Drohende Rezession in den USA Trumps gefährlichster Gegner

Donald Trump steckt in der Konjunkturfalle: Die drohende Rezession könnte ihn die Wiederwahl kosten. Auf der Suche nach Schuldigen schlägt der US-Präsident wild um sich - macht er damit alles noch schlimmer?

Donald Trump beim Aussteigen aus der Air Force One: "WO IST DIE FEDERAL RESERVE?"
Susan Walsh / AP

Donald Trump beim Aussteigen aus der Air Force One: "WO IST DIE FEDERAL RESERVE?"

Von , Washington


Normalerweise lässt Donald Trump an Deutschland kein gutes Haar. Die Verteidigungsausgaben sind ihm zu niedrig, die Autoexporte zu hoch und mit der Bundeskanzlerin kommt er schon gar nicht klar. Nun aber hat der US-Präsident etwas entdeckt, um das er die sonst so Gescholtenen beneidet: die Geldpolitik. Wenn sich Deutschland verschulde, dann zahle es nicht nur "null Zinsen", sondern kassiere sogar bei den Anlegern ab, erklärte Trump bewundernd - ganz anders als die USA, die ihre Staatsanleihen verzinsten. Und das, obwohl Amerika "ein viel stärkerer und wichtigerer Kreditnehmer ist".

Natürlich ist das präsidentielle Lob vergiftet. Trumps Anerkennung für die Nullzinspolitik der EZB ist ein Angriff auf die eigene Notenbank, deren geldpolitischer Lockerungskurs ihm viel zu zaghaft ist. "WO IST DIE FEDERAL RESERVE?", schimpfte er gleich im nächsten Tweet. Aus seiner Sicht spricht alles für eine kräftige Senkung. Es gebe "keine Inflation" in den USA, und die Stärke des Dollar mache den amerikanischen Exportunternehmen das Leben schwer.

Fed-Chef Jerome Powell: Ärger mit dem Präsidenten
JIM LO SCALZO/EPA-EFE/REX

Fed-Chef Jerome Powell: Ärger mit dem Präsidenten

Dass die Abstände, in denen Trump gegen die Fed keilt, immer kürzer und seine Beschimpfungen immer wüster werden, ist kein Zufall. Wenn sich die Zentralbanker an diesem Donnerstag im Skiort Jackson Hole zum traditionellen Jahrestreffen versammeln, bangen nicht nur die Investoren, ob ihnen Fed-Chef Jerome Powell weitere Zinssenkungen für dieses Jahr verspricht. Auch im Weißen Haus grassiert die Sorge, dass die Wirtschaft in die Rezession trudelt - und dem Amtsinhaber die Wiederwahl 2020 verhagelt.

Offiziell ist alles in bester Ordnung. Trumps Fußvolk ist ausgeschwärmt, um das Publikum zu beruhigen. "Ich sehe überhaupt keine Rezession", verkündet Wirtschaftsberater Larry Kudlow beim Sender Fox News, während sein Kollege Peter Navarro auf ABC das jüngste Alarmsignal einfach wegdefiniert. "Technisch betrachtet" habe die Verdrehung der Zinskurve vergangene Woche, als US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit plötzlich weniger Rendite abwarfen als solche mit zweijähriger, gar nicht stattgefunden, behauptete er.

Handelsberater Peter Navarro: "Mit Sicherheit eine starke Wirtschaft"
Getty Images

Handelsberater Peter Navarro: "Mit Sicherheit eine starke Wirtschaft"

Für viele Analysten dagegen ist das ungewöhnliche Phänomen so etwas wie der sprichwörtliche Kanarienvogel im Bergwerk: In der Vergangenheit folgte einer inversen Zinskurve fast immer eine Rezession. Bevor er den Job bei Trump annahm, hatte auch Navarro das so interpretiert. Heute jedoch pfeift der Ökonom lieber im Wald: "Ich kann mit Sicherheit sagen, dass wir bis 2020 und danach eine starke Wirtschaft und einen Bullenmarkt haben werden", beteuert er. Vizepräsident Mike Pence nimmt derweil die üblichen Spielverderber ins Visier. Trotz "der unverantwortlichen Rhetorik vieler in den Mainstream-Medien" sei die US-Wirtschaft pumperlgesund.

"Die Leute wählen nicht auf Basis von Zahlen"

Doch ausgerechnet beim Chef selbst herrscht längst Alarmstimmung. "Wir sind sehr weit entfernt von einer Rezession", trompetet Trump - aber verlangt zugleich, dass die Fed-Feuerwehr mit allen Löschzügen ausrückt und die Leitzinsen um einen vollen Prozentpunkt senkt. Und er selbst will alle Wasserhähne aufdrehen, noch bevor die ersten Flammen hochschlagen.

Nur einen Tag, nachdem das Weiße Haus Pläne für ein neues Konjunkturprogramm dementiert hatte, strafte Trump die eigenen Mitarbeiter Lügen und erklärte offen, dass er mit einer Senkung der Unternehmensteuern oder Sozialabgaben liebäugelt. Weil die Regierung für solch ein Gesetz die Zustimmung der Demokraten im Kongress bräuchte, hat sie sich einen Trick ausgedacht: Der Präsident könnte per Durchführungsverordnung die Kapitalertragsteuer an die Inflation koppeln, also im Ergebnis senken. "Ich würde es lieben, da etwas zu machen", so Trump noch am Dienstag. Wieder einen Tag später allerdings schien seine Herzensglut für das Projekt schon wieder erkaltet. "Derzeit" erwäge er keine Steuersenkungen, sagte er am Mittwoch.

Womöglich haben ihm seine Berater in der Zwischenzeit veranschaulicht, dass er sich mit dem Ausplaudern des Vorhabens keinen Gefallen tut. "Die Leute wählen nicht auf Basis von Zahlen. Sie wählen danach, ob sie sich gut fühlen, und der Präsident hat das verstanden", zitierte das Nachrichtenmagazin "Politico" einen Trump-Getreuen.

Der "Auserwählte" im Handelskrieg

Einige in der Regierung befürchteten, dass das Gerede über Konjunkturprogramme die Amerikaner verunsichern könnte, berichtete auch die "Washington Post" - und das wiederum könnte der Konjunktur schaden. Denn es sind derzeit noch immer die munter einkaufenden Verbraucher, die die US-Wirtschaft am Laufen halten, während sich ihr Präsident als "der Auserwählte" im Handelskrieg mit China wähnt. Geraten die Käufer in Panik, wäre es mit dem Wachstum schnell vorbei.

Für die meisten Ökonomen lautet die Frage ohnehin nicht, ob der Abschwung kommt, sondern wann. Nach der Umfrage der National Association for Business Economics erwartet gut jeder Dritte der 226 befragten Ökonomen, dass es im Wahljahr 2020 so weit sein wird.

Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, steckt für Trump dahinter eine große Verschwörung. Die Lügenmedien "tun alles, was sie können, um die Wirtschaft zum Absturz zu bringen, weil sie denken, dass das schlecht für mich und meine Wiederwahl sein wird", glaubt er. Und auch Amerikas Notenbank schwäche das Wachstum. Es dürfte nicht lange dauern, bis auch Deutschland wieder auf der Liste seiner Sündenböcke landet.

insgesamt 63 Beiträge
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Galgenstein 22.08.2019
1. Trump und die Wirtschaft, das ist wie Feuer und Wasser
im Grunde genommen versteht er nicht sonderlich viel davon. Bis dato mussten seine Anleger und Finanziers bluten, jetzt eben das ganze Volk mit ihm. Aber wo Ignoranz das Wählerverhalten leitet und der bloße Glaube jedes rationale Argument verdrängt, schwillt das Pfeifen im Walde halt zu jenem Chor an, der sich über die Wirklichkeit erhaben wähnt.
claus7447 22.08.2019
2. Es wäre vermessen ....
... zu glauben das die Red-necks sich von Wirtschaftsdaten beeindrucken lassen. Selbst wenn die Arbeitslosenquote sich verdreifachen würde werden sie sagen USA is beautiful and great! Nein, da muss noch mehr passieren. Wem die 12.000 Lügen nichts ausmachen, der Rassismus - egal. Donny ist übrigens schon wieder deutlich beim Rückenschwimmen: es wird keine Einschränkungen beim Waffenrecht geben.
Björn L 22.08.2019
3. Wiederwahl erzwingt überfällige neue Allianzen
Die bislang ausblieben, denn man versucht es auszusitzen. Eine Wiederwahl zwingt alle dazu. In diesen Tagen ist alles möglich auch die Wiederwahl Trumps. Die USA werden sich nie wieder von diesem Ansehensverlust in der Welt erholen.
NONON 22.08.2019
4. Keine Chance
Die Wiederwahl von Trump ist sicher. Für alles Negative wird Trump die passenden Feindbilder und Schuldigen ausgraben und unrealistische Zukuntsstrategien als Allheilmittel verkaufen. Aber dann kommt das Grandioseste, das das Wahlsystem der USA zu bieten hat. Nach 2 Amtszeiten ist Schluss. Danke den Gründervätern für ihre Weitsicht.
truth hits 22.08.2019
5. Fallhöhe...
Man kann mit ein paar Taschenspielertricks, eine begrenzte Zeit lang, die Wirtschaftsdaten vernebeln und die tatsächliche Potenz vorgaukeln. Das weiß auch die FED. Die weiß aber auch, dass der Backlash umso heftiger ausfällt, je stärker zuvor die Wirtschaft unnötig angeheizt wurde. Die im Artikel beschriebenen Szenarien und Faktoren sind nun mal KEINE fake news. Nach dem Ursache- und Wirkungsprinzip gibt es, egal was DT noch macht, keine Möglichkeit, eine Rezession gänzlich zu verhindern- die kommt auf jeden Fall. Dafür hat er zu viel ökonomischen Treibstoff verbrannt, blöderweise dann, als es überhaupt nicht nötig war. Ähnlich handlungsbeschnitten wie die EZB durch ihre langfristige Zinspolitik, ist nun auch das Weiße Haus. Die FED dafür verantwortlich zu machen ist lächerlich. Diese ist unabhängig und der Stabilität der Währung verpflichtet...oder sagen wir vorsichtshalber besser, sie sollte unabhängig sein. Das Affentheater also nur, damit die Wiederwahl dieses Präsidenten gewährleistet ist? O tempores o mores!
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