Sorge vor Engpässen Bei US-Unternehmen wächst der Widerstand gegen Strafzölle

US-Firmen fürchten Wettbewerbsnachteile und Lieferengpässe. Sie wollen Präsident Trump von seinen Plänen für Metall-Strafzölle abbringen - rechnen sich aber kaum Chancen aus.
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In der US-Wirtschaft formiert sich Widerstand gegen die von Präsident Donald Trump angekündigten Schutzzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte. Hinter den Kulissen werde bereits daran gearbeitet, die Regierung von Ausnahmen oder einem Abmildern der Pläne zu überzeugen, berichtet die Agentur Reuters.

Sie beruft sich unter anderem auf einen führenden Vertreter eines Industrieverbandes, der jedoch namentlich nicht genannt werden wollte. Demnach versuchen die Unternehmen, Trump von seinen Plänen abzubringen, bevor er sie in der kommenden Woche in Kraft setzt. Dazu werde hinter den Kulissen alles aufgefahren. Allerdings würden die Erfolgsaussichten wegen der derzeitigen Dynamik im Präsidialamt aber eher pessimistisch eingeschätzt.

Offiziell reagierte Trump mit den Strafzöllen auf Vorschläge, die ihm Handelsminister Wilbur Ross unterbreitet hatte. Das Timing könnte aber auch innenpolitische Gründe haben. Die Russlandaffäre und andere Probleme setzen Trump unter Druck. In dieser Lage wollte er die Aufmerksamkeit möglicherweise auf ein neues Thema lenken.

Doch der Widerstand gegen die Strafzölle fällt heftiger aus, als etwa bei den Debatten um Einwanderung und Waffenrecht. Selbst Trumps republikanische Parteifreunde melden sich ungewohnt deutlich zu Wort. Politiker und Firmen fürchten schwer zu kontrollierende Kettenreaktionen infolge der Zölle. Die Zoll-Gegner unter den Unternehmen treibt die Furcht vor höheren Kosten und Engpässen bei der Belieferung mit Stahl und Aluminium um.

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Die deutlichste Kritik kam aus der Dosen-Industrie. "Wie die meisten Brauer verkaufen auch wir eine wachsende Menge Bier in Aluminiumdosen, und dieses Vorhaben wird zu steigenden Aluminiumpreisen und wahrscheinlich zu Jobverlusten in der gesamten Bierbranche führen", sagte ein Sprecher des Brauereikonzerns MillerCoors.

Die Dosenhersteller wollen in der kommenden Woche Druck auf Abgeordnete und Regierungsvertreter ausüben. Zumal die Zollpläne auch im Trump-Lager umstritten sind. Denn während sich etwa Handelsminister Ross und Trumps Handelsberater Peter Navarro für die härtere Gangart aussprachen, lehnen unter anderem Finanzminister Steven Mnuchin und der Chef des Nationalen Wirtschaftsrates, Gary Cohn, sie ab. Ross sei nicht klar, dass ein paar Cent bei der Menge an Dosen für Getränke, Suppen und andere Lebensmittel viel Geld sei, sagte der Verbandspräsident der Dosenfabrikanten, Robert Budway.

Auch aus der Autoindustrie gibt es Warnungen vor Preiserhöhungen wegen der Schutzzölle. Dadurch würden nicht nur die Verbraucher belastet, sondern dies schade auch der Wettbewerbsfähigkeit der amerikanischen Hersteller, erklärte etwa Ford.

Lange Funkstille zwischen Trump und Bundeskanzlerin Merkel

Trump hat mit seiner Zoll-Ankündigung die Furcht vor einem weltweiten Handelskrieg geschürt. Er will damit nach eigenen Worten Arbeitsplätze sichern und die heimische Industrie wieder stärken, die seit Jahrzehnten unter zu billigen Importen leide. Die EU-Kommission kündigte als Gegenmaßnahme bereits Zölle auf "Harley-Davidson, auf Bourbon und auf Blue-Jeans" an. Kanada, Brasilien und andere wichtige US-Handelspartner drohten mit ähnlichen Schritten. Die Aktienmärkte brachen weltweit ein.

Die deutsche Industrie warnte, die US-Strafzölle und die Reaktionen darauf könnten das gesamte Welthandelssystem erschüttern. "Die Gefahr ist groß, dass andere folgen und das WTO-System zum Nachteil aller weiter ausgehöhlt wird", kritisierte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), Martin Wansleben. Die deutsche Wirtschaft sei wie kaum eine andere auf offene Märkte angewiesen.

Umso mehr dürfte es Wirtschaftsvertretern Sorgen bereiten, dass der direkte Draht zwischen Kanzlerin Angela Merkel und Trump offenbar schlecht ist. Laut der Agentur Reuters hatten die beiden zuletzt über fünf Monate hinweg keinen direkten Kontakt. Regierungssprecher Steffen Seibert berichtete über ein Telefonat am Donnerstag. Diplomaten beider Länder bestätigten laut Reuters, dass Trump und Merkel zuvor letztmals am 28. September vergangenen Jahres gesprochen hatten.

Am Donnerstag hatte Trump die Strafzölle angekündigt. In dem Telefonat zwischen ihm und Merkel am selben Tag ging es laut Regierungssprecher Seibert um den Krieg in Syrien und Russlands Rüstungspläne.

Reger Telefonkontakt mit Paris und London

Reuters zufolge hat der französische Präsident Emmanuel Macron in den vergangenen fünf Monaten sieben Mal mit Trump telefoniert. Im selben Zeitraum habe es vier Telefongespräche zwischen dem US-Präsidenten und der britischen Premierministerin Theresa May gegeben.

Mit Trumps Vorgängern George W. Bush und Barack Obama habe Merkel teils wöchentliche Telefonate geführt, berichtet Reuters unter Berufung auf deutsche Regierungsmitarbeiter. Diese könnten sich nicht daran erinnern, dass es je eine Gesprächspause von mehr als einem Monat gegeben habe.

Der Politikwissenschaftler Jan Techau vom Thinktank German Marshall Fund sprach angesichts der fünfmonatigen Funkstille von "sehr, sehr schlechten Zeichen". Er sieht auch keinen Zusammenhang mit der langwierigen Regierungsbildung in Deutschland. "Es ist ein Zeichen mangelnden Vertrauens", sagte er Reuters. "Wenn es keine persönliche Beziehung zwischen den handelnden Personen gibt, auf die man zurückgreifen kann, kann es sehr schwierig sein, die Abwärtsspirale zu stoppen."

mmq/Reuters
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