Russland-Affäre und die Finanzmärkte "Ein wütender Trump wäre fatal für die Börsen"

Die Politaffäre um Donald Trump lässt Investoren am Aufschwung zweifeln. Ist der Hype an den Börsen schon vorbei? Ökonom Thomas Mayer erklärt, warum die Führungskrise zum Problem für die Wirtschaft werden kann.

Börse Frankfurt
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Ein Interview von


An der Wall Street kehrt in diesen Tagen die Angst zurück: Denn die Russlandaffäre um Donald Trump sorgt für große Unsicherheit unter Investoren. Die Kurse an den New Yorker Börsen rutschten deutlich ins Minus, der wichtige Aktienindex Dow Jones fiel am Mittwoch um rund 1,8 Prozent - es war der größte prozentuale Tagesverlust seit September vergangenen Jahres. Auch der Dollar verlor im Vergleich zu anderen Währungen an Wert.

Ein ungewohntes Bild - denn seit Trump im Amt ist, ging es an den Börsen eigentlich nur bergauf. Doch jetzt fürchten Anleger, dass der Börsenaufschwung beendet sein könnte.

Thomas Mayer, Direktor des Flossbach von Storch Research Institute, warnt im Interview mit SPIEGEL ONLINE vor einer sich ausweitenden Führungskrise, die die US-Wirtschaft beschädigen und für fallende Kurse an den Börsen sorgen könnte. Ein Amtsenthebungsverfahren hingegen könnte sich für die Anleger als positives Szenario entpuppen.

Zur Person
  • imago/Gerhard Leber
    Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute in Köln und Honorar-Professor an der Universität Witten-Herdecke. Zuvor war er Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gruppe und Leiter von Deutsche Bank Research. Außerdem arbeitete er bei Goldman Sachs, Salomon Brothers, dem Internationalen Währungsfonds und dem Institut für Weltwirtschaft in Kiel.

SPIEGEL ONLINE: Das Politchaos im Weißen Haus hat die Rekordjagd an der Wall Street gestoppt. Warum reagieren die Börsen so empfindlich auf die Krise in Washington?

Mayer: Die wesentlichen Kurstreiber der vergangenen Monate waren die Erholung der Wirtschaft und gute Unternehmensergebnisse. Einige Anleger hatten auf eine noch stärker anziehende US-Wirtschaft unter dem neuen US-Präsidenten gehofft. Nun zeigt sich, dass diese Anleger zu optimistisch waren und jetzt enttäuscht werden, weil er nicht das liefert, was er versprochen hat.

SPIEGEL ONLINE: Was fürchten die Investoren jetzt?

Mayer: Sie haben die Sorge, dass sich die Führungskrise ausweitet. Der Markt hat verkraftet , dass Trump seine Versprechen - ein Konjunkturprogramm, eine Steuerreform und die Deregulierung der Finanzbranche - nur eingeschränkt umsetzen kann. Aber wenn die Führungskrise die US-Wirtschaft beschädigt, wäre das sehr schlecht für den Markt.

SPIEGEL ONLINE: Welcher Ausgang der Führungskrise wäre am schlimmsten für die Börsen?

Mayer: Bisher sind die Börsen noch nicht stark eingestürzt, weil der wirtschaftliche Aufschwung in den USA auf solidem Fundament steht und die US-Wirtschaft wächst. Doch das könnte sich ändern, sobald sich die Krise länger hinzieht und es ein Hickhack zwischen dem Weißen Haus und dem Kongress gibt. Dann wären Trump und seine Regierung handlungsunfähig. Die Unsicherheit unter Investoren und Verbrauchern würde zunehmen, das könnte die US-Wirtschaft schwächen.

SPIEGEL ONLINE: Wie würde sich Trump in so einem Fall verhalten?

Mayer: Es bestünde dann das Risiko, dass Trump immer wütender wird. Er könnte sich als ein vom System verratener Präsident inszenieren, der um jeden Preis seinen Wählern Stärke demonstrieren will. Wir hätten dann einen um sich schlagenden, irrational handelnden Präsidenten, der beispielsweise militärische Konflikte anzettelt und beim Thema Nordkorea den Kopf verliert. Solch ein Präsident wäre für die Börsen fatal.

SPIEGEL ONLINE: Erste Beobachter erwarten ein Amtsenthebungsverfahren gegen Trump. Wie würden darauf die Börsen reagieren?

Mayer: Auch das wäre ein großer Schock für die Märkte - die Kursrückschläge wären aber nur von kurzer Dauer. Denn dann würde US-Vizepräsident Mike Pence nachrücken. Und der hat in der Wirtschaft einen guten Stand und genießt den Rückhalt der Republikaner. Er könnte Trumps wirtschaftsfreundlichen Kurs fortsetzen - solch ein Ausgang der Krise wäre für die Börsen also gar nicht schlecht. Ich halte ihn aber derzeit für sehr unwahrscheinlich.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Börsen inzwischen anfälliger für politische Krisen geworden?

Mayer: Die Unsicherheit über politische Entwicklungen ist an den Börsen nicht neu. Das geht schon seit Monaten so. Unvorhergesehene Ereignisse wie der Brexit haben die Börse einstürzen lassen. Das wäre bei einem Wahlsieg Le Pens in Frankreich wahrscheinlich noch schlimmer gekommen. Die vergangenen Monate haben aber auch gezeigt, dass die Kurse sich nach politischen Überraschungen relativ schnell wieder erholen. Denn der globalen Weltwirtschaft geht es einfach gut.

SPIEGEL ONLINE: Viele Anlagestrategen raten jetzt, europäische Aktien zu kaufen, denn die seien günstiger als US-Titel und dürften sich besser entwickeln. Ist der europäische Markt tatsächlich attraktiver?

Mayer: Diese Sichtweise greift zu kurz. Die Krise in Washington hat in dieser Woche auch die europäischen Börsen stark ins Minus gezogen. Denn Europas Firmen sind sehr vom Export abhängig und sind stark mit der US-Wirtschaft verflochten. Ein Rezession in den USA würden wir in Europa genauso spüren. Im Übrigen sind qualitativ hochwertige Unternehmen in Europa so teuer wie in den USA.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten Anleger mit der Situation umgehen?

Mayer: Gerade jetzt gilt der viel zitierte Spruch: Politische Börsen haben kurze Beine. Anleger sollten auf politische Krisen am besten gar nicht reagieren, weil sie sonst in Panik verfallen und Fehler begehen. Langfristig orientierte Anleger sollten vielmehr darauf achten, wie sich die globale Weltwirtschaft entwickelt. Und bei diesem Blick zeigt sich: Es gibt derzeit keine Anzeichen für eine weltweite Rezession - deshalb sollten Anleger jetzt nicht panisch Aktien verkaufen. Aber sie sollten sich darauf einstellen, dass es immer mal wieder deutliche Rücksetzer geben kann.



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mimas101 20.05.2017
1. Nun Ja
es wäre besser die Wirtschaft würde sich ums Geschäft kümmern, den Endverbraucher wieder in den Mittelpunkt ihrer Geschäftchen stellen und den Wettbewerb vervielfachen pp. Geld wieder ansparen für Investitionen anstelle in Monsterbezüge zu verbraten. Und das wäre noch nicht alles: Wie wäre es mit Alternativplänen, schließlich ist weder Kaufkraft, Konsumlaune, Geld, Nachfrage und deren Wünschen pp eine unabänderliche Konstante, egal wie monopolistisch man so manches in den Mart drücken will. In der Politik hat die Wirtschaft nix verloren und ihr hat auch das politische Umfeld egal zu sein.
karl-der-gaul 20.05.2017
2.
Zitat....Die Kurse an den New Yorker Börsen rutschten deutlich ins Minus, der wichtige Aktienindex Dow Jones fiel am Mittwoch um rund 1,8 Prozent - Zitat Ende. Und Donnerstag und Freitag hat der Dow fast alles wieder zurück gewonnen.
Darwins Affe 20.05.2017
3. Ganz baff
Erstaunlich, dass SPON auch mal einen Fachmann zu Wort kommen lässt, der nicht alles unter einer pseudo-religiösen-politischen Brille sieht. Wirtschaft und Wohlstand wachsen häufig am besten, wenn die Politik sich nicht einmischt.
mimas101 20.05.2017
4.
Zitat von Darwins AffeErstaunlich, dass SPON auch mal einen Fachmann zu Wort kommen lässt, der nicht alles unter einer pseudo-religiösen-politischen Brille sieht. Wirtschaft und Wohlstand wachsen häufig am besten, wenn die Politik sich nicht einmischt.
Nach diese Theorie würden wir heute noch außerhalb ausgewählter Straßenzügen in lukrativen Ballungszentren in Ruinen und Kellern hausen und Strom gäbe es auch nicht. Nö - der Staat muß schon Vorgaben machen und schauen das einiges gleich verteilt wird (kennen wir als soziale Marktwirtschaft, die Amis übrigens auch). Im Rahmen dessen kann sich dann die Wrtschaft entsprechend bewegen und muß dann hin und wieder auf die rechte Bahn zurückgeführt werden. ansonsten kriegen wir das was wir gerade haben: Sündhaft teure Handys, Tabletten, TVs pp die eine garantierte Haltbarkeit von max. 2x18 Monaten haben und wo der Hersteller mittlerweile auf der Nase der Kundschaft lustigst herumtanzt. Ein Staat darf aber nicht den Fehler begehen sich von der Wirtschaft abhängig zu machen sondern muß jederzeit die Oberhoheit behalten. So und jetzt gucken wir mal wie es auf dem Wohnungs- und Mietmarkt aussieht. Aha nix Sozialwohnungen, nur Investorengeschmeiß das vermutlich für Wohnungsleerstände auch noch Steuernachlässe bekommt. Dafür hat die Mehrheit immer mehr Probleme die Miete bezahlen zu können. In anderen Staaten läuft das erheblich besser.
kuac 20.05.2017
5.
Zitat von Darwins AffeErstaunlich, dass SPON auch mal einen Fachmann zu Wort kommen lässt, der nicht alles unter einer pseudo-religiösen-politischen Brille sieht. Wirtschaft und Wohlstand wachsen häufig am besten, wenn die Politik sich nicht einmischt.
Schonmal von dem freien Manchesterkapitalismus und Sklaverei gehört? Wer hatte diese Dinge abgeschaffen müssen? Wollen Sie sie wieder zurück haben?
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