dass der Konzern schließlich entnervt seine Pläne begrub.
  • Gerne bedient sich das Regime auch der unsichtbaren Hand des Marktes: Ein offizieller Wink an die Staatsmedien reicht aus, um einen Boykott gegen unliebsame Unternehmen anzustoßen. Als Südkorea ein umstrittenes Raketenabwehrsystem installierte, blieben dort urplötzlich die chinesischen Touristen aus, und südkoreanische Firmen verloren Marktanteile in China. In der "Global Times", dem Organ der Kommunistischen Partei, erschien jüngst ein Artikel, der im Weißen Haus die Alarmglocken schrillen lassen sollte. Der US-Riesenkonzern Apple  , der rund 20 Prozent seines Umsatzes in China macht, könnte zum "Unterpfand" im Handelskrieg werden, warnte der Autor mit deutlich drohendem Unterton. "Im Moment prüfen die chinesischen Führer nur das Schlachtfeld", sagte der renommierte China-Experte James McGregor von der Beratungsfirma APCO Worldwide dem "New York Times Magazine". Aber: "Irgendwann könnte es so sein, dass sie den Nationalismus nutzen und Wut gegen US-Unternehmen anfachen."
  • Ultima Ratio dürfte für die Chinesen sein, was Invesco-Expertin Hooper "die Nuklearoption" nennt: den Verkauf amerikanischer Staatsanleihen. Kein Land der Welt hält mehr US-Schuldenpapiere als China. Würde China die Anleihen abstoßen, würden die Kurse auf den globalen Märkten fallen und die Renditen der Papiere steigen. Für die hochverschuldeten USA würde es also teurer, neue Kredite aufzunehmen. China selbst kann daran kein Interesse haben, denn es hat ja die Dollar-Anleihen als sichere Währungsreserve gewählt. Aber: "Wenn es auf einen Zermürbungskrieg hinausläuft, dann wird China gewinnen", sagt McGregor voraus.

Trump Siegeserklärung jedenfalls dürfte voreilig gewesen sein. Zum ersten Mal schneide China verglichen mit den USA schlecht ab, twitterte er freudig, nachdem im Juli der chinesische Handelsüberschuss mit den USA gegenüber dem Vormonat leicht gesunken war. Die Zölle "schaden wirklich ihrer Wirtschaft", triumphierte der Präsident. "Wir gewinnen, aber wir müssen stark sein!"

Allerdings: Im Vergleich zum Vorjahr stiegen Chinas Exporte in die USA immer noch um mehr als zwölf Prozent. Mit dieser Art Niederlage dürfte die Führung in Peking ganz zufrieden sein.


Zusammengefasst: Donald Trump zeigt sich im Handelsstreit mit China siegessicher. Er setzt darauf, dass China mehr in die USA exportiert als umgekehrt - und deshalb angreifbarer ist. Aber die Chinesen haben noch andere Mittel, etwa die Abwertung der Währung oder Schikanen gegen US-Konzerne. Die stärkste, aber zugleich auch riskanteste Waffe wäre ein groß angelegter Verkauf von US-Staatsanleihen.

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