IWF-Treffen in Washington Das größte Risiko heißt Trump

Die Wirtschaft im Aufschwung, die Börsen auf neuen Rekordhöhen - eigentlich gäbe es beim Treffen des Internationalen Währungsfonds keinen Grund zur Sorge. Wenn da nur nicht Donald Trump wäre.
Finanzminister Schäuble mit IWF-Chefin Lagarde

Finanzminister Schäuble mit IWF-Chefin Lagarde

Foto: YURI GRIPAS/ REUTERS

Philipp Hildebrand sitzt in einem Büro in Washington, das Weiße Haus ist gerade mal 500 Meter entfernt. Und noch einmal 500 Meter weiter treffen sich gerade die Finanzminister und Notenbankchefs der Welt beim Internationalen Währungsfonds (IWF). Früher saß Hildebrand selbst in diesen Runden mit am Tisch. Bis 2012 war er Präsident der Schweizer Notenbank. Mittlerweile ist er Vizechef des weltgrößten Vermögensverwalters Blackrock. 5,7 Billionen Dollar verteilt das Unternehmen in Investments rund um den Globus - eine Macht an den internationalen Finanzmärkten.

Hildebrand kennt die Prognosen für die Weltwirtschaft: 3,6 Prozent Wachstum 2017 - deutlich mehr als noch im Vorjahr. Von einem starken und breiten Aufschwung spricht der IWF - und auch Hildebrand meint, dass die Dinge eigentlich ganz gut laufen.

Und doch hat er eine Sorge: Die Politik, sagt Hildebrand, sei derzeit "der größte Unsicherheitsfaktor" für die Weltwirtschaft. "Wenn sich für den Rest der Welt die Frage ergibt, ob die USA noch ein verlässlicher Anker des Systems sind, dann kann das ernsthafte Konsequenzen haben."

Tatsächlich waren die USA immer der wichtigste Anker des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Wenn es hier lief, lief es meist auch im Rest der Welt. Und wenn es hier krachte, krachte es rund um den Globus. So war es nach 1929 - und so war es auch 2007, als in den USA massenhaft Immobilienkredite zusammenkrachten und sich die Krise wie ein Virus ins Weltfinanzsystem fraß.

Diesmal könnte das Virus Donald Trump heißen. Der US-Präsident, so scheint es, setzt mit seiner nationalistisch geprägten "America First"-Politik vieles von dem aufs Spiel, was die internationale Gemeinschaft in den vergangenen Jahrzehnten erreicht hat: freien Handel, Multilateralismus und weitgehenden Frieden. Ob er Strafzölle gegen Kanada verhängt, das Klimaabkommen von Paris sprengt oder Nordkorea mit Krieg droht: Trump lässt die Welt erschaudern - wenn auch die unmittelbaren Konsequenzen seiner Polterei bisher begrenzt sind.

Immer neue Rekorde an den Börsen

An den Finanzmärkten wird Trumps Risikokurs weitgehend ausgeblendet. In der vergangenen Woche erreichten alle drei wichtigen US-Aktienindizes historische Höchststände. Und auch in Deutschland sprang der Aktienindex Dax erstmals überhaupt über die Marke von 13.000 Punkten. Möglich macht das neben der guten Konjunktur vor allem das billige Geld der Zentralbanken. Es feuert die Märkte an. An politische Gefahren wollen da offenbar nur die wenigsten denken.

Dabei spielten diese Gefahren beim IWF-Treffen in Washington durchaus eine gewichtige Rolle. Man habe darüber diskutiert, was schiefgehen könnte, berichtete am Samstag etwa Mario Draghi, der Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), aus den Verhandlungen. Dabei sei unter anderem die Sorge vor geopolitischen Risiken und Protektionismus geäußert worden. Auf welche Länder sich das beziehe, wollte Draghi nicht sagen. Doch jeder wusste, dass damit vor allem die USA gemeint waren.

Auch die IWF-Chefin Christine Lagarde hatte zuvor deutliche Worte gefunden. Der freie Welthandel habe in den vergangenen Jahrzehnten zu Wachstum und Wohlstand geführt. "Wir müssen das sichern", sagte Lagarde, ohne Trump oder die USA explizit zu erwähnen. Wie wenig die Experten des Währungsfonds dabei derzeit auf die USA setzen, zeigte auch ihr Weltwirtschaftsausblick. Die USA sind demnach eines der wenigen Länder, die nicht zur Erhöhung der Wachstumsprognose für dieses und nächstes Jahr beitragen. Grund seien "signifikante politische Unsicherheiten", etwa über die von Trump geplante Steuerreform. So zweifeln die IWF-Experten daran, wie Trump die Steuergeschenke für Unternehmen und weite Teile der Bevölkerung finanzieren will.

Die Reaktion aus der US-Regierung kam prompt: Trumps Finanzminister Steven Mnuchin forderte, der Fonds müsse effektiver werden. Das erfordere Einschnitte, möglicherweise auch beim Gehalt der Mitarbeiter.

Es knirscht also gewaltig zwischen dem IWF und den USA - auch wenn etwa der scheidende deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble betonte, die Gespräche mit den Amerikanern seien sehr konstruktiv gewesen.

Und dennoch wurde auf Schäubles letzter Auslandsreise als Finanzminister deutlich, wie sehr sich auch er um die Zukunft der offenen, globalisierten Welt sorgt: Man dürfe nicht zurückfallen in nationale Lösungen, mahnte Schäuble etwa bei einem Vortrag vor Bankmanagern. Und zitierte François Mitterrand: "Le nationalisme, c'est la guerre", hatte der frühere französische Präsident einst gewarnt. "Der Nationalismus ist der Krieg." So weit sollte es diesmal nicht kommen.

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