Klaus Brinkbäumer

US-Präsident in Davos Das Engelchen Trump

Der Davoser Trump war ein gezähmter Trump - für seine Verhältnisse. Die Weltelite, die vorgibt, ihn abzulehnen, scharte sich um den US-Präsidenten. Das könnte zum Problem für Merkel, Macron und Co. werden.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: FABRICE COFFRINI/ AFP

Erleichtert. Beruhigt lächelnd. Erschöpft. So verließen die Bewohner des Planeten Davos nach Donald Trumps Rede das Kongresszentrum. Beleidigungen und sonstige diplomatische Katastrophen waren ausgeblieben, der Westen war auch noch nicht untergegangen, und Trump hatte einen Satz gesagt, der ein neuer Slogan werden könnte, einen Satz sogar, den auch Emmanuel Macron für Frankreich oder Angela Merkel für Deutschland hätten sagen können. "America First does not mean America alone" - wer die eigene Nation zuerst im Blicke habe, der müsse nicht auf Partner verzichten.

Der Davoser Trump war ein gezähmter Trump, ein milder Trump, für Trumps Verhältnisse. Er stand zwar mit zusammengekniffenen Augen, zu langem Schlips und überbräunt dort oben auf dem Podium, sah also aus wie immer. Aber er redete gut. Fehlerfrei. Trump las vom Teleprompter ab, der für das Publikum nicht zu sehen war - ein souveräner Präsident, so sollte es wirken, und so wirkte es.

Vielleicht war es bloß Zufall. Die aggressiveren Reden Donald Trumps schreibt Stephen Miller, und Miller hatte diesmal keine Zeit, da er mit Trumps "State of the Union"-Ansprache der kommenden Woche beschäftigt ist. Darum hatte Gary Cohn, nationaler Wirtschaftsberater, die Davoser Rede verfasst. Cohn war einst bei Goldman Sachs und weiß, was die Bewohner des Planeten Davos gern hören.

"Amerikas Zukunft war nie strahlender"

Von Deregulierung und Investitionen, sinkenden Steuern und steigenden Kursen redete also Trump. Hätten "die anderen", Hillary Clintons Leute, die Wahl gewonnen, wären die Börsenkurse um 50 Prozent eingebrochen, das lässt sich wunderbar behaupten - unter ihm seien diese Kurse um 50 Prozent gestiegen. Amerika sei zurück: Jene "nicht gewählten Bürokraten", die das Land verlangsamt hätten, spielten keine Rolle mehr; "Amerikas Zukunft war nie strahlender". All dies liege naturgemäß an ihm, Donald J. Trump, dem ersten Geschäftsmann im Weißen Haus, nach all diesen nichtsnutzigen Generälen und Berufspolitikern, so sagte er das.

Und dann kam gar ein Engelchen namens Donald über die Davos-Menschen nieder. "Die Großartigkeit einer Nation besteht in der Summe ihrer Bürger", flötete es, "lasst uns alle zusammen ihnen unsere Liebe und unsere Dankbarkeit schicken". War das seine Antwort auf die vergangenen Tage? Disruption auf die kuschelige Art?

Video: Trump in Davos

SPIEGEL ONLINE

In den Tagen vor der Trump-Rede hatte sich in Davos ja bereits eine neue Welt sortiert. Voreilig, wie man jetzt weiß.

Die Staatschefs vieler, vieler Länder hatten Reden gegen Trump gehalten, indirekt, natürlich ohne Trump namentlich zu nennen. Sie hatten von einem zu stärkenden Europa und von der zu stärkenden Weltgemeinschaft geredet, das Wort "Multilateralismus" fiel oft, das Wort "Klimawandel" auch, der "gemeinsame Kampf" wurde wieder und wieder ausgerufen. Der neue Anführer des liberalen Westens, Emmanuel Macron, war so frech, einen Scherz zu machen: So viel Neuschnee in Davos - glücklicherweise sei diesmal kein Klimawandelleugner eingeladen...

Und all diese Staatschefs sprachen natürlich immer wieder aufs Neue davon, "alle Menschen mitzunehmen", da Globalisierung und Digitalisierung "niemanden zurücklassen" dürften. All die Trudeaus, Macrons, Modis und Merkels umwarben die Mittelschicht und die Arbeiter, und kritische Worte an die Konzernchefs im Saal fehlten nicht. Gewinne seien für die Gemeinschaft einzusetzen (so Macron), andernfalls werde das System kollabieren, und zwar bald (so Trudeau).

Lügen und Denunziation freier Medien

Deshalb war erwartet worden, dass Trump an diesem Freitag isoliert sein würde, aber so kam es nicht. Die Davoser Gastgeber waren überaus nett zu ihm, zu nett. Dass Klaus Schwab höflich jeden Gast umgarnt, ist sein Trick, darum kommen all die Gäste gern wieder. Aber dem amerikanischen Präsidenten lieb zur Steuerreform zu gratulieren und dann zu sagen, in Trumps Fall komme es zu "Fehlwahrnehmungen und voreingenommenen Interpretationen", das war eine Umdrehung zu viel und kam einer Entgleisung nahe: Trump hat in einem Jahr im Weißen Haus rund 2000 nachgewiesene Lügen und Falschaussagen geliefert - und auch hier in Davos jammerte er wieder, "wie fies, wie gemein, wie bösartig und wie falsch die Presse" sei. Beides, die eigenen Lügen und die damit verbundene Denunziation freier Medien, ist antidemokratisch - Schwab lächelte dazu, nein, das war nicht sein größter Moment dieser Tage.

Aber andere machten es nicht anders. Benjamin Netanyahu ist sowieso treu an Trumps Seite, doch auch die Konzernchefs von Siemens oder Adidas suchten dessen Nähe und wurden prompt von Trump für "großartig" und zu "neuen Freunden" erklärt. Steht es Joe Kaeser wirklich gut, sich ähnlich verhuscht wie Trumps Minister der Nummer eins zu unterwerfen, während in Deutschland Siemens-Arbeitsplätze abgebaut werden sollen?

Und die vielen Hedgefonds-Manager auf den Davoser Partys wollten zwar nicht namentlich zitiert werden, aber auch sie schwärmten vom neuen Amerika, denn Steuererleichterungen und Deregulierung lassen Dax und Dow Jones steigen. "Er mag etwas irre sein, aber er nimmt uns die Fesseln", das sagte ein norwegischer Wall Streeter beim Rum spät in der Nacht.

Ein Bermuda-Quartett

Es geht beim Weltwirtschaftsforum seit vielen Jahren zugleich um Wirtschaft, Technologie und Politik. Um vier Gruppen, vier Pole ging es diesmal auf dem Planeten Davos: Weltpolitiker, Wirtschaftselite, die Regierung Trump, die Bürger.

Ein Bermuda-Quadrat: Politikerinnen wie Merkel wollen ausgerechnet jene Bürger wieder gewinnen, die zuletzt Populisten wie Trump hinterherliefen, der schließlich versprochen hatte, sich gegen die Eliten zu wenden; aber von diesen, den wirtschaftlichen Eliten jedenfalls, wird Trump nun hofiert, weil er für sie (und sich selbst) Politik und damit natürlich gegen die Arbeiter Politik macht, für welche er aber nach wie vor Wahlkampfreden hält. Nein, übersichtlicher ist die Lage an diesem Freitag gewiss nicht geworden.

Wer hat die Macht, wer kann was erreichen? Und welche Bündnisse formen sich nun?

"Eine Welt mit vielen Brüchen und Rissen" sieht Emmanuel Macron. Das stimmt, und diese fragile Welt sollte sich auf einen Donald Trump einstellen, der zu kämpfen bereit ist.