Trumps US-Chefökonom Gary Cohn Frust im Tollhaus

Als eine der letzten moderaten Figuren verharrt Chefökonom Gary Cohn in der US-Regierung, obwohl ihn Trump schwer frustriert. Warum? Weil er sich höhere Weihen erhofft.
Trump und Cohn in Hamburg

Trump und Cohn in Hamburg

Foto: Michael Sohn/ AP

Gary Cohn ist nicht glücklich. Der frühere Präsident der US-Investmentbank Goldman Sachs, so ist zu hören, sei "empört", "angewidert", ja "entsetzt". Freunden soll er anvertraut haben, dass er kaputtgehe "in diesem Tollhaus".

Dieses "Tollhaus" ist das Weiße Haus. Dort soll Cohn eigentlich die US-Wirtschaftspolitik steuern, als Donald Trumps Chefökonom. Doch als einer der letzten Wall-Street-Insider, die noch zum Präsidenten stehen, ist er so frustriert, dass auch er angeblich am liebsten gehen würde.

"Diese Regierung kann und muss besser werden", sagte Cohn der "Financial Times" am Freitag über Trumps anfangs zögerliche Verurteilung rechtsextremer Gewalt, den jüngsten Streitpunkt der beiden. Er habe das Trump auch persönlich gesagt.

Das Weiße Haus dementierte vorige Woche eilig die immer lauter werdenden Rücktrittsgerüchte um Cohn, die sogar die Börsen scheu machten. "Alles bleibt so, wie es ist. Alle anderslautenden Berichte sind hundertprozentig falsch."

Das heißt wenig. In Trumps Chaos-Club war Cohn, ein maßvoller Demokrat, schon immer ein Fremdkörper. Je länger er bleibe, warnen Freunde, umso größer der Schaden für seinen guten Ruf. "Wieso tut er nicht das einzig Richtige und wirft hin?", fragte der Ex-Banker William Cohan in "Vanity Fair" .

Cohn scheint nur noch eine Aussicht zu haben

Wie viele in der US-Regierung ging Cohn einen faustischen Pakt ein: Er setzte sein Renommee aufs Spiel für das Versprechen von Macht und Einfluss. Doch die endlosen Intrigen im Weißen Haus, Trumps Tiraden und dessen selbstverschuldete, zunehmende Isolation haben Cohn desillusioniert.

Mittlerweile hat der 56-Jährige eine andere berufliche Option im Blick - und sie erklärt wohl auch seinen Verbleib im Präsidentenstab: Er hofft, dass Trump ihn zum Nachfolger von Notenbankchefin Janet Yellen ernennt.

Das wäre kein schlechter Trost für einen, der mit Trump sein größtes Risiko wagte, nachdem ihm die ultimative Wall-Street-Karriere versagt geblieben war. "95 Prozent meiner großartigen Entscheidungen begannen als schlechte Entscheidungen", sagte Cohn auf dem Höhepunkt der Finanzkrise 2009.

Wie Cohn ins Weiße Haus kam

Dass Goldman Sachs   die besser überstand als andere, war auch ihm zu verdanken: Cohn sorgte dafür, dass die Bank die Krisenverluste wieder einspielte, indem sie schon früh gegen den Immobilienmarkt wettete. Das machte ihn selbst reich - sein Vermögen wird auf mehr als 250 Millionen Dollar geschätzt. Trotzdem schaffte er es nie zum Vorstandschef. Obwohl er in seinen 27 Jahren bei Goldman als beliebt, erfolgreich und loyal galt - und obwohl CEO Lloyd Blankfein seit 2015 mit dem Ruhestand flirtete.

Dann kam Trump. Besser gesagt: Trumps Schwiegersohn Jared Kushner, der Cohn die Leitung des National Economic Councils anbot. Für Cohn war es eine pikante Offerte: Cohn, ein prominentes Mitglied der linksliberalen New Yorker Society, ist politisch, gesellschaftlich und intellektuell das Gegenteil von Trump. Auch gab es bei Goldman Sachs ein ungeschriebenes Gesetz, keine Geschäfte mit Trump zu machen, der berüchtigt war für seine miserable Zahlungsmoral.

Doch die Verlockung des Angebots war größer als alle Bedenken. Mit Kushner, dessen Ehefrau Ivanka Trump, dem späteren Sicherheitsberater H.R. McMaster und dessen Vize Dina Powell bildete Cohn fortan den moderaten "Globalistenflügel" im Weißen Haus, der lange von der nationalistisch-isolationistischen Fraktion um den damaligen Chefstrategen Stephen Bannon bekämpft wurde.

Doch der war nicht das einzige Problem für die eher rational arbeitende Truppe. Auch ihr Chef Trump machte den Globalisten das Leben schwer. Etwa als er - ohne Vorwarnung - eine Steuerreform ankündigte. Cohn und Finanzminister Steven Mnuchin, ebenfalls ein Goldman-Alumnus, mussten überhastet einen Hauruck-Plan ausarbeiten, der prompt verrissen und begraben wurde. Alle weiteren Chancen auf ein vernünftiges Konzept sabotiert Trump zurzeit durch seinen Kleinkrieg mit den Republikanern.

"Was nun, Gary?"

So beschränkte sich die Rolle Cohns bisher darauf, die allerschlimmsten Ideen Trumps und Bannons abzubremsen, etwa einen Handelskrieg mit China. So manches Mal waren seine Bemühungen aber vergebens: Cohn war einer der Berater, die sich gegen eine Aufkündigung des Pariser Klimaabkommens ausgesprochen hatten.

Trumps Pressekonferenz vorige Woche, bei der er Rechtsextreme und Gegendemonstranten gleichstellte, raubte Cohn offenbar den letzten Nerv. Wie es hieß, habe er danach seinen Rücktritt einreichen wollen - doch dann kam ihm Bannons Abgang zuvor.

Der ist jetzt zwar als direkter Widersacher im West Wing ausgeschieden, will aber über seine Website "Breitbart" weiter gegen die "Globalisten" im Weißen Haus "Krieg" führen. Wo der zusehends manische Trump dabei steht, weiß längst keiner mehr.

"Was nun, Gary?", schreibt sein Bekannter Cohan in der "Vanity Fair". "Warum lässt du dir diesen Scheiß noch gefallen?" Die Antwort: Cohn will Fed-Chefin Yellen beerben, deren Amtszeit im Februar ausläuft. Trump, in klassischer Manier, hat sich bislang nicht geäußert, wozu er tendiert. Er könnte Yellen erneut benennen oder jemand anderen wählen. Und so geht Gary Cohns faustischer Pakt weiter.

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