Streit zwischen USA und China Bumerang aus Peking

US-Präsident Donald Trump wollte die chinesische Wirtschaft schwächen. Das ist ihm gelungen. Den Preis aber zahlen auch Amerikas Unternehmen.
Industrie in Philadelphia, USA

Industrie in Philadelphia, USA

Foto: David Parrott/ REUTERS

Es ist noch nicht lange her, da hatte Donald Trump etwas zu feiern. Es zeige sich, dass die Importzölle der chinesischen Wirtschaft "richtig wehtun", freute sich der US-Präsident im vergangenen August und gab Durchhalteparolen an seine gebeutelten Bauern aus: "Wir gewinnen, aber wir müssen stark sein", twitterte er.

Knapp ein halbes Jahr später ist man im Weißen Haus deutlich kleinlauter. Die Verhandlungen im Handelsstreit mit Peking wurden wieder aufgenommen, und beide Seiten geben sich diesmal konstruktiv. "Die Gespräche mit China laufen sehr gut", kommentierte Trump vergangene Woche friedfertig.

Hinter den versöhnlichen Tönen dürfte ein Schadensereignis stecken, das nicht beim Handelsgegner, sondern zu Hause in Amerika stattgefunden hat: Seit Apple seine Umsatzprognosen wegen des schwächelnden iPhone-Absatzes nach unten korrigiert hat, herrscht an den Börsen Zukunftsangst. "Apple hat die Märkte mit seiner China-Warnung erschüttert. Wer wird der Nächste sein?", fragte das "Wall Street Journal" beunruhigt.

Unternehmen melden Probleme im China-Geschäft

Tatsächlich haben in den vergangenen Monaten schon eine Reihe von US-Unternehmen Alarm geschlagen, was das China-Geschäft angeht.

  • Der Barbie-Hersteller Mattel warnte im Oktober, dass "wir eine Verlangsamung in unserem China-Geschäft sehen". Nur ein unerwartet guter Absatz der Modepüppchen in den USA glich die Einbußen vorläufig aus.
  • Beim Schmuckhersteller Tiffany trug die nachlassende Konsumfreude chinesischer Touristen in den USA und Hongkong dazu bei, dass der Umsatz im dritten Quartal die Erwartungen enttäuschte.
  • Die kalifornische Weinindustrie meldete für die ersten zehn Monate 2018 einen Rückgang der Exporte nach China um 15 Prozent.
  • Der Autokonzern Ford verkaufte in China bis November 30 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Allein im November brachen die Absätze um 50 Prozent ein.
  • GM meldete einen Rückgang seines Chinaabsatzes im dritten Quartal um 15 Prozent.
  • Der Elektroautohersteller Tesla, der bei Shanghai ein neues Werk baut, senkte die Preise für einige seiner Modelle, um die Kundschaft bei der Stange zu halten.
  • Der Logistikkonzern FedEx korrigierte seine Gewinnerwartungen für 2019 nach unten, weil sich der Welthandel abgeschwächt habe.

Noch sind dies Einzelmeldungen, aber sie fügen sich zu einem Bild zusammen, das den Investoren missfällt. Die Investmentbank Barclays hat ihre Prognose für das Kurs-Gewinn-Verhältnis der S&P 500-Werte für 2019 von 17 auf 16 gesenkt und begründete das damit, dass sich die Aussichten für die Weltwirtschaft vor allem wegen der Abschwächung in China verschlechtert hätten. Der IWF hat seine Wachstumsprognose für das Land von 6,4 auf 6,2 Prozent für 2019 herabgesetzt, das wäre die niedrigste Rate seit Anfang der Neunzigerjahre.

Gedämpfte Konsumlust

Für die Misere trägt Trump nicht die alleinige Verantwortung, auch wenn der IWF auf die "negativen Folgen der jüngsten Zoll-Aktionen" verweist. Peking hat hausgemachte Probleme, so einen riesigen Schuldenberg der Unternehmen. Aber Trumps Strafzölle belasten die Wirtschaft zusätzlich, und die Angst vor einer Eskalation drückt auf die Stimmung nicht nur der Börsianer, sondern auch der Verbraucher. Im November ist der Anstieg der chinesischen Einzelhandelsumsätze so niedrig ausgefallen wie seit 15 Jahren nicht.

Passanten in Hongkong (Archiv)

Passanten in Hongkong (Archiv)

Foto: Jerome Favre/ dpa

Eine derartige Kaufunlust auf dem am schnellsten wachsenden Konsummarkt der Welt trifft auch viele US-Konzerne, selbst wenn Amerikas Konjunktur insgesamt dank des riesigen Binnenmarktes weniger anfällig ist als andere Volkswirtschaften. Mehr als acht Prozent der von US-Unternehmen exportierten Waren und Dienstleistungen gehen nach China. Und: Von 2000 bis 2018 sind diese Exporte um 530 Prozent gestiegen.

Während Trump also Krieg gegen Chinas Exporteure führt, hat sich die Fabrik der Welt längst zum Kaufhaus der Welt gewandelt - und die Waren in den Regalen liefern auch Hersteller aus Kalifornien, Michigan oder Pennsylvania. Und so bescherte sein Feldzug dem Mann im Weißen Haus einen ersten Pyrrhussieg: Im Dezember sind Chinas Exporte in die USA um 3,5 Prozent gesunken - doch die Importe schrumpften zugleich um 35,8 Prozent. Das Resultat: der höchste bilaterale Überschuss Chinas seit Anfang 2016.

Tech-Branche besonders exponiert

Der China-Blues wird nicht nur Apple treffen. "Da wird noch mehr kommen", prognostiziert Stephanie Link von der Investmentgesellschaft Nuveen im Sender CNBC. Noch haben die meisten Konzerne keine Quartalsergebnisse veröffentlicht. Doch die Analysten haben damit begonnen, die Schwachen im Geleitzug zu identifizieren, die wie Apple einen erheblichen Anteil ihres Umsatzes in Asien erzielen.

So ist China der weltweit größte Absatzmarkt für Halbleiter. Konzerne wie Intel, Qualcomm und Texas Instruments, das fast die Hälfte seines Umsatzes im dritten Quartal in China erzielt hat, stehen unter verschärfter Beobachtung.

Die Tech-Branche ist besonders exponiert. Der Investmentbank Barclays zufolge haben die Technologiewerte des S&P-500-Index 60 Prozent ihres Umsatzes auf internationalen Märkten erzielt, doppelt so viel wie im Durchschnitt aller Werte. Die Abschwächung aber trifft nicht nur die Exporteure, sondern auch die, die vor Ort produzieren.

Empfehlung für Starbucks herabgestuft

Starbucks-Filiale in Shanghai (Archiv)

Starbucks-Filiale in Shanghai (Archiv)

Foto: AFP

Viele US-Unternehmen haben ihre Hoffnungen auf Chinas raketenhaften Aufstieg gebaut. GM verkauft heute schon mehr Autos in China als in Nordamerika. Für Starbucks, das seinen Kaffee bereits an 3600 Standorten ausschenkt, soll China absehbar zum größten Markt vor den USA werden. Ein Szenario, das nun Alarm auslöst: Goldman Sachs hat die Aktienempfehlung der Kaffeekette herabgestuft.

Der Flugzeughersteller Boeing rechnet damit, dass China bis 2036 fast 8000 Jets im Wert von mehr als einer Billion Dollar ordern wird. Der Energiekonzern Westinghouse, der 2017 Konkurs angemeldet hat, hofft, dass das Reaktorgeschäft in China ihm eine neue glänzende Zukunft verschafft.

Ob sich diese Prognosen noch halten lassen, bleibt abzuwarten. So wie Apple dürfte dabei der eine oder andere Konzern versucht sein, eigenes unternehmerisches Versagen der Konjunkturentwicklung anzuhängen. Die Abkühlung in China gebe dafür die notwendige "Deckung", argwöhnt Dan Clifton von der Vermögensberatung Strategas Research.

Trump scheint weniger entspannt

So hatte Ford Probleme in China, lange bevor die Wirtschaft ins Trudeln geriet. Und andere zeigen, dass man auch unter widrigen Umständen reüssieren kann. Der Turnschuhfabrikant Nike hat seinen Umsatz in China im Quartal zu Ende November um satte 26 Prozent gesteigert. Die schwächelnde Region schnitt damit am besten ab.

Im Weißen Haus hat man sich zur Vorwärtsverteidigung entschlossen. "Es wird nicht nur Apple sein", erklärte Chefökonom Kevin Hassett freimütig: "Verdammt viele US-Unternehmen, die in China verkaufen, werden im nächsten Jahr erleben, dass ihre Umsatzerwartungen herabgestuft werden, bis wir einen Deal mit China hinkriegen." Danach, meint der Trump-Berater gelassen, würden sich die Umsätze schon wieder normalisieren.

Der Präsident selbst allerdings scheint nicht mehr ganz so entspannt. Noch im Herbst habe dieser nur "über Zölle, Zölle, Zölle geredet", sagte Aktienexperte Clifton CNBC. Dann aber habe er plötzlich angefangen, von einem "großartigen Deal" zu schwärmen.

Womöglich hat Trump eine Ahnung überkommen, dass seine Strategie nach hinten losgeht.


Zusammengefasst: Mit seiner Zollpolitik wollte US-Präsident Trump Chinas Vormarsch in den USA stoppen. Spätestens nach der Umsatzwarnung von Apple, die der Konzern auf Probleme im chinesischen Markt zurückführt, zeigt sich, dass sich der von Trump angezettelte Handelsstreit zum Bumerang für viele US-Firmen entwickelt. Darunter leiden nicht nur Autohersteller wie Ford und Tesla, sondern beispielsweise auch die Kaffeehauskette Starbucks. Auch wenn einige der Unternehmen schon Probleme hatten, bevor China schwächelte, ist Trump inzwischen kleinlaut geworden - und setzt inzwischen auf Gespräche.

Anmerkung: In einer früheren Version hieß es, der Flugzeughersteller Boeing rechnet damit, dass China bis 2036 fast 8000 Jets im Wert von mehr als einer Milliarde Dollar ordern wird. Tatsächlich sind es mehr als eine Billionen Dollar. Die entsprechende Stelle wurde korrigiert.

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